Von Sebastian Bähr

Halb Atze, halb Tussi

Frauen suchen nach Auswegen aus der Mackerkultur der Graffitiszene

Golden Girl - Frauen mit Farbe

Linien verbinden sich mit Farbflächen. Sie nehmen Gestalt an, werden zu Buchstaben, verschlingen einander und fallen übereinander her. Ein Schatten lässt Symbole lebendig werden, kleine Farbtupfer glitzern auf Beton. Es regnet leicht, aber davon lässt sich die Hand mit der pinken Sprühdose nicht beeindrucken. Die andere führt eine süßlich schmeckende Selbstgedrehte zum Mund. Im Hof des Kreuzberger Stadtteilzentrums »Alte Feuerwache« steht Julia Kaya, in der Berliner Graffiti-Szene eher unter den Pseudonymen »Golden Girl« und »Unsin« bekannt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit will die 33-jährige Sprayerin mit ihrem Bild fertig sein. Angst vor der Polizei hat sie keine, es handelt sich um eine legale Wand. Aber schon morgen kann ihre kalligraphische Komposition wieder verschwunden sein. Im Hof ist die Künstlerin mit dem grauen Kapuzenpullover, den blonden Haaren und der schwarzen Bomberjacke alleine. Lediglich ein paar Kiezjugendliche fahren ab und zu mit ihren Autos vor. »Ich werde unerträglich, wenn ich nicht regelmäßig meine Portion Aerosol schnüffeln kann«, sagt Julia. Sie lacht dreckig und setzt ihren Tag unter das fertige Werk.

Kurze Zeit später, in ihrer Wohnung: Kleine Herzen hängen an der Wand neben einem alten Foto, das eine New Yorker Häuserwand vor der Gentrifizierung zeigt. »Graffiti ist für mich kein Hobby, es ist mein Leben.« Julia zündet sich eine Zigarette an. Die in Ostberlin aufgewachsene Künstlerin hatte in einer Zeit mit Malen begonnen, in der Graffiti noch als Sachbeschädigung galt. Das war, bevor Werbeunternehmen und die Kulturindustrie die Sprayerästhetik adaptierten und Banksys Schablonenbilder auf Kunstauktionen für absurde Summen zu kaufen waren. Bereits zu Schulzeiten hatte die Tochter einer Bahn-Angestellten ihre Mitschüler in Vorträgen über Szenepioniere aufgeklärt. Es dauerte nicht lange, bis sie sich selbst ausprobierte. Graffiti wurde zum Lebensgefühl, zur »Ersatztherapie« und zur Lohnarbeit. Heute gibt Julia Workshops für Kinder, nimmt Auftragsarbeiten an, fährt zu Wettbewerben oder gestaltet Leinwände.

Nur von einer Sache musste die gelernte Bürokauffrau immer Abstand nehmen: »Da ich zeitig Mutter wurde, konnte ich keine großen Risiken mehr eingehen. Die illegalen Geschichten waren für mich erst mal gelaufen.« Im gleichen Atemzug weist Julia darauf hin, dass es sich beim Zügebemalen um die »Königsdisziplin« des Graffiti handelt - begrenzte Zeit, begrenzte Farben, höheres Risiko. Doch 2001 kam der Sohn, zehn Jahre später die Tochter. Während männliche Kollegen ihren Stil perfektionierten und die U-Bahnschächte unsicher machten, musste Julia Windeln wechseln und ihre Kinder in die Schule bringen. Ein Verzicht auf das Aerosol kam für sie aber nie in Frage. Erst eine Verabredung mit dem Ex-Partner verschaffte Julia die Zeit, um regelmäßig wieder sprayen zu gehen. »Durch unser geteiltes Sorgerecht habe ich ein paar Freiheiten, sonst wäre das nicht möglich«, sagt sie. Die Tage, an denen die Tochter bei ihrem Vater spielt, gehören dem Lack.

