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Neue Zahlen zeigen einseitige Berichterstattung über Terror

Schieflage in US-amerikanischer Berichterstattung

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war nur eine weitere bizarre Aktion von Donald Trump zu Beginn seiner Amtszeit. Anfang Februar veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste mit Terroranschlägen, die angeblich von den Medien ignoriert worden seien. Damit wollte Trump seine Behauptung untermauern, die »unehrliche Presse« würde über viele islamistische Terroranschläge nicht berichten.

Wissenschaftler der Georgia State University aus den USA nahmen das zum Anlass, die Medienkritik des US-Präsidenten zu überprüfen. Das Ergebnis zeigt, dass das Gegenteil richtig ist. Der weit verbreiteten Omnipräsenz islamistischer Anschläge im kollektiven Gedächtnis widersprechen auch die Regierungszahlen selbst.

Die stammen aus einem Bericht des Government Accountability Office (GAO). Im Zuge einer Untersuchung über die Effektivität von Programmen zur Terrorismus-Prävention hat die vom US-Kongress eingerichtete überparteiliche Rechnungshof die Zahl aller terroristischen Anschläge seit 2001 ermittelt.

Seit dem 12. September 2001 gab es demnach 85 terroristische Anschläge mit Todesopfern. Doch die Mehrheit der Anschläge wurde nicht von Islamisten begangen. 62 der 85 Anschläge, beziehungsweise 73 Prozent aller Anschläge wurden von Rechtsextremisten begangen. Demgegenüber standen 23 islamistische Terroranschläge, die damit 27 Prozent aller Anschläge ausmachten. Seit 1990 gab es übrigens keine linksextremistischen Anschläge mit Todesopfern in den USA mehr. Deswegen sind diese in der Grafik nicht berücksichtigt.

Bei rechtsextremen und islamistischen Anschlägen gab es insgesamt etwa gleich viele Tote mit 106 beziehungsweise 119 Opfern. Doch bei den islamistischen Anschlägen dominieren vier Anschläge mit mehr als 10 Todesopfern. Der Angriff auf den Schwulenclub »Pulse« in Orlando alleine ist mit 49 Todesopfern für 41 Prozent aller Todesopfer bei islamistischen Anschlägen verantwortlich. Die Zahlen zeigen also, dass es in den USA viel Rechtsterror mit wenigen Toten gibt und wenige spektakuläre islamistische Anschläge mit vielen Toten.

Wie stark wann über welche Terroranschläge berichtet wird haben Forscher des Programms für globale Studien der »State University of Georgia« untersucht. Sie werteten zwischen 2011 und 2015 2.413 Nachrichtenartikel aus den USA über 89 Terroranschläge in den USA mit und ohne Todesopfer aus. Die Forscher nutzten dazu die akademische Zeitschriftendatenbank »Lexis Nexis«, mittels derer durch den Volltext tausender Zeitschriften gesucht werden kann und durchsuchten zusätzlich das Archiv von cnn.com.

Laut den Daten der Forscher waren Muslime für 12,4 Prozent aller Anschläge verantwortlich. Doch gleichzeitig behandelten 41,4 Prozent aller untersuchten Artikel Anschläge, bei denen die Täter Muslime waren. Noch größer war das Missverhältnis, wenn der Täter nicht in den USA geboren war.

Könnten andere Faktoren als die Herkunft der Täter dafür verantwortlich sein? Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass häufiger berichtet wird, wenn der Täter verhaftet wird und wenn eine Regierungsbehörde Ziel des Anschlags ist. Und je mehr Opfer es gibt, desto häufiger wird berichtet. Doch auch wenn diese Faktoren berücksichtigt wurden wurde mehr als vier Mal häufiger berichtet, wenn der Täter Muslim ist.

Besonders bei Tätern wie Michael Page, der bei einem Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Wisconsin sechs Menschen tötete oder dem Anschlag von Dylan Roof auf eine afroamerikanische Kirche in Charleston mit neun Toten, habe es weniger Medienaufmerksamkeit gegeben. In beiden Fällen – und vielen anderen – waren die Täter »weiße Männer und die Opfer Muslime oder Minderheiten«. Im Durchschnitt gab es 90,8 Artikel für jeden Anschlag mit muslimischem Täter und nur 18 Artikel für Anschläge nicht-muslimischer Terroristen.

Die überproportionale Berichterstattung über islamistischen Terror hat Folgen: Etwa drei Mal so viele Amerikaner (30 Prozent) denken, dass die meisten Terroranschläge seit dem 11. September 2001 von Islamisten begangen wurden und vier Mal mehr geben an, dass sie zuerst an Islamisten denken, wenn in den Medien über einen Anschlag berichtet wird (41 Prozent). Nur 10 Prozent sagen, dass rechtsextreme Täter für die meisten Terroranschläge der letzten Jahre verantwortlich waren und nur 9 Prozent denken zuerst an diese. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die dem nd vorliegt.

Weil die Medien – bewusst oder unbewusst – viel öfter über terroristische Attacken von Muslimen berichten, entstehe der »Eindruck«, das islamistischer Terror »öfter vorkommt, als er es tut« resümieren die Forscher. Sie wünschen sich deswegen, dass die amerikanischen Medien in Zukunft »ausgewogener« über Terroranschläge berichten. Denn der habe »viele Gesichter«.

Eine andere Studie der amerikanischen Zeitschrift »The Nation« kam übrigens zu einem ähnlichen Ergebnis was die globale Berichterstattung angeht: Über Terroranschläge im Westen wird überproportional häufig berichtet, über solche in nicht-westlichen Ländern deutlich weniger.

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