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Am ältesten Park der USA ging es los

Auch in Boston gingen Menschen am Wochenende für die Verteidigung der freien Forschung auf die Straße

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 4 Min.

Als das Massachusetts General Hospital (MGH) zur Teilnahme am »March for Science« in Boston aufrief, brach Kristen Kimball in Jubel aus, erzählt die Frau. »Wir marschieren mit dem MGH, um die Förderung der Forschung zu unterstützen wie für unseren Doktor Lewis Sequist«, sagt Kimball. Sequist ist Onkologe in Boston und behandelt ihren Mann. Der hat Lungenkrebs, obwohl er nie geraucht hat, so die Bostonerin, während sich die Teilnehmer am Boston Common sammeln, dem ältesten Stadtpark der Vereinigten Staaten. »Forschung lässt meinen Mann weiter atmen«, meint Kimball.

Boston und der Bundesstaat Massachusetts beherbergen zahlreiche wichtige wissenschaftliche Einrichtungen und Hochschulen. Im Großraum der Stadt liegen sowohl die weltberühmte Harvard University als auch das ähnlich bedeutende Massachusetts Institute of Technology (MIT). »Boston ist bekannt als eine innovative Stadt, wo Wissenschaft und wissenschaftliche Forschung Spitzenleistungen erbringen. Die Reaktion auf den Aufruf zum Marsch für die Wissenschaft war ermutigend«, erklärte Kim Hokanson, Mitverantwortliche für den Marsch in Boston an diesem Wochenende. Die Idee zur Wissenschaftsdemo rührt vom Marsch der Frauen im Januar in Washington her, bei dem gegen die Amtseinführung von Präsident Donald Trump protestiert wurde.

Doch diese Demonstration gegen Wissenschaftsfeindlichkeit - auch das wird an der Politik von Trump festgemacht - war größer: in mehr als 600 Städten in aller Welt wurde am Samstag für die Freiheit der Wissenschaft demonstriert. Man müsse etwas tun, sagten Teilnehmer in Boston. Denn die Wahrheit und die wissenschaftlich gesicherten Fakten seien bedroht.

»Die Wissenschaft hat sich nicht gegen die Politik gestellt«, sagte der Neurologe David Badre von der Brown University. »Die Politiker stellen sich jetzt gegen die Wissenschaft.« Rechte wie Donald Trump und andere Republikaner machten Politik auf der Grundlage konservativer, oft religiös bedingter Weltanschauungen und nicht aufgrund von Erkenntnissen, sagte Badre. So habe der Präsident den Klimawandel als eine von den Chinesen erfundene Irreführung bezeichnet und gefälschte Nachrichten zur Untermauerung dieser These zitiert. Und er habe tiefe Einschnitte in die Staatsausgaben für Wissenschaft und Forschung angeordnet.

»Wissenschaft und Wissenschaftler sowie auf deren Erkenntnissen gründende Politik stehen unter Beschuss«, sagte Mitorganisatorin Caroline Weinberg. Die Gesundheitsforscherin bedauert, dass man nicht schon viel früher protestiert habe. »Es geht nicht nur um die aktuelle Regierung«, so Weinberg. In Wahrheit habe man schon vor 30, vor 20, vor zehn Jahren für die Wissenschaft marschieren sollen. Früher habe man einfach nicht auf Wissenschaftler gehört. »Jetzt werden sie direkt angegriffen«, erzählt Weinberg. Und das scheine die Leute zusammen zu schweißen wie nie zuvor. »Es ist ein unnachgiebiger Angriff auf die Wissenschaft.«

Einige Kritiker der Demonstrationen vom Wochenende taten diese als Veranstaltungen bekannter Linker ab. Das stimmt sogar teilweise, denn einige der politisch linksstehenden Gruppen wie NextGen Climate sind gegen Trumps Klimapolitik. Die vom Milliardär Tom Steyer, einem bekannten Großspender für die Demokratische Partei, ins Leben gerufene Organisation kämpft gegen das Fracking von Öl und Gas, das Trump jetzt wieder ohne Auflagen freigegeben hat.

Dem hält die Gruppe Energy in Depth, die von der Industrie gesponsert wird, entgegen, dass das Fracking sogar gegen die Luftverschmutzung wirke. Das sollte bei den Demonstrationsteilnehmern Fragen aufwerfen, meint der Vizepräsident dieser Gruppe Jeff Eshelman. »Aktivisten, die angeblich ›für die Wissenschaft‹ marschieren, sollten nicht länger die wissenschaftliche Erkenntnis leugnen, dass die Schiefergasgewinnung dazu beigetragen hat, die Luft sauberer zu halten und, dass es weniger Treibhausgase gibt«, behauptet der Lobbyist.

Unabhängige Forscher sagen hingegen das Gegenteil. Denn bei der heftig umstrittenen Fördermethode werde sehr viel Methan frei, ein Treibhausgas, das für die Atmosphäre gefährlicher ist als Kohlendioxid. Geplante Beschränkungen für den Methanausstoß sind von Trump verworfen worden.

Die demonstrierenden Forscher in Boston meinten, der Streit um die Nutzung von Kohle und fossilen Treibstoffen zeige das Problem der Wissenschaft in den Vereinigten Staaten auf. »Die Wahrheit muss gegen die Kapitalinteressen ankämpfen«, sagten sie. Wenn die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibe, dann ende das in einer Katastrophe. »Zeigen sie mir eine Nation mit einer wissenschaftsfeindlichen Regierung und ich zeige Ihnen dort eine Gesellschaft mit wenig Gesundheit, Reichtum und Sicherheit«, twittere Neil deGrasse Tyson. Der bekannte Astrophysiker ist Direktor des Hayden Planetariums am American Museum of Natural History in New York City.

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