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Angst vor dem Abstieg

Dem Hamburger SV droht die dritte Relegation in vier Jahren

  • Von Frank Hellmann, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Christian Mathenia ist ein Torhüter, der seine Arbeitskleidung seinen Bedürfnissen angepasst hat. Beim Trikot sind die Ärmel auf Höhe der Oberarme abgeschnitten. Macht alles ein bisschen luftiger. An den Handgelenke trägt der Schlussmann des Hamburger SV dicke Tapeverbände. Gibt mehr Schutz. Und dann ist da noch ein Armbändchen, das der gebürtige Mainzer aus seiner Zeit beim SV Darmstadt 98 mitgebracht hat. »Du musst kämpfen« steht in weißen Großbuchstaben auf dem blauen Plastikteil, das einst vor einem entscheidenden Relegationsspiel in Bielefeld verteilt wurde, um an das Schicksal des an Krebs erkrankten und inzwischen verstorbenen Jonathan Heimes zu erinnern.

Mathenia, prägende Gestalt der Darmstädter Lilien beim Durchmarsch von der dritten bis in die erste Liga, mag diesen Glücksbringer nicht missen. Weil es den 25-Jährigen daran erinnert, dass es Schlimmeres gibt als den Abstieg aus der Fußballbundesliga. Vielleicht also kein Zufall, dass Mathenia bei der Nullnummer gegen seinen Ausbildungsverein FSV Mainz 05 der einzige HSV-Spieler war, der nicht unter der Erwartungslast zusammenbrach. Der tadellose Torwart rettete einen Punkt. Und damit war der HSV noch gut bedient.

Nun ist die Situation wieder so angespannt, dass die Verantwortlichen kaum erstligareife Leistungen gnadenlos schönen. Sportdirektor Jens Todt verbreitete in mehreren Interviews und den vereinseigenen Social-Media-Kanälen Einschätzungen, die an Realitätsverlust grenzten. »Die Leistung war in Ordnung, die Leistungsbereitschaft total in Ordnung.« Er habe einen »großen Schritt nach vorne« gesehen. In Wahrheit trat ein Team verängstigt auf der Stelle, um nicht den in den Abgrund zu stürzen.

Im Studio Hamburg beim »NDR-Sportclub« ertönte am Sonntagabend schallendes Gelächter, als Todts Statements eingeblendet wurden. Die herbeigeredete Zuversicht erwächst allenfalls aus der kämpferischen Haltung, aber wenn im Auswärtsspiel auf Schalke und dann im Heimspiel gegen Wolfsburg etwas herausspringt, dann wohl allein mit der Hilfe gegnerischer Schwäche.

Wie schief die Personalplanungen auch diese Saison gelaufen sind, verdeutlichen die Details des 32. Spieltags: Douglas Santos nicht im Kader, Walace nicht eingesetzt - zwei brasilianische Olympiasieger, zusammen 17 Millionen Euro Ablöse teuer, spielen in der entscheidenden Phase ebenso wenig ein Rolle wie der einstige Torgarant Pierre-Michel Lasogga. Stattdessen kommen zwei Nobodys zum Zuge: Vasilije Janjicic, ein Schweizer bei seinem ersten Startelfeinsatz und Bakery Jatta, ein Gambier beim vierten Kurzeinsatz. Zwei 18-Jährige sollen richten, was gestandene Profis nicht hinbekommen.

Markus Gisdol flüchtete sich erneut im Erklärungsversuch, dass der Kopf die Beine lähmt. Mit »normalen Maßstäben« seien seine Spieler nicht mehr zu bemessen, befand der HSV-Trainer. »Das sind keine Roboter, sondern junge Burschen. Normalsterbliche würden sich beim Laufen über den Platz die Beine brechen.« Damit stellte sich der 47-Jährige zwar ehrenwert vor die verunsicherte Truppe, bemühte aber ein Alibi, das vortrefflich von der spielerischen Schwäche ablenkte.

Natürlich ist ein Neuanfang in der zweiten Liga aus wirtschaftlichen Gründen für einen mit solchen Verbindlichkeiten belasteten Traditionsverein keine perfekte Lösung, aber die Selbstreinigungsprozesse, die beispielsweise der VfB Stuttgart nach dem Abstieg angestoßen hat, könnten als Blaupause für den Hamburger SV dienen. Und dann wäre die zweite Liga eben doch die Chance für nachhaltige Veränderungen.

Unabhängig wie die Saison nun ausgeht: Vorstandschef Heribert Bruchhagen wird um den nächsten Umbruch ob des grandios überschätzten wie überbezahlten Lizenzspielerkaders gar nicht umhin kommen. Es braucht mehr von unerschrockenen Typen wie Tormann Mathenia, der für das HSV-Anforderungsprofil wie gemacht scheint. »Wir werden bis zur allerletzten Sekunde kämpfen, um den HSV in der Liga zu halten«, sagt auch dessen Stellvertreter René Adler. Notfalls eben in der Relegation. Nur geht das immer gut? Dreimal, so lautet ein norddeutsches Sprichwort, ist nicht Hamburger, sondern Bremer Recht.

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