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Das Prinzip des Zufalls

Bauprojekte und Kleinstmotoren bestimmen die Ausstellung »Hours and Hours of Inactivity« im NBK

Die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein ist eine Präsentation der Träger des jährlich vergebenen Arbeitsstipendiums »Bildende Kunst« des Berliner Senats. Elf Künstlerinnen und Künstler erhielten 2016 diese mit je 18 000 Euro dotierte Finanzierung. Versprochen wird ein Einblick in die künstlerische Vielfalt der Stadt. Formal wird dieses Versprechen erfüllt. Installationen breiten sich neben Videoarbeiten aus, Collagen und Fotografien blicken auf Steine, Blech und Leder tauchen ebenfalls als Materialien auf. Eigentlich fehlt nur Öl auf Leinwand, aber wir sind ja auch in Berlin und nicht in Leipzig.

Das Versprechen der Vielfalt trägt in sich allerdings auch die Untugend der mangelnden Konzentration. Recht beziehungslos befinden sich die einzelnen Arbeiten im Raum. Gut, man mag von Wolf von Kries’ Sitzgruppe aus Stühlen und Farnen - Titel »Zusammenkunft« - auf Fritz Balthaus’ Reihe ungewöhnlicher Bilder blicken. Mit Schaum auf Wildleder, mit beschichteten Tischlerplatten, ja sogar mit nichts als gerahmter Luft und einem Ventilator operiert Balthaus. Aber schon zu Bettina Allamodas sich diagonal durch den Raum ziehender Textilbahn will sich keine Verknüpfung herstellen. Trauriger noch ist es. Denn wenn Allamodas Textilobjekte gewöhnlich recht elegant vom Fesseln und Verbinden, vom Einschnüren und von der Balance erzählen, so geraten sie hier zum kontextlosen Raumdekor. Das ist bedauerlich.

Einige Arbeiten immerhin können dennoch einen Raum für sich erzeugen und sogar mit anderen Arbeiten kommunizieren. Das betrifft vor allem jene, die größere gesellschaftliche Zusammenhänge und deren Ausprägungen in Architektur und Stadtbild untersuchen. Sophie-Therese Trenka-Dalton fotografierte 2011 die verlassenen Räume der irakischen Botschaft in Pankow. In den verwüsteten Räumlichkeiten ist noch gut das wandfüllende Relief der rituellen Löwenjagd des assyrischen Königs Assurbanipal zu erkennen. Der lebte im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeit in Ninive, einer antiken Stadt auf dem Boden des heutigen Mossul, das gerade wegen der Kämpfe gegen den IS für Schlagzeilen sorgt. Trenka-Daltons Foto verbindet das alte Assyrien mit dem einstigen Ostberliner Botschaftsareal. Und er verbindet es mit dem Irak-Krieg ab 2003 und dessen Folge, die hemmungslosen Horden des sogenannten Islamischen Staats.

Trenka-Dalton kontrastiert diesen fotografischen Blick in ein aufgegebenes Gebäude mit einer Videoarbeit über ein gestopptes Immobilienprojekt auf Dubais künstlichem Inselarchipel Palm Jebel Ali. Die Bauarbeiten an diesem Komplex wurden im Zuge der Finanzkrise 2008 eingestellt. Jetzt sieht man die Fassade, die traditionellen Wüstenschlössern der Region nachempfunden, in ihren Dimensionen allerdings auf das Mehrfache aufgeblasen ist, verlassen im Sand. Ins Innere kommend, fallen liegen gelassene Werkzeuge und Baumaterialien auf. Zuweilen ist das Interieur schon komplett: Ornamente und kalligrafische Verzierungen schmücken die Wände. Oft aber sieht man Enden von Kabeln und Plastikrohren von Wänden und Decken herabhängen. Ganze Scharen von Tauben haben den Komplex erobert. Ein Vogelskelett weist darauf hin, dass die Tiere sogar zum Sterben an diesen Ort gelangen. Die Videoinstallation »Nakheel Palm Jebel Ali« inszeniert melancholisch das Ende übersteigerter Immobilienträume.

Mit ingenieursmäßigen Eingriffen in den Stadtraum setzt sich Sandra Schäfer auseinander. In ihrem bereits im Berlinale-Forum 2017 gezeigten Beitrag »Haret Hreik« stellt sie das gleichnamige Beiruter Stadtviertel vor. Sie lässt Bewohner von den Bombardierungen durch die israelische Armee erzählen. Die Geschichte vom Wiederaufbau, organisiert und finanziert durch die Hisbollah, wird von einzelnen Protagonisten in Beziehung zum israelischen Siedlungsbau gesetzt. Steine und Häuser erscheinen hier als Waffen in einem längst alle Bereiche des Lebens erfassenden Ermüdungskrieg.

Einen echten Stein, einen Brocken Granit, hat Olga Balema in den Ausstellungsraum gebracht. Sie hat ihn mit Rillen versehen, in die sie längliche Objekte legt, die ihrerseits durch Kleinstmotoren bewegt werden. Dies ergibt einen reizvollen Gegensatz. Und tatsächlich ist man versucht, den Ausstellungstitel »Hours and Hours of Inactivity« nun als Aufforderung zu nehmen und die Bewegungen auf dem Gestein einer längeren Beobachtung zu unterziehen.

Insgesamt leidet die Ausstellung leider etwas darunter, dass das von John Cage in die Kunst eingeführte, in diesem Fall aber eben nicht von ihm angewandte Prinzip des Zufalls die Organisation übernahm. Die elf Stipendiaten wurden schließlich unabhängig voneinander und gerade nicht im Hinblick auf eine gemeinsame Präsentation ausgewählt. Der vom Kurator zum verbindenden Element auserkorene Aspekt der Prozesshaftigkeit der Arbeitsvorgänge der einzelnen Künstler kollidiert mit den Merkmalen des »White Cube« an sich. Der ist schließlich am besten geeignet, Objekte auszustellen. Prozesse brauchen mitunter andere Bedingungen als kahle Wände und gleichförmiges Licht.

»Hours and Hours of Inactivity«, bis zum 30. April im Neuen Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128-129, Mitte

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