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Marseille fürchtet doch die Rechtsradikalen

Überraschendes Votum für Macron in einstiger kommunistischer Hochburg / Bei Parlamentswahl wird Mélenchons »dritte Halbzeit« erwartet

  • Von Charlotte Noblet, Marseille
  • Lesedauer: 4 Min.

In Marseille sorgt traditionell der Pastis für Stimmung, in den letzten Wochen aber auch insbesondere Jean-Luc Mélenchon. In der südfranzösischen Metropole kann der Anführer der Bewegung »La France Insoumise« (Das unbeugsame Frankreich) bei der Parlamentswahl im Juni auf viele Stimmen hoffen. Denn schon die Abstimmung über einen neuen Präsidenten hat gezeigt, dass Mélenchon hier überaus beliebt ist.

»Wir wollten nicht zwischen Nationalismus und Kapitalismus wählen, wir sind gegen beides«, sagt der Cafébesucher Jacques. Er gehörte am vergangenen Sonntag zu den vielen NichtwählerInnen, die weder für Macron noch für die rechtsradikale Marine Le Pen stimmten. Nur 63 Prozten der BürgerInnen beteiligten sich in Marseille am zweiten Wahlgang, im ersten waren es noch 74 Prozent.

Ist die Mélenchon-Euphorie schon verflogen?

In der Schule Parc Bellevue, einem Wahllokal im ärmsten Stadtteil Frankreichs, war die Euphorie des ersten Wahlgangs schnell verflogen. Wo Mélenchon Ende April 50 Prozent der Stimmen erhielt, wurde vor einer Woche Macron mit 91 Prozent bei der Stichwahl gewählt. »Hier wie in den anderen sogenannten Problemvierteln der Stadt wird die Front National abgelehnt, selbst wenn das ‘El Khomri- Gesetz’ dafür geschluckt werden musste«, erklärt ein Sozialarbeiter. Die Hoffnung, dass die tatsächlich vorhandenen Probleme mit einem Präsidenten Mélenchon endlich angegangen werden, sei schnell aufgegeben worden. Der Alltag hat die BewohnerInnen wieder fest im Griff. Dabei gingen sie noch im Januar auf die Straße, weil die Kinder in den Schulen nicht lernten, sondern frierten. Auf die Heizkörper warten sie immer noch.

Marseiller VertreterInnen von »La France Insoumise« bleiben dennoch kämpferisch. »Macron ist jetzt der Präsident aller Franzosen, er muss die Sorgen von allen berücksichtigen«, sagte Sarah Soilihi der Lokalzeitung »La Provence«, und versprach: »Unser neuer Präsident wird unseren Druck gebrauchen können, um auf die Straße zu hören. Dafür hilft natürlich eine starke Opposition in der Nationalversammlung.« Und so ist in den Tagen nach der Stichwahl für viele klar, dass Mélenchon auf eine Wahlempfehlung für Macron nur deshalb verzichtet hat, weil er nicht die Absicht hegt, sich für die »Législatives« mit der Bewegung des Liberalen zusammen zu tun, sondern eigenständig anzutreten.

»Endlich wählt Marseille wie Frankreich«

Dafür hat er einen guten Grund: Im ersten Wahlgang landete Emmanuel Macron stadtweit nur auf dem dritten Platz, weit hinter Mélenchon. Der Liberale hatte in der Stichwahl einzig von der Apathie gegenüber Le Pen profitiert. »Die Linken haben unsere Vororte mit einer Politik der Angst manipuliert«, hieß es von FN-Politiker Stéphane Ravier. Nicht nur am Alten Hafen und in den Problemvierteln, auch an der Corniche und in den wohlhabenden Stadtteilen im Süden sind viele der Wahlempfehlung des konservativen Bürgermeisters Jean-Claude Gaudin gegen die Front National gefolgt.

Die Macron-AnhängerInnen sehen sich nun im Aufwind. »Endlich wählt Marseille wie Frankreich«, freute sich Benjamin, der dem Sonntagabend mit seinen MitstreiterInnen am Alten Hafen verbrachte. »Emmanuel Macron hat jetzt fünf Jahre Zeit für die demokratische Revolution. Wenn wir es nicht schaffen, ist Frankreich 2022 in Gefahr«, sagt der Anwalt. Jeder Staatsbürger müsse nun aktiv werden.

Die Angst vor der Front National hat gesiegt

Ganz anders war die Stimmung in einem komorischen Restaurant auf dem Boulevard National, nah am Bahnhof Saint-Charles. Kein Jubel, aber Erleichterung: »Wir hatten wirklich Angst vor Marine le Pen. Sie ist nicht nur Rassistin, sie ist das Schlimmste für Frankreich in einer Frau vereint!« Babi und seine Familie haben die Ermordung des jungen Ibrahim Ali durch FN-Aktivisten bei der Wahlkampagne 1995 in Marseille nicht vergessen. Babis Handy piept. Es sind die Wahlergebnisse aus Mayotte, die einzige französische Inselgruppe der Komoren seit der Dekolonisierung: 42 Prozent stimmten dort für Le Pen. »Ich verstehe nicht, wie die Komorer so wählen können«, seufzt Babi.

Im Nachbarkaffee sieht sich eine Männerrunde nicht die Wahlanalysen an, sondern das Fußballspiel zwischen Olympique Marseille und OGC Nizza. »Wir hatten keine Wahl und haben gegen le Pen gestimmt«, erzählt Mohamed. Seit 40 Jahren wohne er in Marseille. Aus einem nördlichen Stadtteil ist er umgezogen, damit seine Kinder »bessere Chancen haben«. Jetzt werde das Stadtzentrum gentrifiziert, ob mit dem Titel Europäische Kulturhauptstadt 2013 und ihren Museen am Meer oder mit den Stadtentwicklungsplänen Euroméditerranée um den Industriehafen. »Mit Macron geht das weiter: Die Armen bekommen Sozialhilfe, die Reichen bleiben an der Macht und der Mittelstand muss den Unsinn ausbaden.« Die Runde ist desillusioniert. Selbst ein Sieg vom Olympique Marseille schmeckt nicht mehr: Macron sei OM-Fan.

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