Werbung

Geht doch nach Katar!

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

In den verschiedenen Fußballligen befindet man sich in der heißen Meisterschaftsendphase, aber davon weiß kein Fanmeilen-Fuzzi. Keiner, der eigentlich nach Katar gehört; dahin, wo sie auch keine Ahnung haben. Noch herrscht Ruhe auf der Fanmeile, sogar fließender Verkehr, ohne Merchandise-Clowns.

Ich bin zwar so sozialisiert, dass der Fußball täglich in meinem Kopf herumspukt, aber ich renne weitestgehend in Zivil zu den Terminen. Zum Beispiel wenn ich meinen Jungen zum VfB Friedrichshain begleite, hänge ich mir nur manchmal den blau-roten Schal um; auswärts in Neukölln oder zu Hause gegen Kreuzberg. Ist eine zivile Quote, dafür, dass ich schon hundert Mal bei den Jungs war. Manchmal auch bei der 1. Männermannschaft in der Kreisliga, auf dem Sportplatz zwischen SEZ, Krankenhaus und Volkspark.

Die Eventhopper strömen während der WM- oder EM-Endrunde an unserem Kunstrasenparadies vorbei, zur Fanmeile in weiter Ferne. Viele Mädchen sind schön geschminkt, als ob sie in die Disko gehen, einige Jungs auch. Hat was von Silvester in Marzahn oder Revolution in Kreuzberg.

Ich bekenne mich zu den Kiezkickern vom VfB Friedrichshain. Habe mir eine Schlange tätowieren lassen, von der Brust her über den Rücken und den Bauch bis zur Lendenwirbelsäule, und auf der steht: Verein für Ballspiele Berlin - Friedrichshain 1911 eingetragener Verein. 1911 als ausgeschriebenes Zahlwort, so haben es die Jungs der Altersklasse 10 beschlossen. Sonst bin ich nicht mehr der Vater vom Torwart.

Länderspiele gucke ich am liebsten zu Hause, denn in der Kneipe ist das blöd, auf der Meile noch blöder.

Das geht schon mit den Nationalhymnen los. Da machen die von der einen Fraktion einen auf Hand aufs Herz, aber ohne Text im Kopf, und die von der anderen Fraktion wollen diese Eiertänze verbieten; die drehen plötzlich den Ton weg, weil diese Lieder meiner Persönlichkeitsentwicklung schaden. Das erinnert mich an meine Schuldirektorin, die während unserer Kinderdisko aufpasste, damit nichts von Udo Lindenberg läuft.

Jedenfalls war der Platz vom VfB Friedrichshain während der letzten Endrunde kaum geschmückt; nur so drei, vier, fünf Fähnchen auf dem großen Gelände. Anders als das eine Seniorenheim, das war total beflaggt, innen und außen. Habe ich gesehen, als ich meine Nachbarin von der Arbeit abholte. Die Bewohner wurden nicht gefragt, ob sie andere Fahnen aus fernen Ländern wollten, oder ältere Fahnen aus unserer schönen Heimat.

Also ich werde mir noch einige Tätowierungen zulegen, wahrscheinlich die Liste der Erfolge vom VfB. Die ist nicht so lang, nur: 1948, Ostzonenmeister in der SBZ. Ist was für den Hals. Und auf dem Arsch könnte stehen: 1949, Zwangsumbenennung in Sportgemeinschaft Jochen Weigert Friedrichshain. Aber meinem Torwart und seinen Jungs zeige ich die nicht.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln