Im Zeichen der Pommesgabel

In Berlin startet wieder das Theatertreffen. Wer dort nicht hinfahren will, kann es sich vor dem Fernseher bequem machen

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.
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Vom äußeren Eindruck her hat das Logo des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders 3sat ja so etwas Pommesgabelhaftes. Das liegt vor allem an der Formvollendung der Drei, die weißplastikgleich und passgenau in einem ketchuproten Hintergrund badet. Die kulinarisch anregende Gestaltung funktioniert aber auch als Metapher für das TV-Programm selbst, in dem sich die zu Recht hochgelobte Heimat der deutsch-österreichisch-schweizerischen Hochkultur gemeinsam mit fast allen Mitbewerbern einer Art Pommesgabelprinzip fügt: Morgens, bevor das Fernsehvolk sich dem Erwerbsleben widmet, werden neben dem überdrehten Frühstücksfernsehen quotenträchtige Qualitätsserien versendet. Es folgt gähnende Nachmittagsleere mit kostengünstig produziertem Schrott und gefühlt millionenfach Wiederholtem von der Dokumentarfilmresterampe. Gegen 20 Uhr, wenn das Feierabendcurrywurstdinner beendet ist, zeigen die Sender ihre Programmperlen.

Dass für 3sat dazu mittlerweile auch abgefilmte Theateraufführungen gehören, liegt nicht etwa an fehlenden Ideen oder mangelndem Geld für mutmaßlich Publikumswirksameres. Anlässlich des an diesem Wochenende startenden Berliner Theatertreffens räumt 3sat an drei aufeinanderfolgenden Samstagen den besten Sendeplatz um 20.15 Uhr frei, um jeweils eine zu diesem Spektakel eingeladene Inszenierung auszustrahlen.

Los geht es am 6. Mai, wenn fast gleichzeitig mit der Vorstellung im Haus der Berliner Festspiele die Inszenierung von Anton Tschechows »Drei Schwestern« in der Fassung des Regisseurs Simon Stone vom Theater Basel auch über die Fernsehbildschirme flimmert. Eine Woche später lässt sich dann - sogar vier Tage vor dem ersten Auftritt in Berlin - die am Staatstheater Mainz produzierte Komödie »Traurige Zauberer« von Thom Luz auf der Mattscheibe begutachten. Und am 20. Mai sendet 3sat - in diesem Fall fünf Tage nach der letzten Vorstellung in der Bundeshauptstadt - Claudia Bauers am Schauspiel Leipzig aufgeführte Fassung von Peter Richters Wenderoman »89/90«.

Im Herbst 2017 plant 3sat schließlich die Ausstrahlung der ebenfalls zum diesjährigen Theatertreffen eingeladenen Bearbeitung von Schillers »Die Räuber« des Residenztheaters München in der Regie von Ulrich Rasche. Erübrigt sich damit eine Reise nach Berlin für Theaterfreunde aus Wien oder Stuttgart? Immerhin sind 40 Prozent der Top Ten auch vom heimischen Sofa aus zu sehen. An Karten für viel mehr Vorstellungen kommen Zuschauer außerhalb des Kulturbetriebs ohnehin kaum.

Zumal zwei der zehn eingeladenen Produktionen diesmal nicht in Berlin gezeigt werden. Die dramatisierte Fassung von Theodor Storms Novelle »Der Schimmelreiter« (Thalia Theater Hamburg) muss wegen einer Erkrankung im Ensemble ausfallen, während das Bühnenbild der »Räuber« aufgrund technisch limitierter Möglichkeiten der im betreffenden Zeitraum verfügbaren Spielstätten nicht errichtet und die Inszenierung darum nur als Video auf die Großleinwand projiziert werden kann. Erobert in diesem Kontext das Theater nun endlich auch dieses vom Bildungsbürgertum schon als veraltet gebrandmarkte Medium?

Im Oktober 2016 sahen sich acht Millionen Menschen zur Prime Time ein Theaterstück im Fernsehen an: Die ARD lockte die Massen mit »Terror« vor den Bildschirm. Ferdinand von Schirachs interaktives Kammerspiel mit hochkarätiger Besetzung verhandelt die Frage, ob es legitim ist, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen. Die Antwort überlässt es dem Publikum, wodurch der Anschein entsteht, sich an dem Akt künstlerischer Schöpfung aktiv beteiligen zu können.

Das war bisher ein entscheidender Trumpf des Theaters: Es setzt das unmittelbare Erlebnis, die physische Anwesenheit von Menschen im Zuschauerraum und auf der Bühne voraus. Schauspieler wie Ulrich Matthes oder Martin Wuttke, die längst auch im Film etabliert sind, schätzen das Theater gerade aus diesem Grund. Weil das Publikum jedes Mal ein anderes ist, unterscheide sich auch jede Vorstellung von der vorherigen. Wer schon einmal das Improvisationsgenie eines Lars Eidinger in einer seiner Shakespeare-Rollen an der Berliner Schaubühne erlebt hat, wird das gut nachvollziehen können.

Mit Esoterik hat es nichts zu tun, wenn Regisseure oder Darsteller von einer Energie zwischen Sitzreihen und Bühne sprechen. Hier zeigt sich wie vielleicht in keiner anderen Kunstform, wie das Potenzial zur Empfindsamkeit den Menschen erst zum Menschen macht. Was auf der Bühne geschieht, trifft im besten Fall ins Herz des Publikums, dessen Reaktionen den Fortgang des Abends entscheidend prägen können. Und sei es nur, dass der auffällig schlafende Herr in Reihe fünf die Protagonisten kurzzeitig aus dem Konzept bringt.

Auch beim Theatertreffen sind immer wieder einnickende Kulturbürger zu finden, obwohl die Jury aus 377 gesichteten Inszenierungen die aus ihrer Sicht zehn »bemerkenswertesten« (auf das Etikett der »besten« verzichtet man klugerweise) des Produktionsjahres im deutschsprachigen Raum ausgewählt hat. Ins Auge springt bei dieser Liste zuerst, dass im Bereich der Regie mit Claudia Bauer nur eine Frau nach Berlin kommen darf. Eine wiederkehrende Kritik, die auf strukturelle Probleme innerhalb des Theaterbetriebs hindeutet. Außerdem ist in diesem Jahr keine Bühne aus Österreich vertreten.

Inhaltlich bemühte sich die Jury offenbar um Vielfalt. Neben klassischem Schauspieltheater (»Die Räuber« und »Der Schimmelreiter«) ist die Performance ebenso stark vertreten (»Real Magic« aus Essen, »Die Borderline Prozession« aus Dortmund und »Traurige Zauberer« von Thom Luz) wie eigenwillige Textbearbeitungen (»89/90«, »Drei Schwestern«) und experimentelle Projekte (»Pfusch« von Herbert Fritsch, »Five Easy Pieces« von Milo Rau und »Die Vernichtung« von Ersan Mondtag). Gerade letztere sind auf den Zauber des Moments angewiesen, weswegen ihnen wohl auch der Weg zu 3sat verwehrt bleibt.

Ob das Zeigen abgefilmter Aufführungen geeignet ist, dem Theater endlich wieder mehr Relevanz in der Gesellschaft zu bringen, ist also schon aufgrund des Wesens dieser Kunstform fraglich. Womit wir wieder bei der Pommesgabelhaftigkeit des Fernsehprogramms wären. Am Ende nämlich ist Theater ohne Live-Erlebnis wie heiße, fettige Pommes ohne Gabel. Kann zwar irgendwie auch schmecken, lässt sich aber bestenfalls im lauwarmen Zustand wahrnehmen.

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