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Stoffwechselprobleme

Marx’ »Kapital« im Kapitalozän: Die grüne Frage und die blauen Bände

Der niederländische Nobelpreisträger Paul J. Crutzen schlug 2002 den Begriff »Anthropozän« als Bezeichnung für den jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte vor. Der Begriff soll eine neue irdische Epoche beschreiben, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Es entbehrt dabei nicht der Ironie, dass trotz des enormen Einflusses menschlicher Tätigkeiten der Traum der Moderne von der Herrschaft über die Natur nicht verwirklicht werden konnte. Ganz im Gegenteil: Die Menschen stehen den globalen ökologischen Krisen - Klimawandel, Artensterben und Super-GAU - heutzutage machtlos gegenüber.

Der schwedische Resilienzforscher Johan Rockström mahnt, dass vier der neun Belastungsgrenzen des Planeten (die sog. planetary boundaries) bereits überschritten sind. Und zwar gilt das für den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität, den Stickstoffkreislauf und die Landnutzung. Die Konsequenzen für den Planeten seien nicht mehr voraussehbar. Die enorme Entwicklung der Produktivität im 20. und 21. Jahrhundert verkehrt sich infolge der »Dialektik der Aufklärung« in die scheinbar absolute Unfähigkeit zur nachhaltigen Regulierung der gesellschaftlichen Produktion. Das heißt in der Konsequenz: Das »Scheitern« der Herrschaft über die Natur ist ein Charakteristikum des Anthropozäns.

Allerdings ist der Begriff Anthropozän insofern problematisch, als es nicht der Mensch an sich ist, der die gewaltigen Veränderungen an der Umwelt verursacht. Der überwiegende Teil der Kohlendioxid-Emissionen stammt aus kapitalistisch entwickelten Ländern wie den USA, China und Japan, während die Menschen in Afrika und im Nahen Osten viel weniger Treibhausgas ausstoßen. Individuen nehmen nicht in gleichen Maßen an der Formation der Geologie der Menschheit teil. Massenproduktion, -konsumption und -abfall sind ohne Zweifel eng mit der kapitalistischen Lebensweise verbunden, so wie auch die rapide Steigerung der CO2-Emissionen erst mit der industriellen Revolution begann. Statt die Ursache der ökologischen Krise auf die Menschheit an sich zu reduzieren, ist es vielmehr nötig, gesellschaftliche Strukturen und Institutionen der Moderne zu untersuchen. Andreas Malm hat die gegenwärtige Veränderung des Planeten treffender als »Kapitalozän« bezeichnet. Damit will er den Einfluss des Kapitals auf die globale Umwelt seit der industriellen Revolution hervorheben.

An dieser Stelle kommt Karl Marx ins Spiel. Marx wurde lange Zeit wegen seiner naiven Vision der menschlichen Emanzipation durch die unendliche Steigerung der Produktivkräfte kritisiert. Laut den Kritikern interessierte Marx sich nicht für ökologische Probleme, weil er zu sehr vom bürgerlichen Fortschritt fasziniert war und dem sogenannten Produktivkraftfetisch anhing. Daher behaupten sogar angebliche Marxisten, dass Marx’ Kritik des Kapitalismus im 21. Jahrhundert um ökologische Aspekte ergänzt werden müsste, wenn sie heute überhaupt noch dienlich sein soll.

Diese Ansicht erwies sich allerdings als falsch, denn eine Reihe von Ökosozialisten untersuchten Marx’ Texte sorgsam. Überzeugend wiesen sie nach, dass er durchaus ökologische Interessen hatte. Ihr Fokus auf die Marxsche Theorie des Stoffwechsels zeigt dabei, dass das Thema Ökologie keine marginale, sondern eine zentrale Rolle in seiner Kritik der politischen Ökonomie einnimmt. Allgemein bekannt ist, dass Marx im »Kapital« die Arbeit als Vermittlung des »Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur« definierte. Schon seit seinem Manuskript »Die deutschen Ideologie« (1845-46) untersuchte Marx, wie der Mensch in und mit der Natur produziert, aber vor allem, wie die kapitalistische Produktion diese übergeschichtliche physiologische Dynamik zwischen Mensch und Natur modifiziert. Mit anderen Worten: Marx’ Analyse besteht in einer Erklärung, wie diese vermittelnde Tätigkeit radikal reorganisiert und transformiert wurde, indem die Logik des Kapitals die abstrakte Arbeit als einzige Quelle des Wertes behandelt. In der versachlichten Welt des Kapitals wird als Konsequenz der gesamte Prozess des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur vom Wert als Vergegenständlichung abstrakter Arbeit einseitig vermittelt.

