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»Die Bereitschaft, darüber zu sprechen, war groß«

Der deutsche Historiker Thomas Kunze hat eine Biografie über den rumänischen Diktator Nicolae Ceaucescu verfasst

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Was hat Sie als deutschen Historiker motiviert, sich mit Nicolae Ceausescu zu befassen?
Ich war in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Rumänien an der Universität und im deutschen Auslandsschulwesen tätig. Da lag es auf der Hand, sich mit der Biografie des kommunistischen Diktators Ceausescu zu befassen. Immerhin hat er Rumänien von 1965 bis 1989 regiert und eine ganze Ära geprägt.

Wie erklären Sie es sich, dass es über 25 Jahre nach dem Umbruch in Rumänien noch keine rumänische Biografie Ceausescus gibt?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich jedenfalls würde mich sehr über eine Ceausescu-Biografie aus rumänischer Feder freuen und wäre sehr gespannt darauf. Es sind in Rumänien in den vergangenen Jahren viele wichtige Aufsätze und Publikationen erschienen, die sich nicht nur der Kommunistischen Partei, sondern auch Ceausescu widmen. Es gibt sehr gute Historiker in Rumänien. Meine Biografie kam in einem angesehenen Bukarester Verlag in rumänischer Übersetzung heraus. Vielleicht scheuten andere Verlage das unternehmerische Risiko, Ceausescu in ihr Programm aufzunehmen.

Haben Sie bei Ihren Recherchen am Buch von der Bereitschaft, offen über die Ceausescu-Ära zu sprechen, profitieren können? Und wie war die Archivlage?
Die Archivlage war zur Zeit meiner Recherchen eine andere als heute. Der Zugang war nur eingeschränkt möglich. Die Bereitschaft, über die Ceausescu-Ära zu sprechen, war hingegen groß. Übrigens auch bei Personen, die unter Ceausescu Ämter bekleideten. Ich führte ein Interview mit Ion Iliescu, der in den 1970er Jahren als »Kronprinz« gehandelt wurde, dann in Ungnade fiel und schließlich, nach der Revolution von 1989, erster Staatspräsident im postkommunistischen Rumänien wurde. Wichtig für mich war die große Fülle an Memoirenliteratur. Die Leute wollten ihre Erinnerungen teilen.

Wie verkauft sich Ihr Buch in Rumänien?
In Rumänien dürften es einige Tausend Exemplare sein. Für Deutschland habe ich einen genaueren Überblick, es wurden ungefähr 4500 Bücher verkauft. Für ein Sachbuch, das sich an einen überschaubaren Interessentenkreis wendet, eine Zahl, auf die man stolz sein kann.

Während Ihr Buch in Rumänien begeistert aufgenommen wurde, gab es in Deutschland mitunter deutliche Kritik. William Totok warf Ihnen beim Erscheinen der ersten Auflage im Jahr 2000 vor, »unüberprüfbare Informationen« verwendet und ein »unkritisches Spiegelbild der Gerüchte und Anekdoten« entworfen zu haben. Die nunmehr, im Februar dieses Jahres erschienene vierte Auflage scheint dieser Wahrnehmung zu widersprechen.
Totok ist ein Dichter und Schriftsteller mit einer bewegten Biografie. Ich schätze vor allem seine Poesie. Geboren und aufgewachsen im Rumänien Gheorghiu-Dejs und Ceausesus hat er einen sehr persönlichen Blick auf die rumänische Geschichte. Seine Kritik war mir deshalb wichtig. Als Historiker habe ich mich aber natürlich strikt daran gehalten, Quellen kritisch zu hinterfragen. Das gelingt manchmal gut, manchmal weniger gut.

Totok bemängelte, dass Sie die 1984 erstmals im dänischen Exil veröffentlichte »Geschichte der Rumänischen Kommunistischen Partei« von Victor Frunzã nicht nutzten.
Es gibt eine Vielzahl von Publikationen zur Geschichte des rumänischen Kommunismus. Victor Frunzãs Buch gehört dazu. Er war jedoch kein Historiker, sondern Journalist. Und er muss eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein. Nach einem Studium in Moskau in den 1950er Jahren kehrte er nach Rumänien zurück, um als Kulturredakteur beim Rundfunk und Fernsehen zu arbeiten. In den 1970er Jahren zählte er dann zu einem Dissidentenkreis in Bukarest. Er schrieb Gedichte, Prosa und Theaterstücke. 1980 emigrierte er nach Dänemark. Sein Herangehen an die Geschichtsschreibung war insofern mit vielen persönlichen Erlebnissen verbunden. Es stimmt, man sollte sie nicht außer Acht lassen.

Wie schätzen Sie die Verarbeitung der Ceausescu-Zeit in Rumänien ein? Man hat den Eindruck, dort wurde recht schnell der Mantel des Schweigens über diese Ära ausgebreitet.
Dem möchte ich widersprechen. Lassen Sie mich einen Vergleich zu Russland ziehen. Auch für Russland hält sich in der öffentlichen Meinung bei uns hartnäckig das Gerücht, es gebe dort kaum eine Aufarbeitung des Stalinismus. Das stimmt genauso wenig wie für Rumänien. Möglicherweise gibt es im Landesinneren, auch aufgrund der Tatsache, dass viele Menschen mit wirtschaftlichen Sorgen konfrontiert sind, kein so großes Interesse an Zeitgeschichte, wie wir es erfreulicherweise bei uns verzeichnen können. Aber es gibt eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen, die hervorragende Forschungsarbeit leisten, in Rumänien übrigens auch zunehmend mit jungen, engagierten Forschern und Historikern.

Thomas Kunze: Nicolae Ceausescu. Verlag Ch. Links. 464 S., geb., 50 €.

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