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»Alternative Fakten: Kannste schon machen …«

Mehr als zehntausend Menschen gingen am Samstagnachmittag zum Berliner »March for Science« auf die Straße

  • Von Susanne Schwarz
  • Lesedauer: 3 Min.

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Man kann es sich als kitschig vorstellen, wenn rund 10 000 Menschen vor dem Brandenburger Tor das zu allen denkbaren Gelegenheiten hervorgekramte Volkslied »Die Gedanken sind frei« bemühen. Wenn dieser Chor aber seine unmittelbare Existenz besingt, leben die berühmten Zeilen aus der Aufklärungszeit auf.

Am Samstagnachmittag prallt die Sonne auf Berlin-Mitte. Vielleicht ist es das Ausbleiben des angekündigten Dauerregens, das die Massen auf die Straße getrieben hat. Zum »March for Science« sind 1000 Protestler angemeldet. Erschienen sind 10 000, gibt die Polizei an. 11 000 schätzen die Veranstalter. Das gemeinsame Singen ist nur der Abschluss.

Fast drei Stunden vorher setzt sich der Zug in Bewegung. Einen langen Weg hat er nicht vor sich. Bis zum Ziel, dem Brandenburger Tor, sind es keine zwei Kilometer die Straße »Unter den Linden« hinunter. Es ist eine Demonstration, wie sie nicht alle Tage vorkommt. Optisch unterscheidet sie sich freilich kaum von anderen. Die Menschen auf der Straße gehören jedoch kaum zu Parteien, Verbänden oder Gewerkschaften, sie sind Wissenschaftler der Berliner Unis und Institute und deren Sympathisanten.

Diese neue Bewegung der Akademiker kommt aus den USA, wo der neue rechtspopulistische Präsident Donald Trump wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zum Klimawandel leugnet und gar nicht mehr aus dem Kürzen von Forschungsgeldern herauskommt. Weltweit sind für den Samstag mehr als 600 Wissenschaftsmärsche angekündigt.

Auch in Berlin dreht sich viel um das Weltklima. Zahlreiche Plakate erinnern daran, dass sich fast alle Klimatologen der Welt einig sind, dass die rasante Erwärmung des Erdsystems ohne die menschlichen Treibhausgasemissionen seit der Industrialisierung überhaupt nicht zu erklären ist.

Unter den Demonstranten ist auch der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Auch wenn er in Deutschland in seiner Forschung nicht eingeschränkt wird, geht für ihn die Bedeutung des Wissenschaftsmarsches über Solidarität mit den US-Kollegen hinaus. »In Deutschland haben wir mit der AfD auch eine Partei, die den menschengemachten Klimawandel aktiv leugnet«, sagt er. »Und auch in den anderen Parteien gibt es immer wieder Menschen, die sich dem wissenschaftlichen Sachstand verschließen.«

Schönstes Berlinerisch schmückt das Protestschild des gebürtigen Konstanzers: »Alternative Fakten: Kannste schon machen, wird dann halt scheiße«, steht darauf. Sie sind das übergreifende Thema des Protests: »alternative Fakten«, ein Begriff, den Trumps Beraterin Kellyanne Conway geprägt hat. Ein Euphemismus sondergleichen: Aussagen, die dem wissenschaftlichen Sachstand widersprechen, werden als Fakten bezeichnet, obwohl man sie auch schlicht Unwahrheit nennen könnte.

Kurz vor dem Brandenburger Tor machen einige Demonstranten einen Stopp. Hier ist die ungarische Botschaft. Protestler halten türkisfarbene Schilder hoch, auf denen »I stand with CEU« steht, »Ich bin auf der Seite der CEU«. Durch eine bürokratische Vorgabe in Ungarns neuem Hochschulgesetz wird die US-geführte Uni Central European University (CEU) in Budapest wahrscheinlich gezwungen sein zu schließen.

Am Ziel vor dem Brandenburger Tor sprechen auf der Bühne Wissenschaftler über ihre Arbeit. Und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). »Auch in unserem Land gibt es etwas zu tun: Es ist unerträglich zu erleben, wie wissenschaftlich gesicherten mit alternativen Fakten entgegengetreten wird«, sagt Müller von der Bühne aus in die Menge. Er erinnert auch an die Verantwortung, die sich aus dem deutschen Faschismus ergibt. »Es gibt in unserer Geschichte dunkle Kapitel, in denen Politik Wissenschaft unterdrückt und für die eigenen Zwecke instrumentalisiert hat«, so Müller.

Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, ruft die anwesenden Forscher auf, ihre Arbeit der Öffentlichkeit besser zu erklären. »Die Leute wollen Gewissheit haben, das ist auch verständlich«, sagt sie. »Es ist unsere Aufgabe, deutlich zu machen, dass leider keine Wissenschaft absolute Wahrheiten liefern kann!«

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