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Neukaledonien will sich vom Mutterstaat Frankreich lösen

Auch andere Pazifikinseln haben etwas gegen ihre einstigen Kolonialherren

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 3 Min.

Rund 16 000 Kilometer von Paris entfernt brodelt es. Im idyllischen Neukaledonien ist die Bevölkerung gespalten. Seit 1853 wird die pazifische Inselgruppe, die zur Landmasse Zealandia gehört und rund drei Stunden Flug von Sydney entfernt ist, von Frankreich regiert. Basis ist der Sonderstatus einer Collectivité sui generis nach den Artikeln 76 und 77 der französischen Verfassung.

Die Beziehung der rund 270 000 Neukaledonier zum Mutterland gleicht bestenfalls der eines bockigen Jugendlichen zu seinen Eltern. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen zwischen den melanesischen Ureinwohnern, den Kanaken, und den französischstämmigen Zuwanderern. Einige endeten sogar blutig.

Um Unabhängigkeit geht es im Pazifik seit Jahrzehnten. Schon 1987 gab es einen Volksentscheid: Damals stimmten die Bewohner der Inselgruppe jedoch mit überwältigender Mehrheit gegen die Unabhängigkeit vom einstigen französischen Kolonialherren. Allerdings boykottierten die meisten Ureinwohner das Referendum. Und während der französischen Präsidentschaftswahlen 1988 eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Europäern in einer blutigen Geiselnahme, bei der über 20 Menschen ums Leben kamen.

Bis November 2018 soll nun erneut ein Unabhängigkeitsreferendum abgehalten werden. Wieder fürchten manche Ausschreitungen und Unruhen, vor allem wenn die Entscheidung erneut für den Verbleib bei Frankreich ausfallen sollte. Sowohl Marine Le Pen als auch Emmanuel Macron, die am 7. Mai in der Stichwahl um das französische Präsidentenamt gegeneinander antreten, wollen die französische Außenstelle im Pazifik, die seit 2003 eine Überseegemeinschaft mit besonderem Status ist, nicht aufgeben.

Wer auch immer Frankreichs neues Staatsoberhaupt wird, muss sich in den kommenden zwölf Monaten daher mit der pazifischen Inselgruppe auseinandersetzen und die Bevölkerung davon überzeugen, dass der Verbleib bei Frankreich die richtige Entscheidung ist. Denn eine Entscheidung für die Unabhängigkeit wäre auch eine Schlappe für den jeweiligen Wahlsieger und könnte zudem Unabhängigkeitsbestrebungen in anderen Überseeterritorien lostreten.

Einfach wird diese Charmeoffensive auf der Insel nicht werden. Denn sie sind eine komplexe Mischung unterschiedlichster Nationalitäten. Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 2014 machen die Kanaken, etwa 39 Prozent der Bevölkerung aus, während 27 Prozent Europäer sind. Der Rest sind Menschen aus anderen Pazifikstaaten, Indonesien oder China beispielsweise. Grundsätzlich sind viele Kanaken eher für einen unabhängigen Staat, während die Europäer den Status Quo beibehalten wollen.

Die 150-jährige Bindung an Frankreich aufzugeben verursacht bei vielen jedoch gemischte Gefühle, wie ein Neukaledonier französisch-polynesischer Abstammung einst in einem Zeitungsinterview eingestand: Einerseits sei er ziemlich »offen« und werde wohl eher für die Unabhängigkeit stimmen. Denn: »Die lokale Regierung macht einen ordentlichen Job«, sagte er. Andererseits wolle er aber nicht seinen EU-Pass aufgeben, gab er zu. Letztendlich könnte die exakte Formulierung der Frage im Referendum den Ausschlag für dessen Ausgang geben.

Wirtschaftlich ist Neukaledonien auf alle Fälle eine der reicheren Pazifikinseln. Die Inselgruppe besitzt geschätzt etwa zehn Prozent der weltweiten Nickelvorkommen und ist ein beliebtes Urlaubsziel. Somit könnte es die Loslösung vom »Mutterstaat« Frankreich sicher einfacher verkraften als andere Inseln, wenngleich rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus finanziellen Zuschüssen aus Paris besteht. Bougainville beispielsweise, das 2019 über seine Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea abstimmen will, oder die US-amerikanische Insel Guam, würden in eine weitaus weniger rosige Zukunft blicken - sollten sie tatsächlich je auf eigenen Beinen stehen.

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