Von Johanna Treblin

Zehn Jahre Leerstand in Neukölln sind genug

Aktivisten wollen die Weisestraße 47 für gering Verdienende, Wohnungslose und Geflüchtete erobern

Ein Gerüst steht vor dem Haus in der Weisestraße 47, ein blaues Netz ist davor gespannt. Hinter Gittern steht ein Container mit Schutt, altes Holz liegt daneben und neue Ziegeln. Nicht weit davon entfernt rennen Kinder über den Spielplatz auf der Schillerpromenade. Ein paar Schritte weiter sitzen junge Menschen auf einer Bank und unterhalten sich auf Englisch. Mütter schlürfen auf dem Biomarkt am Herrfurthplatz Cappuccino, die Kinder essen Waffeln.

Der Kiez rund um die Schillerpromenade hat sich seit 2010 stark verändert. Schillerkiez nennen Zugezogene die Gegend heute. Für Menschen, die schon länger dort wohnen, hat das Wort keine positive Bedeutung. Es steht für Aufwertung und Verdrängung. Die Mietpreise im Schillerkiez haben sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Nach aktuellen Zahlen des dortigen Quartiersmanagements zahlte man 2007 durchschnittlich 4.80 Euro pro Quadratmeter kalt. 2017 sind es 10 Euro, Tendenz steigend. Ein Blick in ein Immobilienportal zeigt: Viele Vermieter nehmen auch 16 bis 20 Euro kalt. Höchstpreis ist derzeit eine Ein-Zimmer-Wohnung von 32 Quadratmetern eines privaten Anbieters in der Allerstraße: Sie soll 900 Euro kalt kosten.

In der Weisestraße 53 liegt der Stadtteilladen »Lunte«. Dort können sich Nachbarn Hilfe holen, die ihre Mieterhöhung nicht bezahlen können. Stadtpolitisch Aktive treffen sich zur Vernetzung, um gemeinsam zu überlegen, was gegen steigende Mieten im Kiez getan werden kann.

Die Weisestraße 47 ist dort schon lange Thema. Seit fast zehn Jahren steht das Haus so gut wie leer, bis März 2015 wohnten noch zwei Mieter im Hinterhaus. Um auf den Leerstand aufmerksam zu machen, während der Wohnraum immer knapper wurde, besetzten am 28. April 2012 fünf Menschen das Gebäude. Nach wenigen Stunden wurden sie von der Polizei geräumt – ohne Räumungstitel, wie Gerhard sagt, der sich in der »Lunte« engagiert. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Strafverfahren, die gegen die Besetzer angestrengt wurden, seien anschließend alle fallengelassen worden.

Zum fünften Jahrestag der Besetzung planen die Aktivisten am Freitag um 18 Uhr eine Kundgebung. »Eigentum verpflichtet«, heißt es in einem Aufruf. »Wir finden es gut, dass das Haus Weisestr. 47 saniert und bewohnbar gemacht wird.« Bekommen sollen die Wohnungen nach Wunsch der Aktivisten aber nicht zahlungskräftige Mieter, sondern »gering Verdienende, Wohnungslose und Geflüchtete«. Immer wieder haben sich in den vergangenen Jahren Wohnungssuchende an die »Lunte« gewendet. Gemeinsam mit Aktivisten des Ladens klopften sie mehrmals bei der Hausverwaltung an, mit der Bitte, die leerstehenden Wohnungen zu vermieten. Ohne Erfolg. »Wir haben uns auch an den Hausbesitzer gewendet: Du hast so viel Geld, du kannst das Haus Leuten geben, die es brauchen«, sagt Gerhard. »Es gibt viele Menschen, die Wohnraum brauchen und keine bezahlbare finden.«

Seit September 2016 wird das Haus nun komplett entkernt und saniert. Die Außenklos werden abgeschafft und Wohnungen mit Bädern ausgestattet. Nach Informationen des Aktivisten sollen dort hauptsächlich kleine Wohnungen entstehen, Familien haben also keine Chance, dort einzuziehen. Die Firma Conle aus Duisburg, der das Haus gehört, sowie die zuständige Hausverwaltung Westphalia waren am Mittwoch telefonisch nicht erreichbar.

Den Zahlen des Schillerkiezes zufolge ist die Bevölkerungszahl im Kiez in den vergangenen sieben Jahren um fast 2000 von 21 241 auf 23 166 Menschen angestiegen. Die meisten der Zugezogenen sind junge Menschen unter 35 Jahren. Schon 2010 machten sie einen Bevölkerungsanteil von 35,2 Prozent aus, 2015 waren es bereits 40 Prozent.

Abgesehen von der allgemeinen Mietsteigerung in Berlin führt Gerhard die Verdopplung der Mietpreise im Schillerkiez auf die Stilllegung des Flughafens Tempelhof und die Neueröffnung des dadurch ungenutzten Felds als öffentlichen Park zurück. Hinzu kommt, dass der Schillerkiez noch vergleichsweise an der Stadtmitte und dem als Wohnort beliebten Kreuzberg liegt.

Für Gerhard hat aber auch das Quartiersmanagement seinen Teil dazu beigetragen. »Seit 1999 ist das Programm und Ziel des Quartiersmanagements Aufwertung und die Ansiedlung zahlungskräftiger Kunden.«

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