Werbung

Ein fader Rausch von Freiheit

Deutsches Nationaltheater Weimar: Hasko Weber inszenierte Beethovens »Fidelio«

Das Wort »Freiheit« leuchtet den Zuschauern entgegen und verschwindet wieder. Es folgen auf der Videowand - lautlos - Dokus von Massenaufläufen, Streiks, Protesten, Polizeieinsätzen, von Jubel auf Straßen und Plätzen. Wo das herkommt, wann, wo, warum es geschieht, wer die Akteure sind, welchen Bewegungen und Instanzen sie folgen, bleibt komplett unklar. Bilder von irgendwo und nirgendwo. Im Finale kehrt dieses Konstrukt wieder. Solche Collagen bringen nichts, solange sie unbefragt bleiben (Video: Bahadir Hamdemir). Es ist ein Unterschied: Zeige ich jene, die rebellieren, weil es ihnen bitter ergeht auf diesem kapitalistisch ramponierten Globus, oder zeige ich vor Rauchwolken schießende Russenhasser des Maidan? Die Bühne interessiert das nicht.

Neutralistisch ist der »Fidelio« in Weimar insgesamt aufgezäumt, Regie: Hasko Weber, musikalische Leitung: Niklas Willén. Beethovens einzige Oper aber verlangt nach konkreten Antworten. Im zweiten Akt, immerhin, haben Solisten, Chor und Orchester (Staatskapelle Weimar) große Stellen. Herausragend Florestans Klage-Arie »Gott! Welch Dunkel hier! O grauenvolle Stille!«, vorgebracht von Lars Clevemann. Eindrücklich in anderer Art die Duette und Terzette, nachdem Leonore ihren Mann im Verlies wiedersieht. Larissa Krokhina bleibt in den Koordinaten der weiblichen Partien unerreicht.

Der Blick in die Kleiderwelt der Neuproduktion lohnt (Kostüme und Bühne: Thilo Reuther). Am Zwirn der Menschen lässt sich der je historische Zustand der Sozietät ablesen. Gute Inszenierungen legen großen Wert auf dieses Element. Im Knast als Fidelio agiert Leonore in Militant-Schwarz wie die Einsatzpolizei, nur ohne Helm und MPi. Zuletzt - Pizarro flieht - verwandelt sie sich freudetrunken und stolziert in stechend rotem Kleid. Schwarz und Rot. Die Farben der Anarchisten. Was für ein Wink! Folgen hat der nicht.

Leonore - sie ließ sich als Fidelio im Knast anstellen, um ihren Gatten zu befreien - ist perfekt ausstaffiert, mit festem Gürtel, Schnürstiefeln, Revolver, schwarzer Wollmütze. Desgleichen Rocco, Fidelios Ziehwärter (Christian Stegemann). Marzelline - dessen Tochter (Kathrin Filip), sie liebt Fidelio - trägt schlicht Rock und Jacke, rosaglänzend, und große Ohrringe. Sexuelle Projektionen auf den Neuankömmling verbirgt sie nicht. Am Bühnenrand lehnend, befriedigt sie sich sogleich selber. Peinlich.

Florestan vokalisiert auf der Pritsche zu Beginn von Akt zwei die ergreifendste Arie der ganzen Oper - als alter, bärtiger, gebrochener Mann im schwarzen Hausanzug vermutlich von C & A. Daran kein Fleck, kein Riss. Mindestens so adrett der Chor der Insassen (Einstudierung Markus Oppeneiger) in weißen Turnschuhen. Besonders ulkig: Die Damen und Herren tragen Einheitskleidung aus vermeintlich tibetanisch koloriertem Stoff. Nach Belieben ließen sie sich so für exotische Operetten-Nummern verpflichten. Alle Männer außer Florestan tragen Sonnenbrillen. Verein von Blinden, denen die Bühne aus dunkelgrauen Wänden offenbar zu hell erscheint. Was hat die Mörderfigur Don Pizarro, Chef des Staatsgefängnisses (Alik Abdukayumov), am Leib? Er trägt, was der Neoliberale anhat, Jacke und Hose in Schwarz, bester Zwirn. Das passt ausnahmsweise. Jaquino (Jörn Eichler), der Marzelline heiraten will, trottet mit Alltagsanzug und Schlips über die Gefängnisbühne. Faul der Typ wie fast alle, dazu angehalten, Stehtheater mit Blick zum Dirigenten zu spielen.

