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Diplomatie

Israels Demokratie hat das schwere Los, sich von Deutschland tolerieren lassen zu müssen, meint Leo Fischer

  • Von Israels Demokratie hat das schwere Los, sich von Deutschland tolerieren lassen zu müssen, meint Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Stellen wir uns einmal vor, Israel wäre kein Verbündeter Deutschlands. Kein richtiger Feind vielleicht, den man unmittelbar bombardieren muss, aber eben ein Land, das einem aus Prinzip erst mal unsympathisch ist und aus dem man auch wirtschaftlich nichts herausholen kann - wie etwa Somalia. Was wäre hierzulande los?

Wir würden Initiativen dulden und fördern, die das Land international isolieren, an Universitäten, im Handel und im Konsum. Wir würden Waffen, Logistik und Beratung an Leute liefern, die dieses Land fertigmachen. Wir würden verrückte NGOs in der Region unterstützen, mit dem Ziel, das Land auch ideologisch zu unterminieren. Übergeschnappte Leitartikler und ein Jakob Augstein, der von sich selbst sagt, er müsse das Land nicht besuchen, um es zu kritisieren, würden die lachhaftesten Räuberpistolen glauben und verbreiten, einfach, weil man das mit Gegnern so macht. Kaum zwölf Stunden nach dem wichtigsten Gedenktag des Landes würde der deutsche Außenminister, der das Land bereits in der Vergangenheit provoziert hat, einen weiteren diplomatischen Eklat herausfordern, indem er sich weigert, mehr als nur die NGOs zu besuchen, die mit seinem Geld die Legitimität staatlicher Institutionen angreifen.

Was sich genau ändern würde? Nichts. All dies geschieht bereits jetzt. Israel wird von Deutschland behandelt wie ein Schurkenstaat. Während die gesamte Region im Chaos versinkt, islamistische Eiferer und Militärs jede Spur einer Zivilgesellschaft auszutilgen bestrebt sind, dient das einzige Land der Region, das annähernd Stabilität und westliche Standards in Justiz und Medien vorweisen kann, als billiger Popanz, an dem man sich abreagieren kann. Der unbeliebteste Außenminister aller Zeiten sah in Zeiten des Wahlkampfs keine andere Möglichkeit, ein paar Punkte gegen Schulz zu gewinnen, als einen auf Möllemann zu machen.

Warum bestehen wir darauf, Israel überhaupt noch als Verbündeten zu führen? Es ist recht einfach: Wir würden nicht so herrlich demokratisch dastehen. Offene Gegnerschaft würde es unmöglich machen, sich als Held der Menschenrechte zu inszenieren in einem Land, das seine Freiheit eben nicht mit Waffen verteidigen muss. Wir wären viel weniger stolz auf uns selbst, wir stünden nicht als die moralischen Sieger da. Es wäre unmöglich, diese spezifische gockelnde Verlogenheit an den Tag zu legen, die immer da auftritt, wo man den Juden ihr Überleben missgönnt.

All jene, die Israel einen Apartheidsstaat und Schlimmeres schmähen, wollen in Wahrheit nichts weniger als den offenen Konflikt. Es wäre nämlich unmöglich, ein Land, mit dem man sich offen in Konflikt befindet, derart anzugreifen, wie es heute geschieht. Man müsste dann nämlich zugeben, dass man auch nur von nationalen Interessen geleitet ist, dass man Partei ist, dass man in Wahrheit auch andere Bündnispartner hat, die sehr genaue Erwartungen davon haben, wie mit Israel umzugehen ist. Das wäre langweilig. Nein, man will ja gerade den sadistischen Kitzel, der davon ausgeht, jemanden an sich zu drücken und ihm zugleich das Messer an den Rücken zu setzen.

Gabriel weiß, dass er dabei nicht verlieren kann. Die »Süddeutsche Zeitung« nannte in schon seltener Umnachtung den israelischen Premier »Wladimir Tayyip Netanyahu«, und kennzeichnete ihn also letztlich als dreimal schlimmer als einen gewöhnlicher »Autokraten«, wie er wiederum dem »Spiegel«-Augstein einfiel. Wohlgemerkt: Autokrat ist Netanyahu, weil er den deutschen Außenminister nicht getroffen hat. Und weil er ein Rechtsaußen ist, in seinen Positionen also vom europäischen Durchschnittsregenten mittlerweile kaum zu unterscheiden.

Ein Kommentator wie Jakob Augstein, dessen stupider Antizionismus inzwischen derart unter Beschuss steht, dass er ohne Zitate von Holocaust-Überlebenden keinen Aufsatz mehr eröffnen kann, hätte hingegen viel zu verlieren, wenn die diplomatischen Beziehungen endeten. Er könnte sich nicht mehr das Argument seiner Gegner zu eigen machen, es gäbe »kein Land auf der Welt, das von den Deutschen so wenig Lektionen in Demokratie braucht wie Israel«, um dann seine Krokodilssorgentränen um den Zustand ebendieser auszugießen und schließlich doch darauf zu kommen, dass das Land »eben nicht« eine solche sei. Und das immerhin stimmt: Es ist nämlich die israelische Demokratie eine, die das schwere Los hat, sich von Deutschland tolerieren lassen zu müssen. Man wünscht ihr dabei viel Kraft.

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