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Terror der Gegenwart

Theatertreffen: Das Theater Basel zeigt »Drei Schwestern« von Simon Stone

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Es hat viel von Schweiz an sich. Sehr viel sogar. Das Architektenhaus der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina strotzt vor Chalet-Design. Holz und große Glasfenster vermitteln jenen Schwung, der wie selbstverständlich zu sagen scheint: Dies ist nur unser Sommerhaus, über den größeren Rest unseres Vermögens schweigen wir.

Dostojewskis »Arme Leute« also muss man woanders suchen. Und Tschechows »Drei Schwestern«, an denen sich Regisseur Simon Stone inspirierte? Seine Tschechow frei nachempfundenen Schwestern Olga, Mascha und Irina sind wie die meisten jungen Schweizer von heute: voller ausgestelltem Selbsthass, den man sich leistet, weil man die eigenen reichen Eltern zwar verachtet, aber ohne ihr Geld doch nicht existieren könnte. Von Tschechow stammt nur die Geschwisterkonstellation, ansonsten sind diese »Drei Schwestern« in jedem Satz sein eigenes Stück, das am Theater Basel zur Uraufführung kam.

Vielleicht hätte er dieses dann auch anders nennen sollen, um keine falschen Erwartungen beim Publikum zu wecken? Doch Erwartungen enttäuschen ist bekanntlich ein Antriebselement Tschechowscher Stücke, das hier zur Anwendung kommt. Der Jargon postmoderner Kunstgeschichte spricht in einem solchen Falle von »Übermalung«. Also ist, was wir hier sehen, eine Tschechow-Übermalung in den Farben der Schweiz.

Die seltsam morbide Jugend pflegt im Sommerhaus, in dem man sich nach dem Tod des Vaters gelegentlich trifft, eine wortgewandte Fröhlichkeit, die sich gern unangreifbar gäbe. Das von Lizzie Clachon entworfene Glashaus, das die Bühne einnimmt, dreht sich unentwegt, aber von der Stelle rührt es sich natürlich trotzdem nicht. Es zeigt uns nur immer verschiedene Seiten derselben Räume. Die sind erleuchtet, und durch große Glasscheiben sehen wir Zuschauer, draußen im Dunkel vor der Tür sitzend, was drinnen in Licht passiert. Der Ton wird per Mikrofon nach draußen übertragen. Es ist ein elend enger Mikrokosmos, diese von Bergen umzingelte Schweiz, wo man nicht weiß, ob man sich nun gut behütet oder gefangen gesetzt vorkommen soll. Nur manchmal öffnet einer eine Glasschiebetür, tritt hinaus aus dem Kosmos der Selbstbezüglichkeiten.

»Ich fühle mich wie ein Katze im Laufrad«, stöhnt einer der Hausgäste. »Hamster«, korrigiert der andere. Die Besserwisserei stirbt, wo die Langeweile grassiert, immer zuletzt. Man fühlt sich schlecht, natürlich, aber ist das ein Fall für den Arzt, und wenn ja, für welchen: Freud, Mengele oder Mabuse? So ficht man mit Worten, die zeigen, man hat höhere Abschlüsse und keine Angst vor Tabus. Zum Glück verpflichtet sie nichts dazu, die Last eines Berufes auf sich zu nehmen. Man besitzt Talent, das verschleudert man doch nicht unter Wert. Man schreibt an akademischen Fast-Abschlussarbeiten zum Thema »Flüchtlingsströme und antike Tragödie«.

So was hat gerade Konjunktur. Vielleicht sollte man doch nach Griechenland gehen, um sich in der Arbeit als freiwilliger Helfer - wobei auch immer - endlich selbst zu finden? Aber auch das bleibt ein Thema, das sich in Plauderei zwischen zwei Gläsern auflöst. Wobei Alkohol so eine Sache ist bei Veganern, die vor allem damit beschäftigt sind, ihre Körper vor schädlichen Einflüssen zu bewahren, die in jener Nahrung lauern, die das unwissende Volk in sich hineinschlingt. So weit, so altbekannt - so langweilig?

