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»Das Leben ist einfach Leben«

Zum Tod des DEFA-Regisseurs Roland Gräf

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Im Kino wird Technik zur Philosophie: Es bleibt unentschieden, ob da mehr Licht oder mehr Schatten das Leben erzählt. Und wenn von der DEFA die Rede ist, als einem staatlich streng gesteuerten Industrie- und Ideenbetrieb, so muss vor allem die Rede sein von Künstlern, die wesentlich waren und blieben. Wesentlich in der Treue zur Lust am Widerpart. Die Geschichte auch des ostdeutschen Films ist somit in ihren besten Teilen eine Geschichte der menschlichen Emanzipation von der Welt - um sie in erfundenen Welten als Rätsel, als Wunder und Wunde neu zu greifen. Oder nur zu erahnen - in Tiefen, die ihren Anfang in uns selber nehmen, aber mit uns doch kein Ende finden. Schon gar nicht in Wahrheiten, die man meißeln könnte.

Einer der prägenden Regisseure in Babelsberg war Roland Gräf. Begonnen hat er - 1934 im thüringischen Meuselbach geboren - als Kameramann, er arbeitete für Jürgen Böttchers »Jahrgang 45«. Erste Spurensetzung im Sinn des geliebten italienischen Neorealismus - »Ostzonen-Italiener«, knirschte damals Kameramann Werner Bergmann. Ein Kompliment. Berlin und junge Leute ungeschminkt. 1966 Sofortverbot wegen »Heroisierung der Abseitigen«. Das scheinbar Abseitige war das schmucklos Diesseitige, und im Schmucklosen doch so viel Liebe, so viel Lust, so viel Lebendigkeit. Egon Günther schrieb über Gräf: »Mit großer Energie hat er seine Visionen, seine Hingabe an das Bild weitergeführt, von einem bestimmten Punkt des Unmuts an hat er für sich den Kameramann abgeschafft und ihn zugleich, nach einem qualitativen Umschlag, in die nächsthöhere Ebene schöpferisch aufgehoben. Des Rätsels Sinn ist: Er wurde Regisseur.«

Da ist zum Beispiel der Achilles des Erwin Geschonneck. Ein alter Arbeiter, kein Thälmann-Heldentyp, also nicht Sohn, nicht Führer, sondern Großvater seiner Klasse. Aber eine Absage an alle, die sich mit dreißig zur Ruhe setzen. Wie dieser Rentner einige Gleichaltrige, auf einer Bank sitzend, betrachtet, wie er Rückschlüsse auf die eigene Verfasstheit zieht, das ist von einer ganz hellen Traurigkeit. Und ist ein schöner Aufschwungstrotz - mitten im Halbdämmer dieser späten Jahre. Leben ist mehr als nur ein Rechenfehler in den Bilanzen des Todes (»Bankett für Achilles«).

Da ist der Dr. Schmith des Armin Mueller-Stahl, der die DDR verlassen will, weil sein Forschungsprojekt in einer Säuglingsstation auf Hindernisse stößt. Auf einer Autobahn-Raststätte, wo die künftigen westlichen Arbeitgeber dem Arzt den Vertrag vorlegen, lärmt im Hintergrund laut singend eine FDJ-Gruppe. Ein einziges Bild erzählt den nervenden, groben Zustand, dem entronnen werden soll. Fotos, Briefe, Dokumente seines Lebens wirft Schmith auf eine Müllhalde. Das Paket reißt auf, es ist, als wirble eine Biografie als Fetzen im Wind, die Blätter senken sich wieder: Wieviel Existenzvernichtung liegt in jedem Neubeginn (»Die Flucht«)?

Da ist dieser Fallada des Jörg Gudzuhn. 1945: kein Krieg mehr, allenthalben Aufatmen. Aber dies ist ein Film über einen zerrissenen, depressiven Menschen - so ein Schicksal lief dem offiziellen Geschichtsbild der Befreiungszeit zuwider. Gräf: »Das Leben ist einfach Leben. Und mancher ist so gefangen in sich selbst, dass er keine Alternative hat.« Und nicht immer ist das, was eine Gesellschaft bietet, die Rettung, mag sie noch so sehr mit Idealen tönen. 1945, 1988. Historie als Frage ans Heute. Ein langer Kampf, ehe dieser Film gedreht werden konnte (»Fallada - Letztes Kapitel«).

Und da ist der Regisseur selbst (»Mein lieber Robinson«, »Fariaho«, »Das Haus am Fluss«, »Der Tangospieler«). Das Schlussbild. Nach dem Ende der DDR hieß es allenthalben, Roland Gräf habe nicht mehr Fuß fassen können im Gewerbe. Als ob es um den Fuß ginge! Das Herz konnte nicht scharren, das Gemüt nicht die Hacken zusammenknallen. DDR-Geschichte immer wieder auch: erschütternde Schicksalsgeschichte - weil man mit dem deutsch-deutschen Zeitenwechsel in eine Kontinuität der Arroganzen geriet. Als Roland Gräf nämlich Anfang der 90er Jahre wegen möglicher Arbeit zum neuen Babelsberg-Chef Volker Schlöndorff bestellt wurde, hatte der gerade einen Fototermin. Gräf: »Er saß am Tisch und ließ sich zeitgleich fotografieren, und ich saß dabei. Einer der nachdrücklichsten Momente in meinem Leben ... es war alles per Du und ganz freundschaftlich und hundsgemein.« So ging der Künstler lieber, inmitten blühender Landschaften, durch den Winter des Verzichts.

Er war ein Stiller, ein Genauer, seine Filme sagen: Interessant, dass es Überzeugte gibt - aber ein Gespräch ist nur zwischen Skeptikern möglich. Diese Filme glauben nicht an den Menschen, sie wissen: Er existiert. