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Eine Region sucht Burgen

Im Allgäu gibt es nur noch spärliche Reste mittelalterlicher Wehrbauten - doch man will diese vermarkten

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Schon im Mittelalter hatten Kinder Spielplätze. Zumindest suggeriert das »Burg Greifenstein« in der bayrischen Gemeinde Pfronten. In deren plankenumzäunter Vorburg finden Heranwachsende neben einer Kletterwand aus Buckelquadern, einer Bogenschießstrecke sowie Drehschildern, Wippen und Wackelstegen auch eine Stechbahn. Der Name ist den Turnieren lanzenschwingender Ritter entlehnt, das Pferd hierzu indes pedalbetrieben und aus Holz. Alles »handgebaute Unikate«, werben die Betreiber, um heutige Familien anzulocken. Deren Kids sollen auf diese Weise nachempfinden können, wie sich adlige Sprösse einst auf das Kriegshandwerk vorbereiteten.

Das Kurioseste dabei: Pfronten hat gar keine Burg. »Greifenstein« ist nur der verkleinerte Nachbau eines typischen mittelalterlichen Kastells, derweil auf dem 1268 Meter hohen Falkenstein über dem Ort die triste Ruine einer Höhenburg aus dem 13. Jahrhundert dahindämmert. Dennoch spielt die Gemeinde mit ihrem Ritterspielplatz eine hervorgehobene Rolle in einem sogar EU-geförderten bayerischen Projekt, das sich stolz »Burgenregion Allgäu« nennt.

Aber darüber geniert sich in Pfronten niemand. Denn auch die 37 anderen »Burg-Objekte der Burgenregion«, wie es in der Eigenwerbung heißt, sind nicht das, was schon jedes Kind unter einer Burg versteht: ein in sich geschlossener, bewohnbarer Wehrbau, gar mit Kerker und Kettenbrücke. Stattdessen finden sich in diesem illustren Kreis 23 Ruinen einstiger Burgen, vier Stadtmauern sowie drei Burgställe - Reste früherer Burgen, von denen nicht einmal eine richtige Ruine blieb. Hinzu kommen acht Schlösser, also unbefestigte Adelsbauten, die zum Teil aus einer Burg hervorgingen, zum Teil nicht einmal das - so wie das erst ab 1869 aus dem Boden gestampfte Schloss Neuschwanstein.

Und doch ließ es sich Brüssel gemeinsam mit Bund und Freistaat rund 300 000 Euro kosten, um im Rahmen jener Projekte, die unter dem Oberbegriff »Leader+« strukturschwache ländliche Räume puschen sollen, ein europaweit ausgerichtetes Marketingkonzept zu stricken. Denn man hatte entdeckt, dass sich das Allgäu und der mittelschwäbische Landkreis Unterallgäu bis dahin als die »burgenkundlich am schlechtesten erschlossenen« Regionen Bayerns darboten. Dabei sollen allein für diesen Landstrich rund 300 mittelalterliche Burgstellen nachweisbar sein. Also wurde von dem Geld ab 2004 zunächst ein Mittelalterarchäologe bestellt, der sich fortan wissenschaftlich mit den oft im Nebel der Geschichte versunkenen Wehrbauten beschäftigte. Ziel war es, diese Objekte trotz der oft nur spärlichen Reste touristisch zu erschließen.

So entstanden eine Internetplattform, zweisprachige Erläuterungstafeln und Flyer, plastische oder auch virtuelle Modelle untergegangener Burgen sowie - zwischen den Restmauern einzelner Ruinen - auch denkmalverträgliche neue Aussichtsplattformen, etwa Falkenstein und Hohenfreyberg. Zuweilen lenken nun auch kleine didaktische Inszenierungen das Interesse der Besucher auf sich - zum Beispiel durch metallene Flachfiguren nachgestellte Schützen, deren Hakenbüchsen durch Schießscharten zielen. Zu erleben sind sie etwa auf den Burgruinen Laubenbergerstein bei Immenstadt und Hohenfreyberg, auf dem Hohen Schloss in Füssen und dem Wehrgang der Stadtmauer Mindelheim. Daneben entstanden auch nahe der Ex-Burgen Alttrauchburg und Mindelheim weitere kleine Mittelalterspielplätze.

Auch von Burg Kemnat bei Kaufbeuren blieb nur der Bergfried des 1185 erbauten Felsennestes. Bemerkenswert ist zudem ein 24 Meter tief ins Gestein getriebener Brunnen. Ansonsten gleicht ihr Schicksal dem vieler Burgen im Allgäu. Zwar überstand sie weitgehend unbeschadet die großen Bauernkriege, fiel aber im 30-jährigen Krieg der Plünderung anheim und diente mit der Säkularisation, als Bayern kirchliche Besitzungen einzog, als Bruchsteinlieferant. Schließlich geriet die einstige Spornburg soweit in Vergessenheit, dass der - inzwischen schön restaurierte - Bergfried nun schon seit Generationen »Römerturm« heißt. Lediglich die Burgschenke und der bereits 1925 gegründete Theaterverein Burgspiele Kemnat e.V. erinnern in ihren Namen noch an die alte Ritterzeit.

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