"Tussi und Atze"

Nicht nur das Muttersein hatte Julias künstlerische Entwicklung erschwert. Rund 4000 Sprayer gibt es nach Angaben der Polizei in Berlin. Martin Gegenheimer vom Graffitiarchiv schätzt jedoch, dass davon im illegalen Bereich nur ein bis drei Prozent Frauen sind, in der Streetartszene etwa zehn Prozent. Die Geschlechterdominanz hat für Frauen Folgen: »Wenn du im Sommer einen Rock oder ein kurzes Top trägst, dann bist du schnell die Schlampe«, sagt Julia. Den Kanon der ätzenden Sprüche kennt sie auswendig: »Ich hab noch nie ‘ne Olle malen sehen«, »Für ‘ne Frau nicht schlecht« oder »Du hast nur gewonnen, weil du ‘ne Frau bist« gehören zu den Klassikern.

Auch im Zwischenmenschlichen war es für sie oft unangenehm: Wenn man mit einem Typen zusammen sprayen gehen wollte, wurde getuschelt; wenn man sich mit einem verabredete, war man wieder »die Schlampe«. Und wenn es bei einer Crew zur »Action« kam, wurden naive Frauen auch schon mal »verheizt«, also im Falle des Geschnapptwerdens der Polizei überlassen. »Ich musste knallhart sein und konnte das Weibliche nicht richtig ausleben.« Julia zog ihre eigenen Schlüsse und ging fortan alleine sprayen - auch wenn sie sich weiter als Teil der Szene sah. Mit talentierten Frauen würde sie heute gerne öfter herumzuziehen, doch die Künstlerin kennt trotz guter Vernetzung nur wenige. »Ich kann nicht ausschließen, dass im Grunewald irgend ‘ne Olle wohnt, die krasse Styles kickt, aber ich weiß leider nichts von ihr.«

Schon seit ihren Anfängen hat die Subkultur - als Spiegel der Gesellschaft - ein Sexismusproblem. Mit der fortschreitenden Popularisierung, Kommerzialisierung und Trivialisierung von Graffiti zeigt sich dieses nun auch in der Öffentlichkeit. Erst im März ließ Heidi Klums Castingshow »Germanys Next Topmodel« eine Gruppe junger Frauen in einem »sexy Graffiti-Shooting« von einem angeblichen Künstler bemalen und anschließend nackt herumstolzieren. Auch die Szene-Medien sind nicht unbedingt fortschrittlicher. Das Graffitimagazin »Hamburg Vandals« wirbt beispielsweise mit einem Model auf seiner Titelseite, das nur mit Sturmhaube und Spraydose bekleidet vor einem Zug steht. In den bekannten Dokumentationen wie »Pure Hate«, »Unlike U« oder »Berlin Kidz« kommen, soweit man es erkennen kann, nur Kerle vor. Lediglich der 2016 veröffentlichte Film »Girl Power« der tschechischen Künstlerin Sanny über die europäische Sprayerinnenszene stellt eine Ausnahme dar.

»Frauen tauchen oft nur als posende Sexobjekte zwischen Zügen auf«, bestätigt Martin Gegenheimer. Auch die Experten vom Graffitiarchiv haben sich mit den Geschlechterbildern in der Szene beschäftigt. »Die eine Gruppe von Frauen zieht sich als Folge zurück und macht ihr eigenes Ding, die andere bleibt bei den Typen in der Crew, weil sie auf die Kategorie Geschlecht allgemein weniger wert legt«, so Gegenheimer. Doch beide Gruppen hätten unter den herrschenden Stereotypen zu kämpfen: »Für die einen ist man als starke Frau zu emanzipiert, für die anderen bleibt man ein Groupie, der nur mit einem Typen schlafen will«. Die Studie »We can do« der Pädagogin Nadja Madlener über Mädchen und junge Frauen in der Graffitiszene zeigt die Bedeutung der Sozialisation für diese Rollenbilder auf: Für Jungs ist es gesellschaftlich legitim, abenteuerlich und aggressiv zu sein. Für Mädchen nicht.

Frauen versuchen immer wieder, diese Geschlechterbilder aufzubrechen und Sprayerinnen zu vernetzen. Eine der wichtigsten Anlaufstellen in Berlin ist die »All Female Jam«, die von der 60-jährigen Mizza Caric im Hof der »Alten Feuerwache« in Kreuzberg organisiert wird. Seit zehn Jahren kommen hier am Wochenende nach dem Frauentag Graffitisprayerinnen und Streetartkünstlerinnen zusammen, um gemeinsam Wandbilder zu gestalten. »Es ist wichtig, dass es ein Treffen der verschiedenen Generationen gibt«, sagt Caric, die in ihrer Jugend als »Politsprüherin« auch selbst mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. »Ich habe gemerkt, dass die jungen Frauen heute genauso verfolgt werden, wie wir damals. Nicht für ihre Sprüche, sondern für ihre Bilder.«