Einerseits studierte Marx sehr sorgsam parlamentarische Berichte‚ um den Raubbau an Arbeitern unter der großen Industrie und die daraus resultierende Erschöpfung der Arbeitskraft und die Degradierung des Arbeiterlebens ausführlich darzustellen. Andererseits analysierte er ebenso, wie die kapitalistische Landwirtschaft Raubbau an den Böden betreibt, indem er leidenschaftlich Naturwissenschaften wie Chemie und Geologie studierte. Marx kam im »Kapital« zu dem Schluss, dass die »große Industrie« und die »industriell betriebene Landwirtschaft« Hand in Hand den gesamten Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur zerstören, »indem das industrielle System auf dem Land auch die Arbeiter entkräftet, und Industrie und Handel ihrerseits der Agricultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen.«

Marx erkannte ferner, dass die kapitalistische Produktionsweise Bedingungen produziere, die »einen unheilbaren Riß hervorbringen in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und natürlichen, durch die Naturgesetze des Bodens, vorgeschriebnen Stoffwechsels, in Folge wovon die Bodenkraft verwüstet und durch den Handel diese Verwüstung weit über die Grenzen des eignen Lands hinaus getragen wird.« Die Herrschaft des Kapitals verursacht gravierende Störungen im Stoffwechsel auf globalem Niveau. Und dabei ruft der »ökologische Imperialismus« sowohl die gewalttätige Unterdrückung der Einwohner als auch die Zerstörung des ursprünglichen Ökosystems zugunsten der Kapitalakkumulation hervor. Diese grundlegende Erkenntnis von Marx gilt im Zeitalter des Kapitalozäns noch immer.

Was Marx im »Kapital« darstellt, ist die Art und Weise, wie die verselbstständigte Macht des Kapitals über die Fabriken hinaus die gesamte stoffliche Welt transformiert. Kapital versucht nicht nur, die maximale abstrakte Arbeit in den Waren durch die In- und Extensivierung des Arbeitstags zu vergegenständlichen, sondern auch von der »gratis Naturproduktivkraft« so viel wie möglich zu profitieren. Die Natur geht - sofern sie kostenlos ist - in den Arbeitsprozess ein, aber nicht in den Verwertungsprozess. Somit enthält sie wie die Arbeitskraft eine spezifische Bedeutung für das Kapital, weil die Natur, auch wenn sie direkt keinen Wert produziert, ohne zusätzliche Kosten die Produktivität und somit die Profitrate steigen lassen kann.

Sofern sich das Kapital dabei nicht um die Nachhaltigkeit der Produktion sorgt, sondern es primär um die Gewinnmaximierung geht, werden Naturressourcen erschöpft. Es gibt immer unterschiedliche Schranken für die »freie« (oder günstige) Exploitation der Naturkräfte. Allerdings sucht das Kapital in solchen Situationen ständig nach neuen Wegen, um ein »System der allgemeinen Nützlichkeit« zu entwickeln: »Die Exploration der Erde nach allen Seiten, sowohl um neue brauchbare Gegenstände zu entdecken, wie neue Gebrauchseigenschaften der alten; wie neue Eigenschaften derselben als Rohstoffe etc.« Der »Wehrwolfs-Heißhunger« des Kapitals nach der Aneignung der ganzen Welt stellt die Weichen auf dem Weg zum Kapitalozän.

Sofern das Kapital dieses System der Nützlichkeit nur zur Steigerung des Mehrwerts organisiert, stört die einseitige Entwicklung von neuen Technologien und Naturwissenschaften zunehmend den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Durchaus möglich ist es also, dass das Kapital seine absolute Grenze erst erreicht, nachdem alle Belastungsgrenzen des Planeten überschritten worden sind. Aber schon das Überschreiten einer weiteren Belastungsgrenze könnte bewirken, dass die Welt zu einem ziemlich unbewohnbaren Ort für Mensch und Tier werden könnte. Der Widerspruch des Kapitals könnte zwar eines Tages zum »Zusammenbruch« des Kapitalismus führen, doch könnte dies für die Bewahrung der Biosphäre dann bereits zu spät sein. Die ökologische Krise zwingt die Menschheit, die Entfremdung der Natur bewusst zu überwinden und »ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell [zu] regeln«.

Die ökologische Krise im Kapitalozän konnte Marx somit nicht nur voraussehen, vielmehr warnte er vor ihr. Denn in seinem Hauptwerk geht es um die Analyse der spezifisch kapitalistischen Organisation des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Marx’ Ökologie beklagt nicht bloß moralisch, dass der Kapitalismus die Umwelt zerstört, sondern sie zeigt, wie die Logik des Kapitals die gesamte stoffliche Welt radikal reorganisiert und die materiellen Bedingungen einer nachhaltigen Produktion untergräbt. Und überdies erklärt Marx’ Ökologie, warum subjektive Gegenmaßnahmen gegen die Entfremdung der Natur unter der Herrschaft der fremden Macht des Kapitals für eine freie und nachhaltige Produktion unentbehrlich sind. Hierin liegen Marx’ bewusste »sozialistische Tendenz« und die Aktualität des vor 150 Jahren erschienenen ersten Bandes des »Kapital«.

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