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Marx muss auch Spaß machen

150 Jahre Kritik der Politischen Ökonomie, 100 Jahre russische Revolutionen: Sabine Nuss über eine neue Online-Plattform der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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Zu welchem Zweck und zu wessen Nutzen wurde die neue Webseite eröffnet? Beschäftigungstherapie für die Mitarbeiter der Stiftung, um sich schon mal zu Marxens runden Geburtstag am 5. Mai im nächsten Jahr in Feierlaune zu bringen?
Sofern zur Therapie immer auch Selbstreflexion gehört, kann man das durchaus so sagen. Und es gibt gleich mehrere Gründe zum Nachdenken: Im Herbst 2017 wird das »Kapital« 150 Jahre alt, im Mai 2018 feiert Marx 200. Geburtstag. Auch jähren sich die russischen Revolutionen zum 100. Mal, das thematisieren wir ebenfalls. marx200.org ist ein Bildungsangebot von uns und der Hellen Panke, das verschiedenen Kriterien genügen soll.

Welche sind das?
Wir wollen keine Eintagsfliege sein, sondern mit marx200.org für einen längeren Zeitraum im Netz linke Sichtweisen auf die Jubiläen zur Debatte stellen. Außerdem wollen wir Leute erreichen, deren Seh- und Lesegewohnheiten dem Internetzeitalter entsprechen. Und nicht zuletzt: Wir laden ein zur Auseinandersetzung mit Marx, seinem Schaffen und seiner Wirkungsgeschichte.

Old Charly steht im Mittelpunkt.
Ja. Die Tatsache, dass seit Ausbruch der Krise vor bald zehn Jahren bis in die Leitmedien hinein gefragt wird, ob »Marx doch Recht hatte«, zeigt ja, dass er bis ins 21. Jahrhundert hinein Reibungsfläche und Spiegel der herrschenden Verhältnisse ist. Man könnte sagen, solange kapitalistische Produktionsweise herrscht, ist Marx nicht totzukriegen.

Sehr aufwendig scheinen mir die täglichen Eintragungen historischer Ereignisse. Am heutigen 5. Mai wird vermutlich auf Marxens Geburt verwiesen? Wer sitzt und schwitzt da über den Daten? Und was ist das Auswahlkriterium?
Auf der Webseite und zugleich im Kurznachrichtendienst Twitter verweisen wir seit bereits über einem Jahr jeden Tag auf ein Erlebnis aus Marx’ Leben. Etwas Vergleichbares gibt es zu Marx bisher noch nicht. So ist schon jetzt eine regelrechte Onlinebiografie mit kurzen Einträgen im Netz entstanden - eine Möglichkeit, etwas spielerischer auf einen der wichtigsten kritischen Denker hinzuweisen. Täglich lesen das schon jetzt über 2000 Menschen. Ohne die Arbeit von Rolf Hecker, der seit vielen Jahren zu Marx forscht, wäre das nicht möglich: Er arbeitet uns als wissenschaftlicher Berater von marx200.org bei diesen Chroniken zu. Und na klar: Am 199. Geburtstag werden wir Marx gratulieren.

Es darf bei Ihnen getwittert werden? Ist das seriös? Marx hätte sich gewiss geweigert, die Botschaft des »Manifests«, geschweige denn des »Kapitals« in eine Kurznachricht von 140 Zeichen zu pressen. Apropos: Auch Linkspolitiker zwitschern bei Ihnen.
Das liegt nahe. Aber zu unseren Followern gehören ebenso renommierte Institutionen wie die University of Westminster in London. Twitter ist eine Möglichkeit, einmal augenzwinkernd mit anderen Einrichtungen ins Gespräch zu kommen. Als wir den Start unserer Webseite mit dem Foto einer Stoffpuppe von Marx am Computer angekündigt haben, antwortete uns ein Geschichtsportal mit dem Bild einer Stoffpuppe von Sigmund Freud. Wir finden, Marx muss auch Spaß machen, er selbst war voller Humor und Ironie.

