Raus aus der Schreibhölle

»Für dich würde ich sterben« versammelt bislang unveröffentlichte Texte von F. Scott Fitzgerald

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

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Eine literarische Sensation ist es in jedem Fall, was »Hoffman und Campe« dem Buchmarkt gerade beschert hat. Der Verlag präsentiert 18 noch nie publizierte Erzählungen und Filmdrehbuchentwürfe von F. Scott Fitzgerald, einem der bekanntesten Vertreter der amerikanischen Moderne. Weil sich das Hamburger Unternehmen rechtzeitig das Copyright für die ausgegrabenen Geschichten sicherte, erschienen sie unter dem Titel »Für dich würde ich sterben« sogar einige Wochen vor der US-Ausgabe zuerst in der deutschen Übersetzung von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz. Aufmerksamkeit war damit ohne großen Aufwand generiert. Die wichtigste Frage für die Leserschaft aber lautet natürlich: Wie gut sind die überwiegend in den dreißiger Jahren entstandenen Storys?

Für sie, die die Literaturwissenschaftlerin Anne Margaret Daniel über Jahre hinweg gesammelt und nun herausgegeben hat, fand Fitzgerald keinen Abnehmer. Inhaltlich sind sie elegischer, fatalistischer, auch brutaler als frühere Storys. Sie passen nicht zu Fitzgeralds einstigem Alleinstellungsmerkmal als Glamourdichter. Ein Klischee, das ihn in den zwanziger Jahren weltberühmt gemacht hat. Damals hieß seine Devise: Liefern, was die Zeitschriften wollen. Als knapp 24-Jähriger war Fitzgerald 1920 durch seinen ersten Roman »Diesseits vom Paradies« zu Ruhm gelangt. Binnen kürzester Zeit verkaufte sich die Geschichte um die Daseinssinnsuche des Amory Blaine 50 000 Mal. Als Brotberuf taugte die Romanschriftstellerei trotz dieses frühen Prosaerfolgs aber nicht.

Also musste eine Lösung her, denn er wollte seine frisch angetraute Frau nicht schon wieder verlieren. Schließlich hatte Fitzgerald der aus reichem Elternhaus stammenden Zelda Sayre versprochen, er könne sie trotz seiner nicht eben wohlhabenden Herkunft allein durch seine Schreibkunst davor bewahren, ihren gewohnten Lebensstandard senken zu müssen. Auch wenn es in der Ehe später gewaltig krachte: Sein Wort brach der Mann aus dem US-Bundesstaat Minnesota in finanzieller Hinsicht nie.

Eine stete Einnahmequelle für die bereits im Oktober 1921 um Tochter Scottie bereicherte Familie fand er im Schreiben von Kurzgeschichten und Erzählungen. Die Redakteure rissen sich um die Manuskripte, und das Publikum konnte nicht genug bekommen von Fitzgeralds virtuosen Storys über junge Männer aus bescheidenen Verhältnissen, die Frauen aus reichem Hause umgarnten. Er gab dem Zeitalter des »Jazz Age« einen Namen, und seine durch die ebenfalls literarisch begabte Zelda inspirierten Texte aus dieser Zeit vereinen eine farbige Sprache mit einem empfindsamen Stil und einer um einen dramatischen Wendepunkt herum klug konstruierten Liebesgeschichte.

Scott und Zelda avancierten zum schillernden Paar der »Roaring Twenties«. Mit Erscheinen des zweiten Romans »Die Schönen und die Verdammten« (1922) wiederholte sich der Erfolg des Debüts, drei Jahre später fand »Der große Gatsby« schon kaum mehr Beachtung. Eine Quelle steigender Frustration für Fitzgerald, dessen vorhersehbarer Kollaps sich durch die einträglichen Kurzgeschichten hinauszögern ließ. Ab 1929 zahlte die »Washington Post« 4000 US-Dollar pro Story - auf heute umgerechnet, wären das 55 000 US-Dollar.

