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Brownie und Barschborsten

»Glückliche Tage« von Samuel Beckett am Deutschen Theater Berlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Es könnte bleiern drücken, zäh tropfen, aber es sprudelt. Es könnte zerspringen, das Leben, aber es hat (fast immer) Fassung. Es könnte noch Rumor sein, ist aber Ritual. Das Morbide ist das überraschend Muntere.

Winnie ist an einen Stuhl gefesselt, der steht vor hohen metallkalt wirkenden Spiegelwänden, hoch oben zwei Lichtröhren. Plötzlich peinigender Sirenenklang, der wohl selber nicht sagen könnte, ob er Warnung oder Entwarnung sein soll. In einer Türöffnung, mit dem Rücken zum Publikum, hockt schräg Willie, Winnies Mann, blutende Kopfwunde, Zeitung vorm Gesicht. Zwei Stummelexistenzen. Sie fast niemals stumm, er fast immer ohne Worte. »Glückliche Tage« von Samuel Beckett, jetzt am Deutschen Theater Berlin, inszeniert von Filmregisseur Christian Schwochow (Bühne: Anne Ehrlich). Winnies Monolog in Anwesenheit des nahezu abwesenden Willie.

Beckett hat auf dem Theater allen Pomp, alle Rhetorik, alle Aktion, alles Heldentum zerschlagen. Und wo die Welt leer ist, öffnen sich Galaxien für das Wunderbarste, das Theater aufbieten kann: Schauspieler. Dagmar Manzel ist Winnie. Ist es auf jener Bühne, die viele Jahre ihre künstlerische Heimat war. Wieder erweist sich diese Schauspielerin als virtuose Technikerin blitzschneller Stimmungswechsel; es genügt die Winzigkeit eines anderen Tons, die Nuance einer anderen Lautstärke, ein Ruck des Kopfes, eine Drehung des Körpers. Sie gibt diesen Beckett aber nicht roh, nicht räudig, nicht apokalyptisch verfinstert. Wo andere das Stück ins Böse gestoßen, ins Zynische gelotst, zum Giftsprühen gebracht hätten, da bietet die Manzel einen Spiel-Raum an, darin der Totentanz wahrlich tanzbar bleibt, obwohl sie ihren Stuhl nie verlässt. Schwochow hält die Inszenierung auch dort, wo die Paar-Ödnis wahrlich ins Ungeheure, Verletzende und Zersetzende verrutscht, in einem fast schwebend-luftigem Gemurmel-Dämmer. Wo die Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und Erschütterung, von Wahn und Witz offenbart werden soll, gerät der Witz zum Erschütterndsten. Die Katastrophe als Komödie.

Bei Beckett kann man nachvollziehen, wie unser Leben unwiderruflich zu einer letzten Verlassenheit unterwegs ist. Die spätestens dann erreicht ist, wenn wir nur noch uns selber gegenüberstehen, maskenlos, illusionslos, hoffnungslos, partnerlos. Wer möchte diesen Augenblick - berechtigt angstvoll - nicht hinauszögern? Das ist es, das bittere Los aller Alten. Die auf ihren Inseln sitzen und dort noch immer das Rauschen des Meeres - das um ihre Inseln doch nur eine Kurve macht - für aufmunternden Beifall halten. Sie werfen Flaschenpost ins Wasser, als wartete die Welt noch immer auf ihr Wort. Immer nur Flaschenpost, das macht grau und noch älter und noch grantiger. Das ist die Liaison mit dem Tod, dem wir entgegendunkeln, inmitten der Zeit, die kommt, während wir gehen.

Diese Winnie aber spricht von glücklichen Tagen. »Wundervoll« ist das meist verwendete Wort im Text. Erinnerungsfetzen, Profanpartikel, Erkenntnissprengsel. Eine abgestorbene Welt, in der eine dahinwieselnde Ameise mit einem Ei (»eine Emse mit einem kleinen weißen Ball«) als der letzte Irrtum einer doch längst abgelaufenen Schöpfungsgeschichte gelten muss - und von Winnie und Willie heftig belacht wird. In solcher Welt bleibt dies das einzige Mysterium: die durchaus charmante Kraft einer Mitteilungsfreude, die der realen Lage frech und zäh widerspricht. Die immer wieder spricht, wo doch alles dagegenspricht. »Kein Tag vergeht ohne Gnade im Verborgenen.«