Es ist ein vorhersehbarer Abend, an dem Lebensekel, Lüge und Dünkel sich zu einer Form geschwätziger Selbstauflösung verbinden. Ja, es sind lauter Untergeher versammelt, wie sie Tennessee Williams oder Thomas Bernhard nicht besser hätten beschreiben können. Die Dialoge sind rasant und pointiert, wenn auch von quälender Leere. Man ist, kurz gesagt, besser im Zerstören als im Aufbauen. Ehen sind lästig, man betrügt sich und andere sozusagen bereits in ihrem Vollzug. Und wie die einen ihre Abstinenz in kühl-kalkulierender fundamentalistischer Rauschabwehr praktizieren, so flüchten sich andere in Alkohol, Glücksspiel und Drogen.

Man muss es nicht im Detail erzählen, wie Olga, Mascha und Irina mit einem halben Dutzend geladener und ungeladener Gäste, Menschen meist unter dreißig, sich hier selbst zerstören. Sagen wir es so: Es ist wie Big Brother für Wohlstandskinder. Auf hohem Niveau sehr banal. Die Inszenierung besitzt einen sicheren Rhythmus, hält das hohe Sprech-Tempo durch. Denn so viel ist sicher: Geredet wird bis zum Schluss, und wenn man etwas gelernt hat, dann, dass man sich niemals das letzte Wort in einer Sache nehmen lässt.

Die Schauspieler: wirkungssicher noch hinter Glas, wie Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat als Olga, Mascha und Irina. Geschwister, die eigentlich nichts verbindet als die Asche ihres Vaters. Aber irgendwie können sie sich nicht entschließen. Er war ein Scheusal, aber ich vermisse ihn so. Das sind die Fallhöhen des normalen Lebens, die man nicht mit einigen sarkastischen Bemerkungen aus der Welt bringt.

Simone Stone gelingt in Stück und Inszenierung zweifellos ein Mittelstandsbürger-Generationenporträt illusionslosester Art. Trotzdem habe ich spätestens zur Pause dieses fast zweieinhalbstündigen Sich-Drehens um nichts als die eigenen Befindlichkeiten das sichere Gefühl, dass ich bereits alles über diese Figuren weiß; sie haben keinerlei Geheimnis, sie können noch so auftrumpfen, sie bleiben trivial und ganz uninteressant. Man könnte jetzt auch Schluss machen, aber auch diese Kunst beherrschen sie nicht. Sie schleppen sich so voran, aber hören nicht auf zu behaupten, dass dies ein Teil ihrer Glück-Eroberungsstrategie sei.

Leider kommt dann immer ein anderer dazwischen, der dies ebenso praktiziert. Am Ende ist das Sommerhaus weg, man hat es nicht bewahren können, egal, ich kann auch in New York leben, obwohl mich dort nichts hinzieht. Ebenso wenig, wie mich hier etwas wegtreibt. Es ist eine bequeme Generation, die sich darin gefällt, darüber zu palavern, wie das Leben aussehen sollte.

Bleibt die Frage, ob dies nicht bereits Tschechows Thema war, denn auch seine drei Schwestern träumen von Moskau, ohne sich je zu entschließen, dort hinzugehen. Peter Szondi hat im Programmheft geschrieben, Tschechows Figuren lebten »im Zeichen des Verzichts«. Dieser Verzicht betreffe vor allem »die Gegenwart und die Kommunikation«, ebenso das »Glück der realen Begegnung«. Stattdessen flüchte man unentwegt entweder in die Erinnerung oder in eine Utopie. Es klingt wie ein Makel. Man könnte es aber auch anders formulieren: Tschechows Menschen erwarten etwas, vor dessen Erfüllung sie sich fürchten - und das wohl nicht ohne Grund.

Insofern wird hier auch ein Drama der Zeitformen gespielt. Denn bei Stone gibt es nur noch Gegenwart. Man kommuniziert bis zum Erbrechen und will alles Glück für sich und vor allem sofort. Der Terror der Gegenwart aber ist die moderne Hölle - transparent wie Glas, aber undurchdringlich.

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