Auf Flügeln der Trompete rückt Don Fernando (Uwe Schenker-Primus) ein, hocharistokratisch zurechtgeschneidert, die Verkündigung des »Liberté« auf der Zunge - mit Kalaschnikow. Unklar, warum. Angst vor den Häftlingen, obwohl die brav wie die Lämmer auf ihren Einsatz warten? Oder will die gestriegelte Verkörperung aufgeklärten Geistes Pizarro umlegen, bevor der zuschlägt?

Die Final-Gestaltung folgt eins zu eins der Partitur, musikalisch im Prinzip richtig, inszenatorisch vorbei an dem, was zu zeigen dringlich wäre. Pizarro sinnt nach Rache. Florestan weiß zu viel über die Verhältnisse in dem von ihm geführten Haus. Er muss weg. Das berühmte Quartett bringt den Konflikt zum Glühen. Leonore, Florestan, Pizarro, Rocco in höchster Erregung. Pizarros Messer blitzt auf, Leonore zückt den Revolver: »Es schlägt der Rache Stunde!« Pizarro, die Ferntrompete vernehmend - »Ha, der Minister! Höll’ und Tod!« - zieht Leine. Eine höhere Macht befreit Florestan und die Übrigen schließlich. Kein Krimineller, scheint es, darunter.

Mozarts »Entführung aus dem Serail« kennt eine solche Deus-ex-Machina-Gestalt nicht. Bassa Selim, Retter der zwei gefangenen Paare, mutiert hier im System der Käfighaltung von Menschen, das er anführt, zum geläuterten Geist, er, der selbst unter der Fuchtel von Bösewichten zu leiden hatte. Gewichtiger Unterschied. In Weimars »Fidelio« zerschlägt Don Fernando baritonal die Ketten mit der Knarre in der Hand, symbolisch, und löst den allgemeinen Jubel. »O namenlose Freude« singt das glückliche Paar, und der Chor: »Heil sei dem Tag!« Das klingt, als würden eben die Kosovaren von den Serben befreit worden sein. Oder auch anders. Wie es gerade beliebt.

Man kann das Ende auch sehr klar auf heute bedrängende Wahrheiten hin inszenieren: Im »Fidelio« an der Frankfurter Oper 1998 unter Michael Gielen, Regie: Martin Kušej, besteht der Chor aus Herren mit ersten Markenklamotten am Leib. Recht besehen Typen, reich und korrupt, betrügerisch. Gleichzeitig rekrutiert er inhaftierte Asylanten, Frauen, Männer, die wegen der Übelstände auf dem nackten Boden das Kriechen lernen, frierende Kreaturen darunter, auf der Suche nach Schutz. Florestan bleibt eher im Hintergrund, ja, diese Märtyrergestalt verwandelt sich am Ende in eine von den Umständen zerfressene, fremdartige Figur. Gegen Schluss, als Leonore sich zu erkennen gibt, schreit die Musik regelrecht. Fidelios Pistolenlauf sitzt an Pizarros Kopf, dessen Messer an Florestans Kehle. Die drei bringen sich gleichzeitig um - unter Neonlicht.

Dann wird es dunkel, die Toten stehen wieder auf, und es beginnt das Finale. Eine aristokratische Ballgesellschaft tritt auf, ohne Musik. Ball des Schweigens. Den rettenden Engel im Ministerrock gibt ein Mann in Schwarz. Der singt ausdrucksmäßig ganz anders als der in Weimar. Als drohe er und würde bedroht werden. Kein Rausch von Freiheit und Liebe am Ende. Den besorgte schlechterdings das Deutsche Nationaltheater.

Nächste Vorstellung: 28.4.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln