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Aus Niesky in den Eurotunnel

2015 stand der sächsische Waggonbauer WBN fast vor dem Aus - wie gelang die Wende?

  • Von Miriam Schönbach, Niesky
  • Lesedauer: 3 Min.

Zwei Jahrhunderte prallen in der Montagehalle beim WBN Waggonbau Niesky in Sachsen aufeinander. Unter ihrem Dach befindet sich ein Geflecht aus freitragenden Holzbalken. Diese Bauweise für Hallen wurde im Jahr 1919 in der kleinen sächsischen Stadt entwickelt. Mit dem sogenannten »Nieskyer Binder« wurden bald Fabrikgebäude deutschlandweit gebaut. Am Boden arbeiten die Waggonbauer aktuell an einem Eurotunnel-Auftrag. »Drei Züge sind schon ausgeliefert, zwischen 2018 und 2021 werden weiteren sechs Transporter folgen«, sagt Geschäftsführer Thomas Steiner.

Der Auftrag über 130 Millionen Euro hat vor knapp zwei Jahren die Wende für die Nieskyer Waggonbauer gebracht. Ein Jahr vorher verkaufte die Deutsche Bahn AG das in Schieflage geratene Unternehmen an die Münchner Unternehmensholdung Quantum. Sie holte Steiner, Maschinenbauingenieur und promovierter Wirtschaftswissenschaftler, aus dem Siegerland in den Kreis Görlitz. Sein Auftrag hieß: neue Auftraggeber heranholen. 250 Waggonbauer arbeiteten damals nur noch im Unternehmen - heute sind es 400.

»Familiengenerationen gingen durch dieses Werktor«, sagt Peter Schulze, der beim Waggonbau Personalleiter ist. Auch sein Großvater und sein Vater arbeiteten in dem Unternehmen, das aus einer 1835 gegründeten Dampfmaschinenfabrik hervorging. 1917 wurde der erste Wagen für die Schiene gebaut. Ihm folgten weitere Güterwaggons, Post- und Personenwagen sowie Straßenbahnen.

100 Jahre später besinnen sich die Nieskyer wieder auf ihre Anfänge. »Wir haben eine Nische gefunden: Auto- und Schüttgut-Spezialtransporte«, sagt Steiner. Die Eurotunnel-Züge transportieren künftig Lkw durch die 51 Kilometer lange Ärmelkanalröhre. Der erste Zug rollte Ende April zwischen Frankreich und England, zwei weitere sind ausgeliefert. Mit diesem Auftrag sei auch das Drei-Schicht-System wiedereingeführt worden, sagt der Betriebsratsvorsitzende Peter Jurke.

Daneben schrauben die WBN-Arbeiter nun schon an Spezialwaggons für den deutschen Konzern Kali & Salz aus Kassel und anderen Bestellungen.

Und: Die saudische Staatsbahn hat in Niesky Aluminium-Getreidewagen bestellt. Bei der Bahn-Messe in Dubai gab es Gespräche mit Bahngesellschaften aus Katar und dem Oman. Auch China ist als Markt interessant. Neben den Spezialwaggons hat Steiner immer die jüngste Nieskyer Neuentwicklung im Gepäck: belastbare und vor alle geräuscharme Drehgestelle. »Unser Ziel ist es, den Güterverkehr leiser zu machen. Außerdem gehen durch den geringen Verschleiß die Kohlendioxidwerte herunter. Das spart Energie«, sagt er.

Angesichts der derzeitigen Auftragslage erwartet das Unternehmen für die kommenden Jahre ein kräftiges Wachstum. Der Aufwärtstrend ist in der strukturschwachen Grenzregion zu Polen zu spüren. »Der WBN ist der größte produzierende Arbeitgeber unserer Stadt. Nach dem Auf und Ab hoffe ich, dass es so bleibt«, sagt Bürgermeisterin Beate Hoffmann (parteilos). Zahlreiche Zulieferfirmen, wie der Stahlbau Niesky, profitierten zudem von den neuen Aufträgen beim WBN.

Auch Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, bezeichnet Niesky als »starken Standort für Güterwagenbau«. »Die Entwicklung ist für die Region toll und sie hat auch etwas davon. Aber es muss sich auch für die Leute lohnen, Demografie ist außerdem ein Thema«, sagt er. Ende des Jahres werden die Gewerkschaft und das Unternehmen über den Abschluss eines neuen Tarifvertrags sprechen. Seit 2005 gibt es einen Haustarifvertrag, der regelmäßig neu verhandelt wurde. Betriebsratsvorsitzender Jurke: »Ein Flächentarifvertrag ist sicher nicht von heute auf morgen umsetzbar, aber über einen Stufenplan müssen wir reden.«

Für das Thema Nachwuchsentwicklung hat das Unternehmen schon eigene Pläne entwickelt. Jedes Jahr werden sechs Auszubildende eingestellt. Mit der Hochschule Görlitz-Zittau kooperiert der Waggonbau bei der Ingenieursausbildung. »Von den Studenten in diesem Dualstudium würde ich sofort noch welche nehmen«, sagt Steiner. Außerdem dürfen die Achtklässler aus Niesky jeweils eine Woche in den Betrieb hineinschnuppern. dpa/nd

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