KZ-Gedenkort vor Versteigerung

Sorge um Zugänglichkeit des unterirdischen Stollensystems in Langenstein-Zwieberge

  • Von Hendrik Lasch, Halberstadt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Allein die Relation erschüttert. 7000 Häftlinge des KZ Buchenwald schufteten ab April 1944 im Außenlager Langenstein-Zwieberge, um für die unterirdische Rüstungsproduktion 13 Kilometer Stollen in die Thekenberge bei Halberstadt zu graben. 750 000 Tonnen Gestein wurden in den zwölf Monaten bis zur Befreiung bewegt - über 100 Tonnen pro Häftling. 1800 von diesen überlebten das nicht. Die Gänge sind heute das Herzstück der KZ-Gedenkstätte; ein 120 Meter langes Stück ist seit 2005 für Besucher zugänglich. Im Herbst aber sollen 43 Flächen in der Gegend zwangsversteigert werden; betroffen ist auch das Areal mit dem Stollensystem. Ob der Zugang durch einen neuen Besitzer gewährt bliebe, ist völlig offen. Auf die Versteigerung der Grundstücke mit einer Gesamtfläche von gut einem Quadratkilometer drängt die Stadt Halberstadt. Ihr schuldet der Eigentümer, der seit Jahren insolvent ist, Grundsteuer; dem Vernehmen nach geht es um einen sechsstelligen Betrag, den die Kommune einzutreiben verpflichtet ist. Ein erster Anlauf dazu wurde im Juni 2016 genommen. Damals wurden 300 000 Euro geboten, gut zwei Drittel des Verkehrswertes. Weil aber Zweifel am potenziellen Käufer aufkamen, habe die Kommune den endgültigen Zuschlag versagt, schrieb die »Magdeburger Volksstimme«. Am 12. September soll ein neuer Versuch starten.

Für die Gedenkstätte ist der absehbare Besitzerwechsel heikel. Derzeit wird Besuchern in den Sommermonaten an je einem Wochenende die Möglichkeit gegeben, sich einen eigenen Eindruck von den Gängen zu verschaffen, die im Rahmen der Operation »Malachit« in den Berg getrieben wurden. Basis dafür war ein Vertrag, den das Land mit dem Eigentümer schloss. Er ist laut »Volksstimme« vom Insolvenzverwalter bereits gekündigt. Immerhin: Zugang zu den Stollen blieb gewährt. Ein neuer Eigentümer wäre jedoch nicht verpflichtet, das ebenso zu handhaben.

Die Stadt ist sich des Dilemmas bewusst. Es handle sich um eine »sensible Liegenschaft«, sagt Oberbürgermeister Andreas Henke (LINKE) dem »nd«. Ziel sei es, »ein angemessenes Nutzungsrecht« für die Gedenkstättenstiftung des Landes, zu der Langenstein-Zwieberge gehört, »auch bei einem neuen Eigentümer zu erhalten«. Dafür setzten sich »die Stadt Halberstadt, die Stiftung, die Staatskanzlei und das Ministerium für Kultur auf unterschiedlicher Ebene ein«. Beteiligt sei auch das Innenministerium - um eine »missbräuchliche Nutzung« der Stollen auszuschließen, wie Henke formuliert. Es gibt Befürchtungen, Rechtsextreme könnten über Strohmänner Zugriff auf das Stollensystem anstreben, das in der DDR zum Waffen- und Munitionslager ausgebaut worden war und nach 1989 für Schlagzeilen sorgte. Die DDR-Notenbank entsorgte dort Geldscheine im Wert von rund 100 Milliarden Mark, die mit der Währungsunion überflüssig geworden waren. 2002 entschied man sich dann doch zur Vernichtung in einer Müllverbrennungsanlage.

Für die Überlebenden des KZ ist der Stollen von zentraler Bedeutung: als »Ort unseres Leidens«, wie ein 96-jähriger früherer Häftling sagt. Auch für die pädagogische Arbeit ist er wichtig. Allerdings beschränkt sich die Gedenkstätte nicht darauf. Im April 2011 wurden ein neues Mahnmal eingeweiht und eine eine Fläche neu gestaltet, auf der 772 umgekommene Häftlinge in Massengräbern verscharrt wurden - anonym. Der Förderverein der Gedenkstätte möchte, dass für jeden von ihnen eine Namenstafel angebracht wird. Um die jeweils 150 Euro aufzubringen, werden unter anderem Konzerte veranstaltet. Ihr Titel: »Noten für Namen«.

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