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Glück im Winkel

Blanka Stolz hat eine vielstimmige »Philosophie des Gärtnerns« herausgegeben

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Wer bislang meinte, ein Garten sei nichts weiter als ein Naherholungsgebiet auf der einen Seite, auf der anderen aber ein Arbeitsort voller nie endender Mühsal, den belehrt dieser Sammelband eines besseren. Schon im ersten von zwölf denkbar unterschiedlichen Beiträgen steckt die Philosophin Sarah Thelen das Feld ab, das es im Folgenden zu beackern gilt. Sie steckt es ab, indem sie alle Zäune niederreißt: Nicht weniger als das Verhältnis des Menschen »zur gesamten restlichen Welt« lasse sich an einem Garten ablesen, heißt es da. Unter Berufung auf Landschaftsarchitekten wie Gilles Clément, der den gesamten Erdball als Garten und also jeden Menschen als Gärtner zu betrachten pflegte, spricht Thelen, sehr hübsch, von den »Blättern, die die Welt bedeuten«.

Eine »Philosophie des Gärtnerns«, wie sie dieses Buch entwirft, mag einem Gartenfreund, dem es um blühende Beete und eine ertragreiche Ernte bestellt ist, zunächst einmal reichlich abstrakt erscheinen. Dabei sorgt die thematische und qualitative Bandbreite der Beiträge dafür, dass auch Gartenpragmatiker auf vielen Seiten auf Informationen stoßen, die das Nach-Denken hervorkitzeln wie die Sonne das Keimblatt. So geht die Naturpädagogin Annette Holländer, deren Leidenschaft der Entdeckung und Erhaltung alter Gemüsesorten gilt, der Frage nach, warum seit 1900 zwei Drittel unserer landwirtschaftlichen Kulturpflanzen ausgestorben sind. Maßgeblich verantwortlich dafür seien die Interessen der Saatgutkonzerne, deren Hybrid-Züchtungen sich nicht saatenfest vermehren lassen. Die profitable Folge: Saatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden. Schon das Wissen um diesen Skandal gibt Holländers Schlussfolgerung recht, dass Gärtnern »nicht mehr wirklich eine Privatangelegenheit« sei. Die politische Dimension seiner Kauf- und Anbauentscheidungen wird hier selbst dem Kleingärtner bewusst, der doch seinen Parzellennachbarn nur ein paar saftige Tomaten zum Grillsteak servieren will.

Um es in Sarah Thelens Sinne zu sagen, greift das Verantwortungsbewusstsein des Gärtners, sofern es einmal entwickelt ist, bald über Beetanlage und Baumbeschnitt hinaus. Der Garten, hier wird er zum Experimentierfeld für ein Leben, »in dem der Kampf ums Überleben bzw. der Kampf um den Vorteil so weit wie möglich ausgeschaltet« sein soll. Denn für Thelen sind die Entscheidungen des Gärtners normativ. In einem Garten, wie er ihr vorschwebt, würde Kants kategorischen Imperativ in das Ziel übersetzt, »dass Tiere und Pflanzen, auch wenn sie nicht in erster Linie einen Nutzen erfüllen, als Selbstzweck betrachtet werden sollen«. Ein Gärtner, der das Unkraut als seinen natürlichen Feind betrachtet, wird der Autorin schwerlich folgen können.

Im Kampf jener »Kehrwochengärtner« sieht Brunhilde Bross-Burkhardt deren »Urängste vom Verschlungenwerden in der Wildnis« wirken. Der Beitrag der Agrarwissenschaftlerin bekennt sich als »Plädoyer fürs Unkraut« und ist eine Liebeserklärung an Nesselblättrige Glockenblume, Hühnerhirse oder Vielsamigen Gänsefuß. Roberta Schneider hingegen huldigt der japanischen Gartenkunst mit ihrer kulturgeschichtlich hergeleiteten Vorliebe für blütenlose Pflanzen und Moose, die aber - im Gegensatz zu Moosbekämpfungsmitteln - in Deutschland nur schwer zu beschaffen sind. »Dabei«, so schwingt die Autorin sich augenzwinkernd zur Architekturkritikerin auf, »gibt es hierzulande genügend Gebäude, die davon profitieren würden, wenn sie ein wenig bemoost wären.«

Mehrere Kapitel widmen sich sozialen Phänomenen wie dem Guerilla Gardening, den florierenden Gemeinschaftsgärten oder der urbanen Permakultur. In anderen werden die Geschichte der holländischen Gartenbewegung um Rob Leopold erzählt, die Auswirkungen des Geschlechts auf das Gärtnern diskutiert oder die städtebaulichen Auswirkungen von Gartenschauen erläutert. Der Philosophieprofessor Dieter Wandschneider indessen unternimmt nicht weniger als den Versuch, eine »Metaphysik des Gartens« zu entwerfen.

Bei so viel Idealisierung des scheinbar Profanen wähnt man sich zuweilen im Garten Eden. Umso wohltuender deshalb der Schlusspunkt des Buches, eine Polemik des Journalisten Maximilian Probst. Über Thomas Morus, Locke und Rousseau, Voltaire und Leibniz lässt er den Garten als Ursprung des Privateigentums und als Hort der Gewalt aufscheinen. Modernen Versuchen, auf kleinem Raum die Welt zu retten, schleudert Probst seine Skepsis entgegen. Denn »immer, immer, immer läuft die Arbeit an der lokalen Utopie Gefahr, zum kleinen, umschlossenen Glück im Winkel zu verkommen«. Als heilende und heilige Bezirke will dieser Störenfried die Gärten nicht anerkennen, stattdessen seien sie »heillos ambivalent« und im Grunde eine Zumutung. Gerade deshalb aber, so der versöhnliche Schluss, können sie den Menschen ein Lehrstück sein. Eindeutigkeiten, wie sie von totalitären gesellschaftspolitischen Modellen suggeriert werden, sind im Garten nicht zu haben.

Der von Blanka Stolz herausgegebene Band ist als »beste Gartenbuchprosa« mit dem diesjährigen Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnet worden. Es zu lesen, lohnt sich allemal - auch für den Garten, der in dieser Zeit davon verschont bleibt, von uns beackert zu werden.

Blanka Stolz (Hg.): Die Philosophie des Gärtnerns. Mairisch Verlag, 224 S., geb., 18,90 €.

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