Bis zum Beginn der dreißiger Jahre hielt dieser Erfolg an. Dann war plötzlich Schicht im Schacht. Fitzgerald geriet rasant in Vergessenheit, verfiel dem Alkohol und bekam Herzprobleme. Zelda erlitt 1930 einen Nervenzusammenbruch und sollte nie wieder ganz gesunden. Die Aufenthalte in Privatkliniken kosteten ebenso viel Geld wie Scotties Privatschulgebühren. Darum verdingte sich Fitzgerald nach den Kurzzeitaufenthalten 1927 und 1931 ab 1937 für mehrere Jahre als Drehbuchschreiber in dem von ihm verabscheuten Hollywood. Dort verdiente er zwar genug Geld für die Familie. Weil seine Änderungen an Plots selten angenommen wurden und ihm die Filme belanglos vorkamen, sah er den bunten Künstler in sich aber zum grauen Schreibbürokraten degradiert. Sein Roman »Zärtlich ist die Nacht« (1934) war gefloppt, und die Magazine druckten jetzt bei weitem nicht mehr jede seiner Erzählungen.

Einen intimen Blick in genau diese Phase gewähren die im neu erschienenen Band versammelten Texte. Die USA erlebten die Große Depression, und viele Menschen sehnten sich in die Zeit vor dem wirtschaftlichen Crash zurück. F. Scott Fitzgerald aber wollte sich literarisch neu erfinden. Im Anhang sind Ausschnitte des Briefwechsels mit seinem Agenten Harold Ober dokumentiert, in denen Fitzgerald immer wieder seinen Unwillen äußert, die Geschichten zu überarbeiten oder sie redigieren zu lassen. Einige der hier zusammengestellten Texte fand er ausgezeichnet. Umso größer waren seine Enttäuschung ob der vielen Ablehnungen und die Ernüchterung darüber, dass zu dieser Zeit niemand etwas wissen wollte von ethischem Verfall in Hollywood (»Die Frauen im Haus«), Schiebereien beim Football (»Abseits«) oder den Scheußlichkeiten des Bürgerkriegs (»Daumen hoch« und »Zahnarztbehandlung«).

Tatsächlich enthalten die Storys alle Ingredienzen, für die man die Literatur des F. Scott Fitzgerald lieben kann - und solche, die man so noch nie bei ihm hat lesen dürfen. Wie in seinen früheren, verkäuflichen Erzählungen sind auch diese nicht nur literarisch beglückend in ihrer die Sehnsucht nach dem Schönen ästhetisierenden Erzählhaltung, sondern auch biographisch aufschlussreich angesichts der vielen Details, die sich aus dem Leben der Fitzgeralds wiedererkennen lassen. In »Böser Traum«, »Die große Frage« und »Wirbelsturm in stillen Gefilden« verarbeitet er familiäre Krankheitserlebnisse. Andere Storys - etwa »Gracie auf See« oder »Zusammen unterwegs« - stimmen melancholisch und ermöglichen eine Wiederbegegnung mit bekannten Figuren aus Fitzgeralds Romanen.

In seinen Erzählungen experimentiert er mit Sprache, Spannungsbögen und Charakterzeichnung. Letztere gelingt ihm in den neu entdeckten Geschichten besonders bei den Frauenfiguren, die erstaunlich feministisch wirken. In »Auszeit von der Liebe« entscheidet die Frau, jede Woche einen Tag lang ihre Ehe zu unterbrechen und so zu tun, als gäbe es sie nicht. In der Titelstory »Für dich würde ich sterben« verliebt sich eine selbstsichere Frau in den falschen Mann. Von dem geht das Gerücht um, er treibe reihenweise Frauen in den Suizid. Die für Fitzgerald typische Wendung kommt in diesem Fall sehr emanzipiert daher. In fast allen Texten erklingt der klassische Sound dieses begnadeten Literaten; und die Arbeiten zeigen, dass er auch in düsteren Zeiten zu verzaubern verstand.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1940 zeigte Fitzgerald noch einmal all sein Können in diesen Geschichten. Sie erzählen schauerlich, aber ebenso aufrichtig wie das Frühwerk vom »amerikanischen Traum«. Mit Leichtigkeit schildert der Schriftsteller die Welt der Reichen. Dieser Welt wähnt sich die gemeine Leserschaft so fern und doch so nah, weil mit der Erfahrung der Wirtschaftskrisen seit den zwanziger Jahren umso klarer aufscheint, dass das süße Leben in einer Seifenblase irgendwann unweigerlich zu Ende gehen muss. Fitzgerald hat hier wieder sinnbildliche Figuren kreiert. Sie sind so naiv wie all die Kulturindustrieschaffenden, Manager, Investmentbanker oder Politiker von heute, die sich eher das Ende des Universums vorstellen können als das Ende des derzeitigen Wirtschaftssystems, das sie für die beste aller Welten halten.

F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben. Erzählungen. Aus dem Englischen von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz. Hoffmann und Campe. 496 S., geb., 25 €.

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