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Nach der Kältehilfe ist vor der Kältehilfe

Johanniter-Unfall-Hilfe zieht Bilanz ihrer ehrenamtlichen Arbeit

  • Von Felix von Rautenberg
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ostermarsch im Regen, Eiersuche im Wintermantel: Am Wochenende waren es in Berlin tagsüber kaum mehr als sechs Grad. Der Tiefpunkt ist damit noch nicht erreicht: Für die kommenden Nächte sagen die Wetterdienste Temperaturen unter Null voraus. Es soll sogar schneien.

Nicht alle Menschen können zu Hause die Heizung wieder anschalten und sich einen Tee kochen. Nach Schätzungen der Caritas leben in Berlin rund 3000 bis 6000 Menschen auf der Straße. Die Kältehilfesaison ist längst vorbei: Plätze in Notunterkünften von Wohlfahrtsverbänden und kirchlichen Trägern gibt es also kaum mehr. Das Problem ist wie so oft die Finanzierung. Zwar fördert die Senatsverwaltung für Soziales seit nunmehr 30 Jahren niedrigschwellige Angebote der Wohnungslosenhilfe. Allerdings werden Plätze im Rahmen der Kältehilfe nur von November bis Ende März finanziert. Und nicht jede Wohnungslosenhilfe wird auch vom Senat bezahlt. Medizinische Versorgung von Obdachlosen in Krankenhäusern müssen die Einrichtungen beispielsweise in der Regel selbst tragen, weil die Betroffenen die Auflagen der Bezirksämter zur Kostenübernahme nicht erfüllen können. Ohne Krankenversicherung müssten sie Kontoauszüge der vergangenen drei Monate einreichen. Doch viele Obdachlose haben kein Bankkonto.

»Im letzten Winter gab es einen Patienten mit einem Leistenbruch, den wir an eine Rettungsstelle überwiesen haben. Eine Woche später stand er wieder vor uns. Das Krankenhaus hatte ihn fortgeschickt, da sein Anliegen nicht akut genug war«, sagt Nicole Höbbel. Mit ihrem Kollegen Andreas Braun sitzt die stellvertretende Einsatzplanerin der Johanniter-Unfallhilfe in einem Büro des Regionalverbandes in Lichterfelde. In den Wintermonaten sind sie in ehrenamtlichen Ambulanzteams im Einsatz und leisten Ersthilfe für Menschen, die auf der Straße leben. »Die Menschen haben oft physische oder psychische Probleme, wenn sie auf der Straße leben. Obdachlosigkeit macht krank.«

Die Kältehilfe ist ein deutschlandweit einzigartiges Hilfssystem aus Kirchenverbänden, Caritas, Diakonie und dem Deutschen Roten Kreuz. Auch das Team der Johanniter steht in der Kältesaison von November bis März immer donnerstags an der Marienkirche am Alexanderplatz. Obdachlose erhalten dort kostenloses Essen und können sich anonym in einem mobilen Einsatzzimmer medizinisch versorgen lassen. Das Team aus 21 Pflegern und Ärzten säubert Wunden, gibt psychologische Beratung, wechselt Verbände. »Das ist ein Projekt der gesamten Johanniter-Familie. Egal ob Bundes- oder Landesvorstand, alle standen schon mal in der mobilen Arztpraxis. Die Kältehilfe ist und bleibt ein ständiges Thema bei allen Besprechungen«, sagt Andreas Braun, Ehrenamtskoordinator der Johanniter.

Ihre Ärzte und Pfleger haben im vergangenen Jahr in 44 Einsätzen rund 352 freiwillige Arbeitsstunden geleistet. Auch 88 Küchenhelfer zählt das ehrenamtliche Team, das seit sieben Jahren auch kostenlos Essen an Obdachlose ausgibt. Neben dem Standort an der Marienkirche betreibt der Verband außerdem gemeinsam mit der dortigen Kirchengemeinde das »Café Krause« an der Kreuzberger Sankt-Thomas-Kirche.

»Früher haben wir uns den Einsatzwagen von der Rettungsstelle geliehen«, erzählt Braun. Das sei nun vorbei. Der Wagen sei mittlerweile dauerhaft zur mobilen Arztpraxis umgebaut worden: für rund 60 000 Euro. Für die tägliche Arbeit werben die Johanniter Spenden ein. Doch mit dem Geld könnten sie nur das Nötigste finanzieren. Gerne würden sie in der Kälteambulanz auch handelsübliche Medikamente gegen Erkältungen präventiv ausgeben, so Braun. Doch aus finanziellen Gründen sei das nicht möglich.

Er beschreibt die Arbeit seines Teams als eine Art von Streetwork: »Wir sind an die Zeitschiene gebunden, wenn es um das Vertrauen der Patienten geht. Unsere Uniformen können erst mal abschrecken. Wenn uns die Patienten aber ein paar Mal besuchen, öffnen sie sich.« Einige von ihnen verweist die Kälteambulanz dann an soziale Beratungsstellen, beispielsweise von der Stadtmission oder der Caritas. Medizinische Fälle, die nicht vor Ort behandelt werden können, verweisen die Ehrenamtlichen ans Krankenhaus. Doch schon auf dem Weg dahin gibt es Hindernisse. Braun sagt: »Am schlimmsten ist es, wenn die Obdachlosen akut verletzt sind. Wir können sie dann nicht zum Krankenhaus bringen, da wir keine Transportgenehmigung haben.« Liegt eine akute gesundheitliche Gefährdung des Betroffenen vor, ruft das Ambulanzteam der Johanniter die Rettungsstellen, die die betroffene Person dann ins Krankenhaus bringen. Doch die kommen oft erst, wie Nicole Höbbel ergänzt, wenn »sie fast auf der Straße umfallen«.

Erst im November geht das ehrenamtliche Team der Johanniter wieder auf Kältehilfetour. Doch bereits jetzt gibt es viele Anfragen zur ehrenamtlichen Unterstützung, berichtet Braun sichtlich erfreut. »Nach der Kältehilfe ist vor der Kältehilfe.«

In der Saison 2016/2017 verzeichnete die Berliner Kältehilfe 100 721 Übernachtungen in 26 Notübernachtungsstellen und 14 Nachtcafés. Die Auslastung lag bei 90,6 Prozent, vereinzelt aber weit über 100 Prozent. Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Zahl der Obdachlosen gestiegen. Braun sagt: »Irgendwann läuft das Fass über und dann muss etwas passieren.«

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