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Reportagen vom Rand

Leidenfrosts Expeditionen

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Regelmäßigen Lesern des »neuen deutschland« muss man über die Qualitäten von Martin Leidenfrost nicht viel erzählen. Seit er in dieser Zeitung von seinen Expeditionen durch Europa berichtet, wartet eine stetig wachsende Fangemeinde auf die nächste Kolumne. Die nd-Redaktion kam rein zufällig zu diesem Autor: Eines Tages bat er um ein Gespräch, in dem er den Vorschlag äußerte, seine Impressionen hier, in der sozialistischen Tageszeitung, zu veröffentlichen. Das Gespräch verlief freundlich, er wickelte uns mit seinem österreichischen Charme ein wenig um den Finger.

Noch mehr aber mit seinen Texten. Denn Leidenfrost pflegt einen lakonischen Erzählton, der nichts aufbauscht und nichts glattbügelt. Die Leser stehen bei seinen Begegnungen praktisch neben ihm; bei seinen Gesprächen sitzen sie mit am Tisch. Leidenfrost verknappt lange Unterhaltungen zu Kurzdialogen, in denen alles steckt, was mitzuteilen ist. Er sucht nicht das Rampenlicht, sondern die Menschen am Rand. Am Rand des Kontinents, der Städte, der Gesellschaft. Dabei kommt ihm zugute, dass er, studierter Slawist, zahlreiche Sprachen zumindest so gut beherrscht, dass es für Kneipengespräche reicht. Manche auch so perfekt, dass er Dialektunterschieden nachspürt.

Separatisten üben auf ihn eine merkwürdige Anziehungskraft aus. Osteuropa liegt ihm näher als Westeuropa; und das nicht nur, weil er lange in einer slowakischen Stadt an der Grenze zu Österreich lebte, in einer Plattenbausiedlung. Sondern auch, weil er eine Grundsympathie hegt für Menschen auf der Schattenseite. Zu denen setzt er sich in die Stammlokale und hört zu; Recherchen sind das, bei denen er auch die alkoholische Vielfalt des Kontinents kennengelernt haben dürfte.

Jeder der vielen tausend Kilometer, die er kreuz und quer durch Europa gereist ist, hat sich gelohnt - nach Moldawien und Norwegen, nach Italien und Griechenland, in die Ukraine und die Schweiz. Sein Treibstoff: Neugier. Sein Ziel: die Wahrheit, allerdings nicht die der Schlagzeilen. Immer bringt Leidenfrost etwas mit: einen Eindruck, eine Erkenntnis, einen Gedanken, eine Besorgnis, ein Fragezeichen. Es bereitet ihm diebische Freude, diese mehrfach ausgezeichneten literarischen Reportagen, diese Reportageliteratur in vier sehr unterschiedlichen Zeitungen in der Schweiz, Österreich, der Slowakei und Deutschland zu veröffentlichen.

Dass die neueren Kolumnen von Martin Leidenfrost nun als Buch erschienen sind, ist auch für Leser von Interesse, die die Texte schon aus der Zeitung kennen. Denn man liest sie auch beim zweiten Mal mit Gewinn. Und man liest sie im Zusammenhang anders. Spürbar wird dabei seine Liebe zu Europa, vor allem zur Idee eines freundschaftlich verbundenen Europa. Zur Verschiedenheit von Sprachen, Traditionen, Kulturen, die sich vielleicht übereinander mokieren, aber nicht übereinander herfallen.

Am 20. Mai, bei unserem Pressefest nd live im nd-Gebäude, wird Martin Leidenfrost aus seinen Kolumnen lesen. Man sollte sich den Termin vormerken - so oft ist der Mann nicht in Berlin.

Martin Leidenfrost: Expedition Europa. Fünfzig exzessive Selbstversuche. Picus Verlag. 240 S., geb., 20 €..

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