Von Reiner Oschmann

Erster Brexit schuf Nordsee und Ärmelkanal

Britische Wissenschaftler entdecken unter Wasser neue Belege versunkener Landschaften

Viele konkrete Folgen des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU stehen noch in den Sternen. Gesichert ist dagegen, dass der erste Brexit - die Abspaltung der Britischen Inseln vom Kontinent - vor etwa achttausend Jahren stattfand. Wiederholte Klimawandel in Gestalt von Wärmeperioden und Eiszeiten mit starkem Anstieg des Meeresspiegels schufen Nordsee, Ärmelkanal und das, was wir als Großbritannien und Irland kennen.

Auch diese frühe Trennung vom Festland birgt manches Rätsel. Neue Untersuchungsmethoden bringen jedoch immer neue Belege zu versunkenen Landschaften ans Licht. Diese Landschaften, die es einst ermöglichten, die Strecke zwischen Kopenhagen und London trockenen Fußes zu durchmessen, waren einmal fruchtbare Territorien mit Flüssen. Beides verschaffte Jägern und Sammlern Lebensgrundlagen.

Die Meeresarchäologie sucht seit Langem weltweit nach Belegen für heute unter Wasser liegende »Paläolandschaften«. Relativ neu ist indes die Forschungstätigkeit in Ärmelkanal und Nordsee. »Viele Menschen können sich nicht recht vorstellen, dass weite Teile der Nordsee einmal Land waren«, sagte Archäologin Dr. Rachel Bynoe dem »Guardian«. »Die heute von Meer bedeckten Landschaften enthalten wichtige Informationen über das Leben unserer Vorfahren von der Altsteinzeit bis zur Jungsteinzeit.« Die konkrete Suche, gesteht sie, gleiche der Jagd nach der Nadel im Heuhaufen. Neues Herangehen kombiniere moderne mit traditionellen Methoden. So werde der Meeresboden mit Hilfe der neuesten Ozeantechnik kartografiert, um urzeitliche Flussläufe und andere Landschaftsmerkmale zu entdecken. Andererseits werten Bynoe und Kollegen Funde aus, die Fischereiflotten seit Langem mit ihren Netzen ans Tageslicht holen, darunter Knochen von Mammuten.

Ein Gebiet, das das Verständnis für die Vergangenheit gegenwärtig besonders erweitert, ist Bouldnor Cliff, ein Ärmelkanal-Abschnitt zwischen englischer Südküste und der Isle of Wight. Aufmerksam geworden waren Archäologen darauf 1999, als ein Hummer dabei beobachtet wurde, wie er urzeitliche Steinwerkzeuge aus seiner Behausung schob. Der Maritime Archaeology Trust begann daraufhin mit Ausgrabungen in diesem Gebiet und förderte 8000 Jahre alte Fundstücke zutage. In einer Wassertiefe von elf Metern fanden die Altertumsforscher Werkzeuge, hölzerne Artefakte und das bisher älteste Stück einer Art Bindfaden. »Die größte Entdeckung«, so der »Guardian«, »wurde 2015 gemacht. Sedimentuntersuchungen enthielten unter anderem DNA von Weizen. Dies legte den Schluss nahe, dass Weizenprodukte nach Britannien gebracht worden waren, lange ehe Weizen dort 2000 Jahre später angebaut wurde.«

Noch größere Hoffnungen setzen Wissenschaftler in das Gebiet Doggerland. Dabei handelt es sich um ein Revier von 17 000 Quadratkilometer Ausdehnung um Dogger Bank in der Nordsee etwa auf Höhe der ostenglischen Grafschaft Norfolk. Die Region verband einst Britannien mit Skandinavien. Ein Team um Professor Vince Gaffney von der Universität Bradford führt dort ein ehrgeiziges Projekt. Das mehrjährige Unternehmen kann sich auf 2,5 Millionen Euro Fördergeld zur Kartografierung des Meeresbodens und auf modernste Unterwassertechnik stützen, um aussagefähige Fundorte zu bestimmen. An der Küste von Norfolk selbst waren in jüngerer Vergangenheit bereits Funde gemacht worden, die Rückschlüsse darauf erlauben, was im Meer, in Doggerland, gefunden werden könnte. So wurde ein Kreis aufrecht stehender Holzstämme entdeckt, etwa 4000 Jahre alt. Angelehnt an Stonehenge, die berühmte Stein- und Grabenanlage in Südengland, erhielt er den Namen »Seahenge«. Die Wissenschaft ist zuversichtlich, dass auf dem Meeresboden noch spektakulärere »Seahenges« warten, die einst nicht im Wasser, sondern auf dem Land standen.

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