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Aus Verzweiflung den eigenen Betrieb vermint

Arbeiter des französischen Zulieferers GM&S fordern Aufträge der Autokonzerne

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

»Bis zur Explosion fehlt nur noch ein Funke« – diese Losung hat jemand auf einen haushohen Gastank gesprüht. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die 279 Beschäftigten des Autoteileherstellers GM&S Industry in der Ortschaft La Souterraine im französischen Zentralmassiv zum letzten entschlossen sind. Nach einstimmigem Beschluss haben sie das Lager der Tanks und Gasflaschen auf dem Betriebsgelände mit Brandsätzen und Benzinkanistern umgeben. »So können wir jederzeit alles in Brand setzen und in die Luft jagen«, droht der Betriebsratsvorsitzende Yann Augras.

Zum Zeichen, wie ernst sie es meinen, haben die Arbeiter Ende vergangener Woche bereits eine Blechpresse und ein Punktschweißgerät mit Schweißbrennern zerlegt und zu Schrott gemacht. »Wenn wir unsere Produktionsmittel zerstören, mit denen hier seit mehr als 50 Jahren gearbeitet wird, dann ist das nicht Zerstörungswut, sondern ein Hilferuf«, betont Augras.

Der Grund der Aktionen: Im vergangenen Dezember erklärte sich GM&S für zahlungsunfähig, seitdem sucht der vom Handelsgericht in Poitiers eingesetzte Insolvenzverwalter nach Übernahmeinteressenten. Wie weit er damit gekommen ist, weiß niemand. »Der Betriebsrat wird an der Suche nach Lösungen nicht beteiligt und nicht einmal informiert«, konstatiert der Gewerkschafter bitter.

Entsprechend ist die Stimmung unter den Arbeitern, die das Werk seit Wochen besetzt halten. »Für uns geht es um alles oder nichts«, erklärt Anlagenfahrer Patrick Marais, der hier seit 26 Jahren beschäftigt ist. »Wir sind alle sehr besorgt, denn wir haben schließlich Familien, die auf unser Einkommen angewiesen sind. Wenn wir arbeitslos werden, finden wir in dieser Gegend weit und breit keinen neuen Job.«

GM&S war bisher im Departement Creuse der zweitgrößte Arbeitgeber. Industrie gibt es hier kaum und auch die Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Die Zukunftsaussichten für das Unternehmen sind eher düster, zumal die Automobilkonzerne Renault und PSA Peugeot Citroën, für die bisher zwei Drittel der im Werk gestanzten, zusammengeschweißten und dann verzinkten Blechteile bestimmt waren, die Verträge auslaufen lassen. »Wir fordern von Renault und PSA, dass sie die Lieferverträge erneuern, denn mit vollen Auftragsbüchern hat der Betrieb deutlich größere Chancen, von einem Investor übernommen und mit der kompletten Belegschaft weitergeführt zu werden«, ist Betriebsrat Patrick Brun von der Gewerkschaft CGT überzeugt.

Wie recht er damit hat, belegen Berichte der regionalen Medien. Die haben in Erfahrung gebracht, dass das französische Unternehmen GMD an einer Übernahme von GM&S interessiert ist, aber mangels fester Zusagen der Kunden dem Handelsgericht bislang kein überzeugendes Finanzierungskonzept vorlegen kann.

Die Richter werden am 23. Mai entscheiden, doch die Arbeiter wollen nicht tatenlos abwarten und melden sich durch Aktionen zu Wort. Schon vor Wochen fuhren sie mit einer großen Abordnung nach Paris und demonstrierten vor dem Renault-Showroom auf den Champs-Elysée und vor dem Firmensitz des PSA-Konzerns. Immerhin hatte das einen Betriebsbesuch von Premierminister Bernard Cazeneuve zur Folge, der sich die Sorgen der Mitarbeiter anhörte und die »Prüfung aller Möglichkeiten« zusagte, aber »nichts versprechen« konnte. Die Arbeiter sind auch skeptisch, ob der neugewählte Präsident etwas für sie tun wird. Als Emmanuel Macron im Wahlkampf Ende April den nahe gelegenen Märtyrerort Oradour-sur-Glane besuchte, luden sie ihn zu einem Abstecher in ihr Werk ein, aber er kam nicht.

Wenn aber nicht bald etwas passiert, droht die Liquidierung des Unternehmens mitsamt aller Arbeitsplätze noch vor Ende des Monats. Immerhin haben die Medienberichte über die Drohung der Arbeiter von GM&S, ihr Werk in Flammen aufgehen zu lassen, dafür gesorgt, dass für diesen Montag in der Präfektur des Departements ein Treffen von Vertretern der Regierung und der örtlichen Behörden sowie des Insolvenzverwalters mit Managern von Renault und PSA angekündigt wurde. Der Betriebsrat wurde diesmal dazu eingeladen.

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