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Zerhackstückte Weltliteratur

Wenedikt Jerofejews »Reise nach Petuschki« an der Volksbühne

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1969 hat Wenedikt Jerofejew diesen Roman geschrieben. In der damaligen Sowjetunion ist er zunächst in einer Zeitschrift, die sich gegen den Alkoholismus ausspricht, gedruckt worden. Inzwischen wird er in der ganzen Welt gelesen und hat nach den Worten des russischen Literaturkritikers Jewgeni Popow »mehr als nur eine Seele vor Fäulnis und Zerfall« gerettet.

Der Text beschreibt den Tag einer Zugfahrt des Säufers Wenja vom Kursker Bahnhof in Moskau in das 120 Kilometer entfernte Petuschki, dorthin wo seine Geliebte und sein kleiner Sohn leben, ein Sehnsuchtsort, wo der »Jasmin nie verblüht und die Vögel nie verstummen«. Die Dialoge werden immer verstörender, historische Figuren und Fabelwesen, die dem alkoholgeschwängerten Kopf des Helden entsprungen sind, bevölkern die Szene. Satan zwingt ihn zum Aussteigen, eine Sphinx stellt unlösbare Rätsel. Die Geliebte, in seiner Erinnerung »die Schöne mit weißem Kleid und rotem Haar«, wird nicht am Bahnhof stehen und er selbst wird, nachdem er im Kreis gefahren ist, an den Ausgangspunkt am Kursker Bahnhof zurückkehren, wo er von vier dunklen Gestalten, Sendboten der Apokalypse, erschlagen werden wird.

Nicht nur diese Spukgestalten erinnern an die Passionsspiele der Christen. Auch dort gilt der Kreis als Symbol der Vergeblichkeit. In Thomas Martins für die Volksbühne geschaffener Fassung, die mit dem Titel »Kurzzeitodyssee« überschrieben ist, gibt es diese Rückkehr zum Ausgangspunkt nicht. Die Stationen der Reise sind wild durcheinandergewirbelt, die Hauptfigur ist auf vier Schauspieler und eine Schauspielerin aufgeteilt. Wenjas Geschichte hat keinen Anfang und kein Ende. Ein Text der Weltliteratur wird hemmungslos zerhackstückt.

Die Fahrt beginnt am Kilometer 58. Auf einer Filmleinwand sehen wir den schon schwer Betrunkenen, wie er einen Vortrag über den Zusammenhang von Libido und Alkoholspiegel hält. Filmszenen und reales Spiel auf einem dem Eingangsportal des Kursker Bahnhofes vorgelagertem Podest lösen sich ab. Setzt der Zug sich in Bewegung, wird dieses stilisierte Portal von Bühnenarbeitern beiseitegeräumt, und wir verfolgen ihn auf der Leinwand bei seiner Fahrt durch Tunnel, über Brücken und an Provinzbahnhöfen vorbei. Der Reigen der Szenensplitter endet mit einer Rocknummer Satans und der einer auf das Portal des Bahnhofs projizierten tierischen Spukgestalt, halb Lurch, halb Insekt. Zwischen der Eingangsszene am Kilometer 58 und den finalen Rocknummern haben wir zusammenhanglos Stationen von Wenjas Irrweg erlebt. Eine weibliche Darstellerin gesteht in der Rolle des Glück suchenden Trinkers, dass sie sich im Gebiet um den Kursker Bahnhof verlaufen habe, und wird von drei Engeln mit riesigen weißen Flügeln zum Zug begleitet. Im Folgenden presst der Held, nun wieder in männlicher Gestalt, glückstrunken den Koffer mit Schnaps und Cocktails an seine Brust und schwärmt von seiner Geliebten. Im Zugabteil erzählt er, jetzt als Filmfigur, von seinen Verbesserungsvorschlägen und seinem Rauswurf als Brigadier bei der Telefonverkabelung.

Wieder zurück in der Bühnenrealität, streitet er mit zwei Mitpassagieren über die Trinkgewohnheiten von Bunin, Tschechow, Lermontow und Gorki und kehrt zur Streitfrage zurück, ob es Schiller oder Goethe war, der seine Füße in Eiswasser mit Champagnerzusatz gestellt hat. Zusammenhänge zwischen der realen Zugfahrt und den Alkoholfantasien gibt es nicht. Die gibt es im Roman, wenn beispielsweise der Eintritt des realen Kontrolleurs angekündigt wird. Da fordert die englische Königin zur Kontrolle des Eindringlings ins englische Oberhaus auf - ein Vorgang, der sich im Traum des Helden abspielt. In Sebastian Klinks Inszenierung jedoch verselbstständigen sich Real- und Fantasieszenen immer mehr. Die Grundgeschichte, jene vergebliche Alkoholfahrt Wenjas zur Geliebten, gerät aus den Augen.

Die Szene vom Mischen eines neuen Cocktails zieht sich eine geschlagene Viertelstunde hin. Mit unerträglichen Wiederholungen werden als Ingredienzien des Gebräus Reinigungsmittel, Parfüms, Straßendreck und verschiedene Schnapssorten in einer riesigen Regentonne zusammengepanscht. Nicht weniger ausufernd, wenn Wenja mit seinem Freund Tichonow eine von ihm angezettelte Revolution in einer Filmszene Revue passieren lässt, als deren fantasierter Höhepunkt Robbespiere, Cromwell und zwei junge Anarchistinnen als Diskussionsredner auftreten.

Insgesamt ist so etwas wie stilistische Geschlossenheit nicht zu erkennen. Die Aufteilung der Hauptrolle auf fünf Darsteller vermag nicht deren widersprüchliche Verhaltensweisen kenntlich zu machen. Selbstdarstellungsanstrengungen ungenügend geführter Schauspieler blockieren den Zugang zu einem weltliterarischen Kleinod.

Nächste Vorstellungen: 11.5., 3.6.

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