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Macron hat ein Faible für Afrika

Freundschaften des französischen Präsidenten wecken bescheidene Erwartungen

  • Von Odile Jolys, Dakar
  • Lesedauer: 5 Min.

Frankreich wählt und Afrika fiebert mit. Heutzutage wäre das eine Übertreibung. Dennoch stoßen die französischen Präsidentschaftswahlen auch fast nach 60 Jahre Unabhängigkeit stets auf großes Interesse in den ehemaligen französischen Kolonien Afrikas.

Die politischen Debatten in Paris werden in den französischen Fernsehkanälen verfolgt. Das Wahlergebnis wurde auf die Titelseiten der Tageszeitungen gehoben und oft wurden dem Ereignis ganze Seiten gewidmet. Die senegalesische Studentin Fatou Faye, die Afrika noch nie verlassen hat, sagte zu ihrer französischen Freundin spontan: «Ich bin für Macron, mein Vater für Fillon und für wen bist du?»

Die Wahlen in Frankreich sind einfach oft spannender als die lokalen politischen Gefechte. So steht auch die Wahl des mit 39 Jahren jungen Emmanuel Macrons im krassen Gegensatz zu der Reihe alter Staatsmänner auf dem afrikanischen Kontinent. In einer Glosse in der senegalesischen Tageszeitung «le Quotidien» wird herausgestellt, dass Macron nun neben Paul Biya sitzen wird, dem Präsidenten Kameruns, der an die Macht kam, als Macron noch in den Windeln lag, oder mit Robert Mugabe in Simbabwe, der zum Staatspräsident gekürt wurde, als Macron geboren wurde.

Für den kamerunischen Philosophen und Historiker Achille Mbembe, Professor an der Witwatersranduniverstät in Johannesburg, und einer der bekanntesten Intellektuellen des Kontinents, ist Afrikas Haltung «neurotisch». Gegenüber «nd» sagte er: «Ich träume, dass eines Tages die Afrikaner sich für die deutsche oder US-amerikanischen Wahlen genauso interessieren wie für die französischen.» «Ich finde die Art und Weise wie die Afrikaner ihrer eigenen politischen Existenz den Rücken kehren und ihr politisches Leben übertragen, beschämend und demütigend», fügte er hinzu. Für ihn symbolisiert das Interesse an Frankreichs Politik eine Verinnerlichung der Knechtschaft. Er appelliert an die Afrikaner, aus diesem postkolonialen Syndrom herauszutreten, die eigene Verantwortung zu tragen und nicht zu versuchen, sie anderen zu übertragen.

Dass Marine Le Pen im zweiten Wahlgang vertreten war und ihr Chancen auf ein gutes Ergebnis vorausgesagt wurden, erklärt auch das Interesse Afrikas an diesem Wahlkampf. Ein kurzes Video einer senegalesischen Immigrantin in Paris machte im Netz die Runde. «Du kostest uns unsere Nerven, Marine Le Pen», wiederholte die Frau, die mit deutlichem senegalesischen Akzent sprach und erinnerte an die gemeinsame Geschichte mit Frankreich. «Bei uns gibt es Straßen, die De Gaulle heißen» und «wir werden wegen Dir, Le Pen, nicht unsere Koffer packen».

In einem Interview in der senegalesischen Tageszeitung «L'Observateur» erklärt der Botschafter Senegals in Paris, dass die Beziehung mit Frankreich «zuerst eine Freundschaft zwischen zwei Völkern ist», und deswegen erwartet er von dem neuen Präsident, dass er «auf der Höhe des gemeinsamen Respekts und der Zuneigung, die Franzosen und Senegalesen füreinander empfinden» handeln werde. Die gemeinsame Geschichte, die Präsenz afrikanischer Migranten in Frankreich und die zahlreichen Besitzer doppelter Staatsangehörigkeit sind eine Realität und Kennzeichnen der französisch-afrikanischen Beziehungen.

Was aber können die Afrikaner von Emmanuel Macron erwarten? Seine Beziehungen zu Afrika wurden von der Presse unter die Luppe genommen und das Ergebnis ist mager. Sein Jahrgang bei der staatlichen Eliteschule ENA hieß Senghor - nach Léopold Sédar Senghor, dem ersten Präsidenten Senegals nach der Unabhängigkeit. Während dieser Zeit schloss Macron eine anhaltende Freundschaft mit einem französisch-beninischen Mann und absolvierte sein Studienpraktikum in Nigeria. Seine Pressereferentin ist eine Senegalesin, die vor Kurzem in Frankreich eingebürgert wurde. Aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister in der Regierung Hollande soll er gute Beziehungen zu den Staatspräsidenten der Côte d'Ivoire und Senegals haben, zwei wichtige Säulen des Einflusses Frankreichs in Afrika. Und der ehemalige Chef der französischen Entwicklungsagentur Jean-Michel Severino wird als möglicher Minister gehandelt.

Macron hat dem französischen Afrika-Magazin «Jeune Afrique» vor den Wahlen ein Interview gegeben und dort seine Vision für Afrika präsentiert. Severinos Ideen waren deutlich herauszulesen. Für Macron hängt Afrikas Entwicklung vor allem von zwei Dingen ab: politische Stabilität und Frieden sowie ein Zügeln des starken Bevölkerungswachstums. Die Förderung von Ausbildung, Frauen, Infrastrukturen und die Unterstützung des Privatsektors sind weitere Punkte in seinem Afrikaprogramm.

Achille Mbembe interessiert nicht, was man von Frankreichs neuen Präsidenten erwarten kann. Die Frage für ihn ist «was erwarten die Afrikaner von sich selber?» Was sind sie bereit zu opfern, um auf den eigenen Beinen stehen zu können. «Nur dann», so Mbembe, «können wir Frankreich zwingen, die Augen zu öffnen.»

Emmanuel Macron lässt in Afrika dennoch einige auf neue Beziehungen zwischen Frankreich und Afrika hoffen. Während des Wahlkampfes, bei einem Aufenthalt in Algerien, bezeichnete er den Kolonialismus als ein Verbrechen gegen die Menschheit. So klar hatte dies noch kein französischer Politiker formuliert.

«Die Frage, ob Frankreich seine Beziehungen zu Afrika ändern wird, sei umgekehrt zu stellen», meint Mbembe, «Wieso sollte Frankreich ein System ändern, von dem es profitiert? Wie Barack Obama gestern wurde heute Macron nicht von den Afrikanern gewählt. Er ist ihnen nichts schuldig.» Dieses Hirngespinst, dass Frankreich aus Großherzigkeit seine Beziehungen mit Afrika ändern wird. Nichts wird sich ändern, solange die Afrikaner nicht aufwachen, sich nicht organisieren und neue Kraftverhältnisse zwischen Staat und Gesellschaft durchsetzen. Sie müssen sich geistig entkolonialisieren.«

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