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Portugal triumphiert mit Ansage

Für Deutschland bleibt beim Eurovision Song Contest in Kiew diesmal der vorletzte Platz

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 4 Min.

Mindestens 30 Millionen Euro hat der Ukraine das Vergnügen gekostet, den diesjährigen Eurovision Song Contest in Kiew auszutragen. Am späten Samstagabend kam es zum Höhepunkt der zwei Wochen, die die Hauptstadt Kiew im ESC-Fieber verbrachte: Das große Finale im Internationalen Ausstellungszentrum (IEC) am Rande der Stadt. Doch nicht nur das ausgesprochen schlechte Wetter, das die ganze Woche in Kiew herrschte, sorgte für einen bitteren Beigeschmack für den Gastgeber.

Zum einen war die offiziell ausverkaufte IEC-Halle auch beim Finale nicht ganz voll. 100 Euro für eine Karte in der Fanzone kann kaum ein Ukrainer bezahlen. Zudem haben in diesem Tagen sichtlich weniger als 30 000 ausländische Touristen Kiew besucht. Mit der Zahl hatte die Stadt gerechnet. Zum anderen musste der ukrainische Präsident Petro Poroschenko seinen geplanten ESC-Besuch wegen der Zuspitzung in Awdijiwka in der Ostukraine, wo an dem Abend ukrainische Soldaten und Zivilisten ums Leben kamen, absagen. »Der ESC ist eine wichtige Veranstaltung für die Ukraine, ich verzichte aber auf den Besuch«, schrieb Poroschenko auf seiner Facebook-Seite.

Ansonsten lief die letzte und wichtigste Show des ESC organisatorisch gesehen perfekt ab - bis auf einen Ukrainer, der während des Auftritts der letztjährigen Siegerin Jamala auf die Bühne gelangen konnte. Und das Finale sorgte letztlich für einige Überraschungen. So konnte der große Favorit, der italienische Gewinner des Festivals in San Remo Francesco Gabbani, weder Jury noch Zuschauer richtig überzeugen - und belegte nur den sechsten Rang. Gabbani und sein Lied »Occidentali’s Karma« (»Karma der Abendländer«) mussten sich mit dem Presse-Preis für den besten Song zufrieden geben.

Der Sieger war vom Beginn der Punkteverkündung an klar: Der Portugiese Salvador Sobral mit der schönen Jazzballade »Amar Pelos Dias« (»Liebe für Zwei«), von seiner Schwester Luisa geschrieben, gewann mit 382 bzw. 376 Punkten souverän sowohl die Jury- als auch die Zuschauerabstimmung. Der 27-Jährige, der mit schweren Herzproblemen kämpft, passte allerdings nicht nur aufgrund des für den ESC untypischen Liedes nicht ins klassische Format der Veranstaltung. Eigentlich wollte er beim Finale in einem Trikot mit der Aufschrift »S.O.S. Refugees« auftreten, das er bereits mehrmals während des Song Contest trug. Der Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion (EBU), hat sich jedoch eingemischt - und verbot Sobral, das Trikot während des Auftritts zu tragen. Der ESC sei schließlich für offene politische Statements nicht zugänglich. Allerdings hatte der Gewinner Sobral auch ein musikalisches Statement im Gepäck. »Das ist ein Sieg der Musik, die etwas bedeutet«, sagte er auf der abschließenden Pressekonferenz. »In unserer Welt ist die Musik völlig austauschbar geworden - Fast-Food ohne jeden Inhalt. Wir müssen versuchen, etwas zu ändern und die richtige Musik zurückzubringen.« Für diese Aussagen wurde Sobral von einigen Kollegen Arroganz vorgeworfen. Dass sein Sieg musikalisch voll verdient war, zweifelt jedoch niemand an.

Aus deutscher Sicht lief der ESC wieder alles andere als optimal. Zwar konnte Sängerin Levina mit ihrem Lied »Perfect Life« den dritten letzten Platz für Deutschland nach 2015 und 2016 in Folge verhindern und belegte den vorletzten Rang - nur Spanien hat noch schlechter als die 26-Jährige abgeschnitten. Levina musste zwischenzeitlich sogar mit den Tränen kämpfen. »Das war aber eine wundervolle Erfahrung, die ich nicht vergessen werde«, sagte sie. Hinzu kommen die schlechtesten Fernsehquoten für den ESC seit acht Jahren: Mit 7,76 Millionen Zuschauer holte sich die ARD zwar den Tagessieg, büßte aber gegenüber dem Vorjahr (9,33 Millionen) deutlich ein.

Auch die ukrainischen Gastgeber können mit dem Ergebnis kaum zufrieden sein. Die Band O.Torvald, die mit dem Lied »Time« in die Fußstapfen von Jamala treten wollte, belegte nur den 24. Rang - und lag damit nur einen Rang vor Deutschland. Insgesamt ist es der Ukraine aber gelungen, trotz des Krieges im Donbass und des Eklats um die Nichtteilnahme der russischen Kandidatin Julia Samoilowa ein gutes Bild des Landes nach außen zu transportieren. Ob 30 Millionen Euro ein zu hoher Preis für ein Land mitten in schwerer wirtschaftlichen Krise ist, ist eine andere Frage.

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