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»Provokation« am jüdischen Gedenktag

Kiewer Rabbi verurteilt satirische Theaterankündigung / Antisemitismus in der Ukraine nimmt zu

  • Von Ulrich Heyden, Moskau
  • Lesedauer: 2 Min.

Lange sträubte sich das offizielle Kiew gegen eine Debatte über Antisemitismus. Immer wieder beteuerten regierungsnahe Experten, in der Ukraine gäbe es so etwas nicht. Doch ausgerechnet am 24. April, dem Holocaust-Gedenktag für Millionen ermordeter Juden, wurde im Zentrum Kiews am Theater Bel’Etage in großen Lettern das umstrittene Stück »Holocaust Cabaret« angekündigt. In dem satirisch-provokatorischen Stück des jüdischen Kanadiers Jonathan Garfinkel geht es um den KZ-Wächter John Demjanjuk, der wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen verurteilt wurde.

Der Oberste Rabbi der Ukraine, Mosche Asman, war entsetzt über die »Provokation«. Er postete ein Foto der Ankündigung und schrieb: »...am Tag des Holocaust, in der Stadt, wo sich Babi Jar befindet, gegenüber der Synagoge«. Die jüdische Gemeinde tue alles, dass der Schriftzug »sofort verschwindet«. Stunden später war er entfernt. In Babi Jar (Weiberschlucht) wurden 1941 mehr als 33.000 Juden von deutschen Besatzern umgebracht.

Wie Irina Bereschnaja von der »Kiewer Antifaschistischen Rechtsschutzliga« gegenüber »nd« berichtete, nehme Antisemitismus in der Ukraine zu. Die Organisation erstellte eine Dokumentation über antisemitische Ausschreitungen der letzten drei Jahre und verwies auf Schmierereien von Nazi-Symbolen auf jüdischen Gedenksteinen, Friedhöfen, Synagogen und Gemeindezentren in Lviv, Odessa, Kiew, Chernivtsi und vielen anderen Städten.

Dazu gehört, dass auf Fackelmärschen der Nationlisten häufig gerufen wird: »Schlagt die Juden!« Und das ist auch so gemeint: So wurde am 13. Februar 2017 der jüdische Ingenieur Alexander Livshits in Charkiw von Kämpfern des Asow-Bataillons wegen »seines jüdischen Aussehens« zusammengeschlagen. Er musste länger in einem Krankenhaus behandelt werden. Am 21. Dezember 2016 verteilten Neonazis mit Hakenkreuz gekennzeichnete Stücke eines Schweins in der Synagoge der Stadt Uman. Sie ist Pilgerstätte chassidischer Juden.

Nach dem Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa hätten einige Restaurants in Kiew ihre Menüs mit Speisen wie »Schaschlik nach Odessa-Art« oder »Gebratener Kolorad« (Kolorad nennt man einen Sympathisanten Russlands) angereichert, erinnerte Irina Bereschnaja nach dem Vorfall am Kiewer Theater in ihrem Blog. Ob es demnächst auch ein »Café Auschwitz« mit »Koteletts aus der Gaskammer« geben werde, fragt sie.

Die Regierung verhalte sich opportunistisch gegenüber den Ultranationalisten, kritisiert Eduard Dolinsky, Leiter des Ukrainischen Jüdischen Komitees. Nazi-Kollaborateure wie Stepan Bandera, Gründer der Organisation ukrainischer Nationalisten, wurden zu Nationalhelden erklärt. Die Beteiligung ukrainischer Nationalisten an Massakern gegen Juden und Polen während der deutschen Besetzung wird in den Hintergrund gedrängt.

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