Die Manzel spielt alle nur möglichen Tiefen von Oberfläche. Hell girrt sie Lieblichkeit, abgeklärte Hinfälligkeit. Die letzten Fragen zwischen Zähneputzen und Zahnfleischbeschau sind sehr einfache Fragen: Was sind Barschborsten? Sie zitiert Hamlet: »Weh mir, wehe, dass ich sehe, was ich sehe!« Und hält sich vor die Brille noch eine Lupe. Eine meisterliche Nervigkeit. Eine kopfleichte Besessenheit davon, dass Leben einzig dazu da sei, verspielt zu werden. Was der Mund sagt, sagen die Hände manchmal schneller. Ein Zittern, ein Flattern, da webt ein Mensch am Netz, das ihn vor der Realität schützt. Die weggeplaudert wird, weil sie nicht wegzureden ist. Plötzlich Winnies Schrei: Sie stellt sich vor, hier wüchse etwas. Grausame Vision, sich überhaupt noch anderes Leben vorzustellen.

Diese Winnie spricht mit sich - und spricht uns an. Dagmar Manzel wirft kalkuliert Blicke. Wir sitzen ja ebenfalls alle auf einem Stuhl. In einem Boot. Überfahrt zur möglichen Erlösung: Dass wir irgendwann darüber reden, worüber wir nicht reden (wollen). Dass wir das erkennen, was wir nicht wissen (können). Dass wir Worte für das finden, vor dem wir Angst haben (müssen). Dass wir das tun, was wir nicht tun (dürfen). Aber vielleicht gern täten - wenn wir nur mutig genug wären, uns als offen hilflos und machtlos zu empfinden. Hilflos werden und es bekennen - das ist vielleicht die ganz große Botschaft.

Nachdem der eiserne Vorhang sich gesenkt und wieder gehoben hatte, umschlingt eine Decke die Frau auf dem Stuhl. Ein Dasein im Kokon, nicht zum Leben, nein, zum weiteren Absterben hin. Die Spiegelwand geschlossener, noch metallischer. Und die Manzel jetzt verschattet, die Augen wie zurückgezogen, die Gesichtshaut im Überlegen, ob sie Leder werden soll. Der stumme Schrei verwandelt den Mund in ein Maul. Er schüttet nun auch Worte aus, die sind wie Eiswürfel. Jetzt schiebt sich die Inszenierung also doch noch an jenen Rand zwischen Noch-Dasein und Schon-Gestorbensein, wo die Bitterstoffe ätzen: Just am Schon-Gestorbensein erkennt man das Noch-Dasein am deutlichsten. Winnie - sekundenlang - wie geschunden, gedroschen. Aber Dagmar Manzel betreibt rasch wieder den tapferen, fast temperamentvollen Rückbau: ins Flotte, ins Neckische, in einen nahezu launigen Survival-Schwung. Besser als Weinen hilft Operette: »Lippen schweigen, flüstern Geigen - hab mich lieb.« Schweigen? Nie.

Hier geht kein Drama zu Ende, hier wird ein Drama immer wieder verhindert. Nicht Willie wird geküsst, sondern »Brownie«, die Pistole. Kuss, aber kein Schluss. Morgen ist wieder Erwachen, und Erwachen ist eine Erbsünde wie das Geborenwerden. Ein neues Spiel, das alte Unglück, der ewig grauenhafte Sirenenton - darin ist die Welt beständig, und so ist Winnie zum Urbild einer partisanischen Absurdität geworden, die alles übersteht. Mit Zylinderhut, akkurat angezogen, kriecht Krüppel Willie heran (Jörg Pose gibt ihn fügsam unbemerkt), reckt seine Hand zu Winnie. Und ein fast zärtlich zu nennender Blick. Es ist die größte Torheit, sich mit Menschen zu verbinden, und eine noch größere, zu glauben, man könne sich wirklich von ihnen lösen. Vorstoß zum Kern aller Kreativität: Wo nichts mehr zu machen ist, kann alles immer wieder von vorn beginnen. Und Glück ist, verlässlich zu wissen: Es gibt immer noch stille Reserven an Fremdheit.

Nächste Vorstellungen: 29. April, 3., 11., 19. Mai

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