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»Masada darf nie wieder fallen«

Wenn Archäologie politisch wird - zum Beispiel im Nahen Osten

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Für die meisten sind es nur Massen von Erde, die Lastwagen da abtransportieren; doch für Dr. Menachem Levinson ist es ein Schatz: »Die Palästinenser werfen unsere Geschichte auf den Müll«, brüllt der Archäologe in den Motorenlärm. Wenige Meter weiter erhebt sich der Haram al Scharif, Har HaBajit, der Tempelberg - ein Ort an dem Religion, Politik und Geschichte sich zum Epizentrum des Nahost-Konflikts vereinen. Seit Jahrzehnten streiten Israelis und Palästinenser darum, wem dieser Ort zusteht, und Archäologen wie Dr. Levinson kämpfen an vorderster Front.

Denn im Nahen Osten sind die Geschichtswissenschaften wichtige Waffen: Vor allem rechte Organisationen, die eine Ansiedlung von Juden in den palästinensischen Gebieten anstreben, sind deshalb ständig auf der Suche nach Funden, die vergangenes jüdisches Leben dort belegen: »Wenn wir beweisen können, dass ein Ort eine jüdische Geschichte hat, dann wird es für die internationale Gemeinschaft schwerer zu behaupten, dass wir diesen Ort besetzt haben«, sagt Levinson.

Kleine Funde können große Auswirkungen haben: Nachdem eine Münze gefunden wurde, behaupteten Archäologen, diese sei in Gaza geprägt worden und belege eine frühe historische jüdische Präsenz dort. Bis heute führt die Siedlerbewegung dies als Argument für die Forderung nach neuen Siedlungen im 2005 von Israel geräumten Gazastreifen an. Auch die Siedlungen im Westjordanland, die nach 1967 als militärische Posten gegründet worden waren, werden heute vielfach durch Archäologie und Geschichte legitimiert. Neu ist dies nicht: Bereits 1951 beklagte Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion in einem Interview, dass Israelis in den USA und in Großbritannien als »Fremde in einem fremden Land« gesehen würden.

Was sich allerdings nur wenige Jahre später schlagartig änderte, als das Fluchtdrama »Exodus« (1960) in die Kinos kam: »Exodus« habe wohl wie kein anderer Film das Bild Israels in der westlichen Öffentlichkeit geprägt, schrieb Edward Said. Dabei hat die Handlung des Films um das gleichnamige Schiff, das 1947 jüdische Emigranten in das Mandatsgebiet Palästina bringen sollte, mit den tatsächlichen Ereignissen so gut wie nichts gemein.

Während die Geschichte nach außen Legitimität verschaffte, wurde sie in dieser Zeit aber auch dazu genutzt, ein gesellschaftliches Narrativ zu kreieren: Denn nachdem über Jahrzehnte vor allem Menschen ins Land eingewandert waren, die vom Drang getrieben wurden, etwas Neues auf Altem zu schaffen, strömten in den 1940/50er Jahren vor allem Menschen dorthin, die nicht aus »Überzeugung, sondern aus Deutschland« kamen, wie es 1954 in einem Kommentar der Zeitung »HaAretz« hieß, kurz darauf gefolgt von Menschen, die aus arabischen Ländern flohen, und meist erst in Israel vom zionistischen Projekt erfuhr.

Dass ausgerechnet die Archäologie dabei half, einen gemeinsamen »Nenner«, ein »Wir-Gefühl« zu schaffen, war eher Zufall: In den frühen 1960 Jahren begann ein ehemaliger Militäroffizier namens Jiga‘el Jadlin mit Ausgrabungen rund um Masada: Nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. hatte sich eine Gruppe von Juden, Sikarier genannt, in der dort gelegenen Bergfestung verschanzt, und am Ende, kurz vor der Erstürmung durch die Römer, kollektiven Suizid begangen. Jadlins Arbeit begründete den Mythos der Wehrhaftigkeit und Allentschlossenheit, der bis heute fest im gesellschaftlichen Bewusstseins Israels verankert ist, auch wenn er mittlerweile Risse bekommen hat. So schworen bis 1991 dort Wehrdienstleistende: »Masada darf nie wieder fallen.« Von der Wissenschaft werden jedoch die Sikarier mittlerweile als fanatische Sekte angesehen, die mit Gewalt auch gegen Juden vorgingen, die ihre eigenen, sehr strengen Religionsinterpretationen nicht teilten; das Militär gab die Praxis deshalb auf.

Die Bemühungen, Geschichte und Staat zu verbinden, reichen bis in die Frühzeit der zionistischen Bewegung zurück: Das 1909 gegründete Tel Aviv, benannt nach dem hebräischen Titel des Romans »Altneuland«, in dem Theodor Herzl seine Vision von einem idealen neuen Staat auf alter Basis beschrieb, entstand nach offizieller Lesart auf einer alten jüdischen Siedlung, und sei »die Umsetzung der Herzlschen Utopie«, so Nachum Sokolov, der damals das Buch des Begründers des Zionismus übersetzt hatte. Vor allem unter britischer Herrschaft wurde verstärkt nach Überresten vergangener jüdischer Siedlungen gesucht und dort bevorzugt neue Ortschaften mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit errichtet. Die Briten reglementierten die Aktivitäten der zionistischen Organisationen zwar streng, mit historischen Belegen hatte man indes ein gewichtiges Argument in der Hand.

Nachdem Israel 1967 Ost-Jerusalem, das Westjordanland, Gaza und die Golanhöhen besetzt hatte, wurden entsprechende Bemühungen verstärkt. Während die Arbeitspartei, die seit 1948 die israelische Politik dominiert hatte, stets betonte, man wolle diese Gebiete nicht auf ewig okkupieren, entstand mit dem Likud eine neue, rechte Kraft, die dafür plädierte, sie zu behalten. In den 1970er Jahren standen strategische Argumente im Vordergrund. Unter national eingestellten, religiösen Israelis breitete sich indes eine Bewegung aus, die die biblische Verbundenheit mit dem Westjordanland und Ost-Jerusalem beschwor. In diesem Sinne wurde 1980, wenige Jahre, nachdem der Likud erstmals an die Macht gekommen war, das Jerusalemgesetz verabschiedet, das eine faktische Annexion Ost-Jerusalems bedeutete, und kurz darauf zudem das Westjordanland offiziell mit den historischen Namen Judäa und Samaria belegt.

Auf der palästinensischen Seite klagen Wissenschaftler, ständig die historisch begründeten Besitzansprüche kontern zu müssen. »Unsere eigene Geschichte können wir kaum aufarbeiten, weil wir nicht einfach irgendwo in Israel oder in den vom israelischen Militär kontrollierten besetzten Gebieten graben dürfen«, kritisiert der Historiker Rami Zamani. »Ich würde gerne, so wie es die Israelis in Palästina tun, in Israel die Orte palästinensischer Präsenz ausforschen, die Geschichte des palästinensischen Volkes erzählen.« Es ist eine beidseitig vertrackte Geschichte. So wie palästinensische Bauarbeiter am Tempelberg Schutt eilig beseitigen, werden in Israel die Wurzeln der Palästinenser entsorgt.

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