Einbruch zwecklos

Dass mein bescheidenes Hab und Gut mit einem geheimnisvollen Bann belegt ist, den ein Dieb nicht brechen kann, ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als sich vor einiger Zeit jemand die vergebliche Mühe gemacht hatte, unsere eiserne Kellertür aufzusägen. Zwar lagen die dahinter verwahrten Schätze anschließend kreuz und quer durch die Gänge verteilt, aber es fehlte - nichts. Die Einbrecher hatten einige Arbeit darauf verwandt, die Kartons mit meinen Archivalien zu durchwühlen, den Dachgepäckträger fürs Auto umzuräumen und die alten CDs neu zu sortieren. Aber mitgenommen hatten sie nichts, wie eine akribische Inventur ergab. Selbst die drei spaltbreit geöffneten Kästlein, in denen von Holzwolle umhüllt der mutmaßlich edle Rotwein lagert, den wir erst zum 15. Hochzeitstag öffnen dürfen, waren offensichtlich noch da.

Das ist zum einen natürlich ein Segen, zum anderen aber, ich gestehe, ein Ärgernis. Wissen diese Halunken denn nicht, dass eine Originalhandschrift von mir aus Uni-Tagen einmal Millionen wert sein wird? Finden sie meinen Musikgeschmack früherer Tage etwa lächerlich? Ist ihnen der Wein nicht gut genug?

Lange profitierten auch meine Eltern davon, dass ein Einbruch in ein Objekt, auf dem meine Spur liegt, zwecklos ist. Ihr Eigenheim ist, im Gegensatz zu zahlreichen Nachbarhäusern, erst von Unbefugten ausgeräumt worden, als ich schon beinahe zwanzig Jahre lang nicht mehr bei ihnen wohnte.

Besonders auffällig aber ist die Diebstahlresistenz meines Besitzes bei den Fahrrädern. Einmal, da stand die Mauer noch, besuchte ich mit einem Freund ein Konzert im Palast der Republik. Vom Stadtrand kommend, hatten wir die S-Bahn genommen und unsere Räder nebeneinander am Bahnhof abgestellt. Meins war nagelneu, glänzte verführerisch silbern und war mein ganzer Stolz - nicht lediglich ein Gefährt, nein, ein Gefährte. Seins war eine ihm gleichgültige Rostlaube mit moosgrünem Lack, der längst verblasst und an einigen Stellen abgeblättert war. Gesichert hatten wir sie mit baugleichen Schlössern. Als wir aber spät Abends mit glühenden Schädeln zurückkamen, war das Fahrrad meines Freundes weg. Meins stand da in all seiner kühlen Pracht. Wie war das möglich?

Solange ich mit dem Kopf denken kann, trete ich mit den Füßen in die Pedale. Seit Jahrzehnten lege ich beinahe jeden Tag ein paar Kilometer durch Berlin auf dem Rad zurück und scheue nicht davor zurück, an öffentlichen Plätzen und auch in finsteren Winkeln zu parken. Aber während in dieser Stadt, die jährlich rund 35 000 gemeldete Fahrraddiebstähle verzeichnet, jeder Sonntagsradler von diversen Verlusten zu berichten weiß, ist mir von den sieben wunderbaren Fahrrädern, die ich im Laufe meines Lebens besaß, erst ein einziges unfreiwillig abhanden gekommen.

Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass es gar nicht geklaut wurde. Wahrscheinlich habe ich seinerzeit einfach nur vergessen, wo ich es abgestellt hatte, und es fristet dort noch immer rostend sein Dasein. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, es irgendwann wiederzufinden.

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