Schamhaare, Kitzler und Eierstöcke sind bereits gut zu erkennen. »Eine Geburtsmetapher und das Abfeiern von Weiblichkeit«, erklärt eine Sprayerin. Als gemeinsames Kunstprojekt wird dieses Jahr eine große Vulva gemalt, aus der weibliche und queere Charaktere herauskriechen. Rund 30 Frauen nehmen an der »All Female Jam« teil. Nicht alle sind von dem Konzept begeistert. Vergangenes Jahr sei das Wandbild bereits am folgenden Tag von einer Gruppe Jungs beschmiert worden, erklärt Caric. Doch es gibt auch Männer, die helfen wollen. Der Sprayer DOMEL hat sich diesmal zur unbeliebten Arbeit des Vorstreichens bereit erklärt, eine Tätigkeit, die sonst oft den Neulingen überlassen wird. Und doch hat der 36-Jährige auch Vorbehalte: »Mit einer Frau würde ich nicht sprayen gehen. Wenn der was passiert, was mach ich dann?« Seine achtjährige Tochter will er aus der Szene heraushalten.

Das gemeinsame Wandbild beim Frauentagsmalen in der
Das gemeinsame Wandbild beim Frauentagsmalen in der "Alten Feuerwache" in Kreuzberg

Julia ist beim Frauentagsmalen ebenfalls dabei. In einer Küche trifft sie auf die Urgesteine ASEM und CHY, die zur fast schon legendären Berliner Frauencrew REAL HOME GIRLS (RHG) gehören. Explizit weibliche Crews sind etwas sehr Seltenes. In den Jahren nach der Wende gab es in der Hauptstadt noch einige andere Zusammenschlüsse, doch alle haben sich mittlerweile aufgelöst. RHG ist nach dem Wissen des Graffitiarchivs die einzige Gruppe, die zumindest in loser Form noch existiert. Die wilden Jahre sind aber schon lange vorbei.

Die Crew begann Anfang der 1990er Jahre als Zusammenschluss von zwei Freundinnen. Um Feminismus sei es damals vordergründig nicht gegangen, erklärt ASEM. Ihren ersten künstlerischen Höhepunkt erreichte die Gruppe 1998, den zweiten um 2009. Danach folgten Kinder, Lohnarbeit, Partner, die Angst vor Strafverfolgung und unterschiedliche Lebensentwürfe. Ihre aktive Zeit hatten die Sprayerinnen jedoch gut genutzt: »Bis 1998 haben wir eine dreistellige Anzahl an Zügen bemalt«, erklärt ASEM stolz. Später hätten sie nichts Illegales mehr gemacht. Was ihr am Graffitileben gefallen hat? »Es ging um den Adrenalinkick und die Freude, einen selbst bemalten Zug zu sehen.« Früher hätten es Frauen aber auch noch schwerer gehabt, so die Sprayerin. Die Graffitiszene der 1990er Jahre sei noch mehr als heute durch Gangstrukturen geprägt gewesen. Die RHG-Frauen kämpften sich durch, waren »halb Atze und halb Tussi«. Die nächtlichen Streifzüge brachten aber auch den ersehnten Respekt: »Nachdem wir es allen gezeigt hatten, verstummten die Skeptiker.«

Beim Frauentagsmalen werden neben der großen Vulva noch viele kleine Vulven auf die angrenzenden Wände gemalt. Die Sprayerinnen sollen die Namen von Frauen, die sie beeinflusst haben, in sie hineinschreiben. Es finden sich nach ein paar Stunden unter anderem Sookee, Pippi Langstrumpf, Patti Smith und Coco Chanel auf dem Beton. Julia, die ein bisschen über die ganzen Vulven kichern muss, überlegt, wen sie auswählen soll. Sie entscheidet sich für »June«, den Namen ihrer fünfjährigen Tochter. »Wenn meine Kinder aus dem Haus sind, geh ich vielleicht noch mal ein paar Züge malen«, sagt sie mit einem zwinkernden Auge. Bis es soweit ist, kann sie ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weitergeben. Ihre Tochter will nämlich als Erwachsene beides werden: Tierärztin und Graffitisprayerin.

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