Aber es geht nicht nur um Spaß?
Natürlich nicht. Auf marx200.org finden sich viele Angebote, die Beschäftigung mit ihm und seinem Werk zu vertiefen. Wir bloggen aktuell zum Beispiel über den politischen Umgang mit Marx heute. Wir haben eine der umfangreichsten Sammlungen von Vorworten zum »Kapital« und zum »Manifest« zusammengetragen, unter anderem von Karl Kautsky, Karl Korsch und Eric Hobsbawm sowie eine 1985 in der DDR bei Reclam erschienene Sammlung von Marx-Vorworten, ediert von Manfred Kliem. Und natürlich fehlen die historischen Einführungen von Marx und Engels nicht. Das ist hoch spannend, weil sich so ablesen lässt, wie sich die Rezeption der Werke über die Jahrzehnte verändert hat. Außerdem zeichnen wir die Wirkungsgeschichte nach: Wie hat sich die Theorie nach Marx entwickelt und verzweigt, welche Parteien und Bewegungen haben sich auf ihn berufen - und in welcher Weise. Da bleibt dann allerdings auch Kritik nicht aus.

Was für eine Kritik?
Einige fanden »ihren« Marx in unserer Darstellung nicht wieder, andere hätten eine andere Gewichtung bestimmter Theorietraditionen oder Bewegungen vorgenommen. Uns war natürlich von Anfang an klar: Solch ein Vorhaben kann niemals Vollständigkeit beanspruchen. Und es ist ja auch kein wissenschaftliches Lehrbuch, sondern soll Orientierung für Menschen ermöglichen, die Marx vielleicht grade erst entdecken. Viele wissen gar nicht, wo er überall auf der Welt mit seinen Arbeiten Spuren in Theorie und Praxis hinterlassen hat. Ein wichtiger Schwerpunkt von marx200.org sind außerdem Videos.

Was ist da zu sehen?
Ganz Unterschiedliches. Wir bieten Mitschnitte von Diskussionen über Marx an, es gibt eine mehrteilige Hörgeschichte zu den überlieferten Fotos von Marx. Und wir haben viele Protagonisten der Marx’schen Rezeption vor die Kamera geholt, und sie gefragt: Was verstand Marx unter Kritik? Was ist das Bleibende am »Kapital«? Und so weiter. Antworten zur Aktualität der Kritik der Politischen Ökonomie gibt es da von Bini Adamczak bis Wolfgang Fritz Haug, von Rahel Jaeggi bis Michael Brie und bald auch von Gesine Schwan, Sahra Wagenknecht, David Harvey und anderen mehr. Darüber wird dann auch im Netz debattiert.

Wird nur mit Professoren und Politikern gesprochen?
Keineswegs. Der bisher erfolgreichste Kurzfilm ist eine kurze Straßenreportage, bei der wir Menschen in Berlin gefragt haben, was sie über Marx denken. Lassen Sie sich überraschen, was zum Beispiel Touristen über ihn sagen.

Ja, ich bin gespannt. Konzentriert sich marx200.org aber nur auf den deutschsprachigen Raum?
Nein. Marx und alles, was mit Bezug auf ihn geschrieben oder politisch getan wurde, ist ja eine internationale Geschichte. Daher ist marx200.org zweisprachig angelegt - englisch und deutsch. Wir würden gern auch die Wünsche nach weiteren Sprachausgaben bedienen, aber da sind leider derzeit unsere Ressourcen beschränkt.

Sie bitten explizit um Mitarbeit. Was darf gereicht werden?
Das Portal marx200.org enthält eine der größten Terminübersichten zu Veranstaltungen, die mit Blick auf 150 Jahre »Kapital« und 200 Jahre Karl Marx in den nächsten Monaten organisiert werden. Und zwar weltweit. Das zusammenzutragen, dafür sind wir natürlich auf Tipps angewiesen. Und marx200.org ist ein lebendiges Projekt, das vom Wissen seiner Leser und Leserinnen lernt und durch die Debatten, die wir über den Philosophen aus Trier und seine Wirkungsgeschichte anstoßen, klüger wird. Mal bekommen wir auf diese Weise von einer Galerie ein Kunstbild von Marx, mal steuert jemand einen Text über die Geschichte der Marxistischen Arbeiterschule, MASCH, bei. Ich bin sicher: Der Stoff zum Diskutieren über Marx wird uns nicht ausgehen.

Tipp: »Der dritte Frühling für Karl Marx?« Tom Strohschneider im Gespräch mit Antonella Muzzupappa, die bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Politische Ökonomie betreut, und Martin Beck vom Dietz Verlag, in dem die berühmte MEW noch heute erscheint. Bei »nd live« in Berlin am 20. Mai, 14.30 Uhr. Mehr Infos gibt es hier.

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