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Der Frieden kommt ins Rollen

Mit einer Radtour durch Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina will ein Österreicher den Friedensprozess stärken

  • Von Tom Mustroph, Jericho
  • Lesedauer: 5 Min.

»Jericho ist eine Stadt des Fahrrads. Wir sind die tiefst gelegene Stadt der Welt und das Gelände ist sehr flach. Deshalb findet sich bei uns kein Haus ohne mindestens ein Fahrrad.« So begrüßt Mohamed Jalayta, der Bürgermeister Jerichos, das Vorauskommando der Middle East Peace Tour. Jalayta hat sich schnell auf das Thema eingestellt. Er will die Chance dieser Sieben-Etappenfahrt nutzen und Palästina als gleichberechtigten Staat in der Welt des Sports präsentieren.

Das Rennen soll im März 2018 mit 500 Teilnehmern starten. Amateure und Profis, Frauen und Männer könnten dabei gemeinsam starten und in verschiedenen Kategorien gewertet werden, so der Plan. Bei der Vorbereitungstour auf der Originalstrecke fuhr bereits die Niederländerin Annemiek van Vleuten mit, zuletzt Dritte beim Amstel Gold Race.

Start dieser Fahrt ist der Vorplatz des römischen Amphitheaters in Jordaniens Hauptstadt Amman. Von dort geht es - für die Journalisten diesmal streckenweise noch mit dem Bus, statt mit dem Fahrrad - über die antike Stadt Petra bis ans Rote Meer. Der Besuch Ägyptens, wo 2018 ein Einzelzeitfahren ausgetragen werden soll, entfällt beim Pre-Event jedoch, weil die Grenze geschlossen ist - Resultat der jüngsten Anschläge in Alexandria und Tanta. Also geht es direkt von der israelischen Seite des Roten Meers durch die heiße Negevwüste ans Tote Meer, und von dort über Jericho, das von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet wird, bis zum Zielort Jerusalem.

»Am liebsten würden wir eine Halbetappe von Neve Zohar in Israel nach Jericho führen und am Nachmittag weiter nach Jerusalem fahren«, hofft Co-Organisator Ido Eindor aus Israel. Jericho selbst hat nicht genug Hotelkapazitäten, um als Start- oder Zielort zu fungieren, daher die Idee als Zwischenstopp. »Ob die Idee realisierbar ist, hängt aber von den Behörden ab«, sagt Eindor. Inklusive Ägypten soll die Tour jedenfalls 681 Rennkilometer aufweisen und durch vier Länder führen.

Initiator des Ganzen ist Gerhard Schönbacher. Er wolle, »dass durch das Rennen der Gedanke des Friedens transportiert wird. Meines Wissens hat es noch nie ein Sportevent gegeben, das dem Frieden gewidmet war. Dabei ist der Sport eine starke Stimme in der Welt. Zählt man alle Mitglieder von Sportverbänden zusammen, hätte man Hunderte Millionen, die aufstehen und sich für den Frieden stark machen. Vielleicht erreicht der Sport damit tatsächlich etwas, was Politik und Religion nicht geglückt ist«, erklärt Schönbacher seine Beweggründe gegenüber »nd«.

Natürlich weiß der Ex-Profi, der mehrfach an der Tour de France teilnahm, dass es einst die Internationale Friedensfahrt gab. 1974 fuhr er für Österreich sogar selbst von Polen über die DDR in die ČSSR. Der Unterschied zu seiner Middle East Peace Tour, die zunächst für fünf Jahre in den Rennkalender des Weltverbands UCI aufgenommen werden soll, sei, dass damals bereits Frieden zwischen den Ausrichterländern herrschte, das Rennen jetzt aber erst zu einem Friedensprozess beitragen solle.

