Redlich bemüht

Freitags Wochentipp: »Die Toten von Turin«

Die Innovationsmaschine RTL läuft auf Hochtouren. Der Barrikadenstürmer des Fernsehens von gestern, dessen Programm immer mehr an die 1980er Jahre erinnert, hat vergangene Woche den nächsten Schritt in diese Richtung angekündigt. Auf seinem Ableger RTL Plus wird der Sender ab Juni selbst ernannte »Kultklassiker« wie »Schloss am Wörthersee« oder »Samstag Nacht« zeigen. Für den Ex-Marktführer reicht es jetzt also nicht mal mehr zur Neuauflage. Wobei Wiederholung keineswegs gleich Wiederholung ist.

Dass der Bayerische Rundfunk seit einiger Zeit samstags die Serie »Graf Yoster gibt sich die Ehre« aus der schwarz-weißen Mottenkiste holt, weckt nämlich echt nostalgische Emotionen an eine Zeit, da das Fernsehen innovativer war. Und es beweist den Spürsinn der Programmplaner. Denn kaum sind die ersten Folgen zum 50. Geburtstag des adeligen Hobbydetektivs gelaufen, ist dessen Darsteller Lukas Ammann, der interessanterweise zehn Jahr zuvor seinen Durchbruch in der Literaturverfilmung »Bel Ami« hatte, als der ESC unterm sehr deutschen Titel »Grand Prix Eurovision de la Chanson« Premiere feierte, im biblischen Alter von 104 Jahren gestorben.

1956 galt der Musikwettbewerb als Element der europäischen Einigung. Die 62. Ausgabe in Kiew dagegen glich schon bei der Vorbereitung vergangene Woche eher einem Hochsicherheitstrakt im Kriegszustand als dem Slogan »Celebrate Diversity« - was angesichts des Boykotts von Russland und der Türkei ohnehin ziemlich schal klingt. Immerhin bildet Peter Urban als deutscher Moderator eine Konstante; er ist seit 1997 dabei, kennt also noch die Zeiten, in denen Deutschland von Helmut Kohl regiert wurde, beim ESC sogar Punkte erhielt und Fernsehen Fernsehen war, weil alle fernsahen, vornehmlich das Gleiche, also meist Krimis.

Witzigerweise sahen diese schon damals ungefähr so aus wie jene der italienischen Reihe »Die Toten von Turin«. In sechs Doppelfolgen wird darin ab Donnerstag auf Arte jeweils ein Mordfall verhandelt, was ästhetisch sogar recht ansehnlich ist. Regisseur Guiseppe Gagliardi hat bei der Liebe zur tiefgründigen Kamerafahrt durch düster dekorierte Kulissen allerdings manchmal vergessen, dass Serien heutzutage horizontal erzählt werden, also ein bisschen mehr thematischen Überhang aufweisen als das - hoppla, Spoileralarm! - dunkle Geheimnis von Ermittlerin Valerio Ferro, deren Mutter wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis sitzt.

Doch damit nicht genug, wird Ferro von Miriam Leone verkörpert, die zwar keine ausgebildete Schauspielerin ist, aber als Schönheitskönigin natürlich klasse aussieht. Um nicht ungerecht zu sein: Miss Italia 2008 müht sich im Auftaktfall um ein ermordetes Mädchen redlich, an ihrer makellosen Optik vorbei authentisch zu wirken. Doch ein Model von kaum 30 Jahren in leitender Funktion des Morddezernats von Turin - da könnte einem doch glatt die Idee kommen, es gehe der Serie eher ums Äußere als um den Inhalt. Schade, denn eigentlich ist das ja die Spezialität von RTL.

Arte, 11. Mai, 20.15 Uhr

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