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Achtung, Einsturzgefahr!

Sachsens Weinregion an der Elbe wird von Terrassenmauern geprägt - doch die verfallen

  • Von Christiane Raatz, Radebeul
  • Lesedauer: 4 Min.

Sonja Schilg hat einen Masterplan. Er hängt an der Wand im Besprechungszimmer von Schloss Wackerbarth im sächsischen Radebeul - und zeigt in bunten Farben, wie es um die Trockenmauern des Staatsweinguts bestellt ist: Grün heißt saniert, Türkis sanierungsbedürftig, Rot bedeutet: Abschnitt völlig eingefallen. Grün-gestrichelte Linien nehmen den kleineren Teil auf der im vergangenen Jahr erstellten Karte ein. Etwa 17 Prozent der Mauern sind saniert, schätzt die Wackerbarth-Geschäftsführerin. Insgesamt liegen die Sanierungskosten bei rund 12,2 Millionen Euro. »Eine Generationenaufgabe«, sagt Schilg.

Die teils jahrhundertealten Mauern aus Naturstein prägen die Weinlandschaft zwischen Pillnitz und Meißen. Sie sind nicht nur Kulturgut und Tourismusfaktor - ohne sie würden sich die steilen Weinberge nicht bewirtschaften lassen. Das Problem: Vielerorts sind die Mauern marode. Dann droht der Hang abzurutschen, Reben müssen gerodet werden. Schilg spricht von einem aufgestauten Sanierungsbedarf »von Jahren und Jahrhunderten«. Mit ihrem Masterplan soll es künftig auf Wackerbarth keinen Flickenteppich mehr geben, weil nur dort repariert wurde, wo die Mauer gerade zusammengefallen war. Stattdessen soll das Problem mit System angegangen werden. »Die Terrassenmauern machen diese Region doch aus.«

In den vergangenen Monaten hat das Weingut seine Terrassen samt Trockenmauern am Radebeuler Weinberg »Goldener Wagen« saniert. Nun kommen rund 1000 neue Traminer-Reben in die Erde. Der Weinberg, der als eine der besten Lagen Sachsens gilt, wurde erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt, die Terrassenmauern sind bis zu 400 Jahre alt. Seit 2002 hat das Staatsweingut rund zwei Millionen Euro in den Erhalt seiner Trockenmauern investiert. Insgesamt gehören zu Wackerbarth mehr als 20 000 Quadratmeter Stütz- und Trennmauern sowie steinerne Treppenaufgänge durch die Weinberge, die es zu unterhalten gilt.

Einer der Wackerbarth-Winzer, Alexander Thau, verbringt viel Zeit in den Steillagen. Denn bewirtschaftet werden die Reben ausschließlich per Hand - vom Schneiden bis zur Lese. Die Trockenmauern sind »unheimlich wichtig«, sagt er. Die Reben bekommen durch die Hanglage mehr Sonne ab, die Steine speichern die Wärme und geben sie an Riesling, Traminer und Co. ab. »Da können wir die allerbesten Weine erzeugen.« Die Steillagen machen etwa ein Viertel der 100 Hektar Rebfläche von Wackerbarth aus. Weil die Erträge gering sind und der Aufwand groß, spricht Sonja Schilg eher von einem »Imagefaktor« als von einem Wirtschaftsfaktor für das Weingut.

Bei seiner Arbeit hat Thau auch den Zustand der Mauern im Blick, immer wieder lösen sich einzelne Steine. Dunkel sind die älteren, hell leuchten die neu eingefügten Steine. Das Prinzip: Große Brocken werden übereinander geschichtet, in die Zwischenräume kleine Steine gepackt. »Wie ein gigantisches Puzzlespiel.« Weil ohne Mörtel gebaut wird, leben in den kleinen Zwischenräumen zahlreiche Insekten, Schmetterlinge, Schlangen und Eidechsen. Ein Biotop. »Morgens im Hang zu stehen, die Ruhe und der Blick übers Elbtal - unbezahlbar«, schwärmt Thau.

Die 1,5 Millionen Euro, die Wackerbarth jährlich als Staatsweingut vom Freistaat für den Erhalt der sächsischen Weinkulturlandschaft bekommt, sollen auch dafür eingesetzt werden, die Weinberge zu sanieren. Im zusätzlichen Förderprogramm, das speziell für die Terrassenmauern gedacht ist, werden etwa Winzer oder Privatpersonen, die Steillagen bewirtschaften, bevorzugt. Insgesamt stehen in der aktuellen Förderperiode (2014 bis 2020) für Sachsen gut sechs Millionen Euro EU- und Landesmittel für die Sanierung von Weinbergmauern zur Verfügung. 2016 wurden laut Umweltministerium für 31 Vorhaben rund 2,5 Millionen Euro Fördermittel bewilligt.

Für viele Weinbauern und Städte entlang der Elbe ist das allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein die dringend notwendige Sanierung des Terrassen-Weinbergs in Radebeul würde 765 000 Euro kosten, rechnet Heike Funke, Sachgebietsleiterin für Stadtgrün, vor. Die Mauern seien »total marode«.

Auch am Krapenberg und am Paulsberg sind Mauern eingebrochen. »Ohne Fördermittel übersteigt das unsere Möglichkeiten.« In der Vergangenheit allerdings wurden mehrere Anträge der Stadt abgelehnt, so Funke. Die Weinstadt Meißen zählt zehn eingebrochene Mauern, der Zustand insgesamt sei »durchwachsen«. Für eine Sanierung hat die Stadt Fördermittel in Höhe von 220 000 Euro beantragt - zehn Prozent muss Meißen selbst aufbringen.

Auch Winzer Karl Friedrich Aust bewirtschaftet Flächen am »Goldenen Wagen« in Radebeul, knapp eine halbe Million Euro hat er in den vergangenen Jahren für seine Weinbergsmauern ausgegeben. Diese müssten gepflegt werden. »Wenn eine Mauer einstürzt, stürzt die nächste ein und die nächste, wie eine Lawine«, sagt er. Anstatt immer nur eingefallene Mauerstücke zu reparieren, hat er daher 2016 ein Großprojekt gestartet. Mit viel Aufwand, Seilzügen und Muskelkraft wurden 60 Prozent der Mauerflächen neu gesetzt. Unterhalb des Bismarckturms sind nun die hellen und sanierten Mauern deutlich zu erkennen. Rund 900 Quadratmeter sind noch offen. »Was ich nicht schaffe, bleibt für die nächste Generation.« dpa/nd

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