Dass dafür noch einiges getan werden muss, ist bei der Fahrt nach Jericho deutlich spürbar. Noch vor den Grenzen der Stadt stoppt der Busfahrer. Ein Schild am Straßenrand warnt israelische Staatsbürger wie ihn davor, das Territorium der Palästinensischen Autonomiebehörde zu betreten. Israelis brächten ihr Leben in Gefahr, heißt es auf dem Schild. Und hier sollen im nächsten Jahr Radfahrer die Grenze passieren?

»Israel verbietet seinen Bürgern tatsächlich die Einreise ins Westjordanland. Eine Ausnahme sind die Bewohner der israelischen Siedlungen hier. Aber alle anderen werden glauben gemacht, dass Palästinenser böse seien und jedem nach dem Leben trachten«, erzählt Malak Hasan später. Die Amateurfahrerin und Funktionärin im palästinensischen Radsportverband ist natürlich mit dem Rad von Ramallah nach Jericho gekommen.

Dass die Gruppe von Sportlern und Journalisten sie auf dieser Vorbereitungsfahrt dort überhaupt treffen können, haben sie der Courage des Busfahrers zu verdanken, der nach längeren Telefonaten und der Zusicherung einer Ausnahmegenehmigung sein Gefährt doch noch über die Grenze hat rollen lassen. Nach Israel hätte Hasan auf ihrem Rad nicht fahren dürfen. »Das ist uns strikt verboten«, sagt sie. Sie dürfe nicht einmal alle Straßen befahren, die durch palästinensisches Gebiet führen. »Wir haben hier drei Zonen: Zone A untersteht der palästinensischen Polizei, da gibt es kein Problem für uns. Zone B wird halb und halb von Palästinensern und Israelis kontrolliert. Zone C ist nur für israelische Siedler und das Militär«, erklärt sie - also keine Chance für Radsportler aus Palästina.

Weil umgekehrt Israelis nicht auf palästinensisches Gebiet dürfen, sind gemeinsame Fahrten jüdischer und arabischer Sportler hier kaum möglich. Dass die Middle East Peace Tour nicht allein deshalb schon zum Scheitern verurteilt ist, zeigt Co-Organisator Eindor. Der israelische Radsportfunktionär und Kommissär der UCI fährt mit seinem Rad einfach nach Jericho hinein und kümmert sich nicht um die Warnschilder. »Ich bin früher viel im Westjordanland gefahren«, erzählt er. »Ich habe zahlreiche palästinensische Freunde. Wir wollen alle das Gleiche: eine Familie, einen guten Job, vor allem ein gutes Leben. Leider bringen uns die Extremisten auf beiden Seiten in diese verrückte Lage, in der wir heute sind.«

Eindor ist überzeugt davon, dass ganz normale Dinge, wie eben gemeinsames Radfahren, die Menschen aus der verfahrenen politischen Lage herausbringen könnten. Palästinenserin Hasan stimmt ihm zu, schwankt aber zwischen Skepsis und Hoffnung. »Ich wäre gern bei diesem Rennen dabei. Aber ich glaube, in der aktuellen politischen Situation wird das nicht passieren«, sagt sie. »Sollte ich die Erlaubnis erhalten, diese beeindruckende Reise mitzumachen, würde ich natürlich ja sagen. Aber ich würde die Gelegenheit auch nutzen, um mich für unsere Bewegungsfreiheit einzusetzen.«

Bewegungsfreiheit - eine Kernkomponente des Straßenradsports. Ido Eindor verspricht, dass er für die Teilnahme palästinensischer Sportler im März 2018 kämpfen werde. Dann könnte es wieder zu Begegnungen kommen wie jetzt hier in Jericho, wo der mittlerweile gänzlich beruhigte Busfahrer kräftig beim gemeinsamen Büffet zulangt. Gleich neben ihm am Tisch sitzt Ahmed, ein palästinensischer Architekturstudent aus der Trainingsgruppe von Malak Hasan. Ihm kommen die Tränen, als er erzählt: »Dies ist das erste Mal, dass ich neben einem Israeli sitze und mit ihm gemeinsam esse.«

Unser Autor war mit Unterstützung der Organisatoren der Middle East Peace Tour vor Ort.

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