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Welch Gewinn für die Hörer!

Umfangreiche CD-Boxen, gewidmet dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch und dem Komponisten Olivier Messiaen

Höchst bemerkenswert, was manchmal die zu Recht gescholtene Kulturindustrie in ihren Seitentrieben an den Tag bringt. Zum ersten: 40 Platten mit dem Großvioloncellisten Mstislaw Rostropowitsch, plus drei DVDs mit Einspielungen von Bachs Cello-Suiten. Zum zweiten: 25 Platten mit produzierten und Live-Aufnahmen von Werken Olivier Messiaens. Beides ist bei Warner Classics erschienen. Welch eine Ausbeute, welch Gewinn für die interessierten Hörer! Hoch anzurechnen allein, wie vieles von den Produzenten des Labels geschichtlich vorgearbeitet worden ist, und ihr Bestreben, die wertvollen Dokumente auf den Tisch zu legen, statt sie in den Archiven schmoren zu lassen.

Warum Rostropowitsch und Messiaen jetzt? Der begnadete Russe, als der er sich verstand, geboren in Baku als Sohn eines Cellisten, wäre am 27. März 90 geworden, er starb am 27. April 2007 in Moskau, auf den Tag genau vor zehn Jahren. Ebenfalls an einem 27. April schied vor 25 Jahren Messiaen in Clichy aus dem Leben. Er, einstmals Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg und tief gläubiger Katholik, er, der die Moderne entschieden vorangebracht hat. Seine wichtigsten Schüler und Kursanten: Boulez, Kurtag, Xenakis, Stockhausen.

Wer Zeit und Muße aufbringt, das Material anzuhören, darf sich glücklich schätzen. Denn er erhält tiefen Einblick in das Gesamtschaffen des Franzosen. Alle Genres, die der Komponist belieferte, sind vertreten. Ausnahme: Messiaens einzige Oper »Saint François d’Assise«. Sie dauert an die acht Stunden. So gut wie ausgespart im Betrieb ist sein Frühwerk, das jenseits der »Turangalila«-Symphonie liegt, die gelegentlich in Konzerten zu hören ist. Dabei hat Messiaen schon Ende der 1920er Jahre Klavierwerke eigentümlichster Art entworfen, die nun auf CD vorliegen.

Die älteste, sympathisch rauschende Aufnahme, »Visions de Amen« für zwei Pianos (1943), entstand 1949. Es spielen der Komponist und seine Frau Yvonne Loriod. Deren musikgeschichtliches Verdienst: Sie brachte das gesamte Klavierwerk ihres Mannes auf Platte, nebst den Partien in Konzerten und Ensembles. Dem Bereich gehört auch der über eigens entwickelte Modi-Techniken komponierte »Catalugue d’oiseaux« in 13 Teilen an - mit seiner klanglich-rhythmisch unendlich ausgeführten Vogelstimmenintonatorik. Dieselbe ist weitergetrieben in der Ensemblemusik »Reveil des oiseaux«, worin das Gezwitscher mit steigender Lautstärke immer dichter wird.

Im Angebot auch ein Gutteil der frühen Kammer-, Lied- und Chormusik. Große Arbeiten wie »Et expecto resurrectionem mortuorum« für Holz- und Blechbläser und Metallophone, eins der unerhörtesten Stücke der Moderne überhaupt, bilden das Zentrum. Nicht selten hat Messiaen die Ondes Martenot, einbezogen, ein elektronisches Tasteninstrument, worüber die Kollektion gleichfalls klingend informiert. Am Rand siedeln - nicht von ungefähr - Teile des umfänglichen Orgelwerks mit verschiedenen Ausführenden. Denn das komplette, in Grundzügen meditative Orgelwerk mit Colin Andrews liegt unterdes bei LOFT Recording auf sechs Scheiben vor.

Zu Rostropowitsch: Yo-Yo Ma, das die Kontinente dauerhaft bereisende Cello-Genie, schreibt im Vorwort zum Begleitbuch: »Diese Zusammenstellung der Aufnahmen Rostropowitschs ist ein wahres Geschenk an die Welt!« Das mag etwas übertrieben klingen, weil eine Reihe anderer, gleichwertiger Cellisten ebenfalls zahlreiche hervorragende Aufnahmen vorzuweisen hat, voran Yo-Yo Ma selbst. Trotzdem, die Box ist einzigartig. Nur etwas zu pompös.

Mächtig das Begleitbuch. Alles, was Person und deren Produktivität charakterisiert, steht darin. Ausführliche Lebensbeschreibung, Kurzbiografie, diskografische Angaben etc. Diverses Bildmaterial durchzieht den Band. Mit den weich gebetteten Platten gehören die Fotos zum Aufschlussreichsten, was der in Leinen gebundene, quaderförmige Kasten birgt. Der Meister in allen denkbaren Lebens- und Arbeitslagen: Schach spielend mit Leonid Kogan, im Dialog mit Strawinsky, mit Gennadi Roshdestwenski, plaudernd mit Casals, Gidon Kremer, auf Du und Du mit Peter Pears, Arm in Arm mit Präsident Ronald Reagan, zugetan der Grace Kelly, dem Präsidenten Chirac, der Callas, gelehnt an seine Frau Galina Wischnewskaja, endlich solo vor dem Pult öfter er selbst. Auch mit mehr oder minder modernen Tonschöpfern ließ er sich - meist bei der Arbeit - fotografieren: Schostakowitsch, Prokofjew, Bernstein, Christobal Halffter, Penderecki, Lutosławski, Henri Dutilleux, Paul Sacher, Britten, Schnittke etc. Alle komponierten für ihn, widmeten ihm Sonaten, Konzerte, sonstiges, mit der Bitte, es zu spielen.

Hauptsächlich musizierte Rostropowitsch freilich Partituren aus dem Cello-Repertoire. Unzählige Male reproduzierte er Stücke von Bach, Schumann, Dvořák und vielen anderen. Irgendwann exilierte er. In den Westen. Und redete dort offenkundig etwas zu viel. Die verantwortlichen Sowjets haben daraufhin mit dem Abspiel der Aufnahmen auch die Nennung seines Namens untersagt.

Nicht unerwähnt bleibe: 1945 und später tourte der hochbegabte, kommunikationsfreudige Jüngling durch die Sowjetrepubliken. Er musste nicht entdeckt werden, die Entdeckung kam wie von selber, sie war sofort da. Es bedurfte nur, sie auf den Weg zu bringen. Und der führte über die ganze Welt.

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