Von Susanne Schwarz

Wissenschaft in 600 Städten auf der Straße

Weltweit findet am Samstag der »March for Science« statt

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US-Präsident Donald Trump füttert gern Enten. Etwa wenn er behauptet, der menschengemachte Klimawandel sei eine solche. Längst ist klar, dass sich das Erdsystem rasant erwärmt - und dass natürliche Phänomene zur Erklärung auf keinen Fall ausreichen. Dennoch will der Rechtspopulist im Weißen Haus die internationale Klimadiplomatie blockieren, fossile Energieträger retten und einschlägige Forschungsgelder streichen. Erkenntnisse, Empirie, Theorie - für Wissenschaft hat der Präsident nicht viel übrig. Forscher in den USA haben deshalb bereits Anfang des Jahres einen außergewöhnlichen Schritt gewagt. Sie wurden zu Aktivisten in eigener Sache und gingen am Wissenschaftsstandort Boston auf die Straße. Das wollen sie am Samstag zwei Nummern größer wiederholen.

In weltweit über 600 Städten soll der »March for Science« (»Marsch für die Wissenschaft«) stattfinden. Den Protestierenden geht es nicht nur darum, dass Trump politische Entscheidungen offenkundig nicht auf der Basis des wissenschaftlichen Sachstands fällt, sondern auch um die Blockierung ihrer Arbeit. Schon im Dezember hatten Forscher damit begonnen, ihre Daten auf unabhängigen Servern zu sichern, um sie vor der möglichen Löschung zu bewahren. Damals kursierten Gerüchte, nach denen Trump der Wetterbehörde NOAA und der Raumfahrtbehörde NASA jegliche Klimaforschung verbieten wolle. Inzwischen folgte die Ankündigung drastischer Etatkürzungen. Um die besondere Betroffenheit der Klimaforschung zu verdeutlichen, finden die Wissenschaftsmärsche am »Earth Day« statt.

Auch in 14 deutschen Städten wird es Demonstrationen geben, etwa in Berlin, Greifswald, Hamburg, München, Köln und Stuttgart. Zum Teil geht es dem hiesigen Protest um Solidarität mit den US-Kollegen. Fragt man den Meteorologen Franz Ossing, Sprecher des »March for Science Berlin«, reicht der Blick in die USA aber nicht aus. »Auch in anderen Teilen der Welt werden Wissenschaftler unterdrückt«, sagt der Ex-Pressechef des Deutschen Geoforschungszentrums, der im Ruhestand ist. »In Deutschland erleben wir vielleicht noch keine ausgeprägte Wissenschaftsfeindlichkeit, aber auch hier leugnen Menschen den Klimawandel oder verteufeln Impfungen trotz wissenschaftlich erwiesener gesundheitlicher Notwendigkeit«, so Ossing. Die Unterstützerliste ist auch hierzulande lang. Viele renommierte Institutionen stehen darauf - Universitäten, Hochschulen, Uni-Stiftungen, Fachgesellschaften, Institute. Hinzu kommen hunderte prominente Einzelpersonen.

Doch längst nicht alle Wissenschaftler finden die Märsche richtig. Der Biologe Jerry Coyne von der University of Chicago kritisiert, dass die Ziele unklar seien und sich oft ändern würden. Mal, so schreibt er in seinem Blog, wolle man nur gegen Wissenschaftsfeindlichkeit in Politik und Gesellschaft kämpfen, dann wieder gehe es auch um interne Kritik an zu wenig Diversität und zu großen Zugangshürden im Wissenschaftsbetrieb.

Tatsächlich wurden die Ziele auf der Homepage des »March for Science« mehrfach geändert. Die Debatte dreht sich darum, ob Wissenschaftler eigentlich politisch sein wollen oder nicht. Erst warf Harvard-Psychologe Steven Pinker den Organisatoren eine »linksradikale Rhetorik« vor. Er glaubt, dass der Fokus auf Minderheitenschutz Wissenschaftszweifler weiter abschrecken wird.

Als sich daraufhin der Wortlaut der Zielsetzung veränderte, wurden neue Stimmen laut, etwa die der Soziologin Zuleyka Zevallos von der australischen Swinburne University, die das vermeintlich Unpolitische des Marsches kritisierte. Die neue Formulierung schließe Minderheiten aus. So ging es mit der Wortwahl hin und her.

Andere befürchten, dass die Märsche nur zur Selbstbeweihräucherung des Wissenschaftsbetriebs dienen, aber keine gesellschaftlichen Auswirkungen haben werden. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin verniedlichte den Protest im Kurznachrichtendienst Twitter als »Wohlfühlveranstaltung für positivistische Sciencefanboys«. Damit die Demo eben nicht nur im Elfenbeinturm bleibt, fordern etwa die Berliner Organisatoren jeden Wissenschaftler auf, zur Demo noch zwei Freunde mitzubringen.

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