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Hundsgemeines Gesamtbrüllwerk

Am Hans-Otto-Theater Potsdam zeigt Christoph Mehler »Dogville« als Hort der Wutbürger

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auf leisen Sohlen schickt sich das Schreien an, Nacktsein und Farbespritzen am Theater zu überflügeln. Wer was auf sich hält und provozieren will, lässt das Ensemble neuerdings zeitintensiv schimpfen, krächzen und plärren. Dass da vorher noch niemand drauf gekommen ist: Dauergezeter sichert der Regie die Trophäe eines gespaltenen Publikums. Es nervt die einen und belustigt die anderen. Mit dem Aufdrehen des Lautstärkepegels bei der Schauspielintonation lässt sich außerdem selbst der langweiligste Text aufmotzen.

»Dogville« war zwar bislang nicht als Einschlafhilfe bekannt. Trotzdem hat sich Christoph Mehler bei seiner Bühnenversion des Films von Lars von Trier am Hans-Otto-Theater Potsdam entschieden, die Einwohner des titelgebenden Dorfes in den Rocky Mountains als Gesamtbrüllwerk zu präsentieren. Das liegt nahe - wegen des theatralen Trends zum Grölen, der wohl in der aktuellen politischen Hysterie gründet. Als deren Kristallisationspunkte porträtiert die Metropolenpresse ja gerne in elitärer Realitätsverweigerung die Ränder der Republik. »Pegida«, da seien doch ohnehin gar keine Dresdener dabei, sondern nur aus dem Umland hereingekarrte Dorfdeppen. Die Hochburgen der AfD wiederum lägen außerhalb jener Großstädte, in denen die weltoffenen Supermenschen die Erde vor ihrem durch ungebildete Horden provozierten Untergang bewahren.

Mehler liest offenbar gerne Zeitung. Was er aus Lars von Triers die Natur des Menschen auslotendem Kammerspiel gemacht hat, das sieht aus wie ein knalliger Kommentar zur politischen Großwetterlage. Die Bühne besteht aus einem vierteiligen Guckkasten, der die Einwohner von Dogville ausstellt. Da wäre zuerst der Hobbyschriftsteller Tom (Moritz von Treuenfels). Er meint, Menschen hätten grundsätzlich Probleme im Umgang mit Geschenken. Ihm fehlt nur noch eine passende Illustration seiner These. Da taucht plötzlich Grace (Denia Nironen) auf, die sich auf der Flucht vor Gangstern in Dogville verstecken will. Tom will sie aufnehmen und überzeugt die skeptischen Einwohner.

Unter ihnen befinden sich so seltsame Gestalten wie der vereinsamte Jack McKay (René Schwittay), die verrückte Liz Henson (Juliane Götz) und der verklemmte Trucker Ben (Raphael Rubino). Sie alle beginnen nach anfänglicher Zurückhaltung, Grace gnadenlos auszunutzen, bis sie nur noch behandelt wird wie ein Stück Vieh und am Ende zum vernichtenden Gegenschlag ausholt.

In der Filmvorlage vollzieht sich diese Handlung subtil, beinahe unmerklich - in jedem Fall aber so, dass die Motive der Menschen schwer erklärbar sind. Der Text bezieht sich auf die christliche Mystik, aber auch auf Bertolt Brechts berühmte Ballade von der Seeräuber-Jenny aus der »Dreigroschenoper«. Wo Lars von Trier die biblische Moral und marxistisch inspirierte Kunst zusammenführt, greift Christoph Mehler zu einer zynischen Massenverachtung.

Er nutzt das Stück, um die Gegenwart als lieblos, hasserfüllt und fremdenfeindlich zu diagnostizieren. Die Inszenierung veranschaulicht die ziellose Wut vieler Menschen auf vernebelte Missstände, indem sie komplizierte Wahrheiten in einfache Muster kleidet. Der anderthalbstündige Abend in Potsdam ist dann auch kaum mehr als eine Nacherzählung des Films mit bemüht ins Unsympathische verdrehtem Personal. Hier sind die Rollen von Täter und Opfer klar verteilt: Grace ist eine unschuldig Geflüchtete, und der Mob quält sie aus reiner Freude am Sadismus. Eigentlich fehlten nur noch an die Wand projizierte Bilder aus Clausnitz. Der eindimensionale Mensch auf der Bühne: Keine Figur zeigt hier Ambivalenzen, niemand weicht vom vorgegebenen Charakterkorsett ab.

All das kippt immer dann vom Langatmigen ins Ärgerliche, wenn Chuck (Eddie Irle) auftritt. Im Film ist er als introvertierter Familienvater lediglich Teil eines hundsgemeinen Kleinbürgerkollektivs. Dessen mit alttestamentarischer Wucht sich vollziehende Wandlung wird nur möglich, weil Grace sich ihm in gutgläubiger Opferbereitschaft unterwirft.

Auf der Bühne kriegt Chuck keinen geraden Satz heraus, er malträtiert die Frauen und erzieht seine allesamt auf den angeblichen Unterschichtsnamen Jason hörenden Söhne (im Film trägt nur einer diesen in den USA nicht stigmatisierten Namen) zu stupiden Mitläufern. Von der differenzierten Versuchsanordnung, die die Leinwandproduktion des Lars von Trier so sehenswert macht, bleibt an diesem Abend wenig übrig.

Nächste Vorstellungen: 30. April, 14. Mai, 2. und 16. Juni

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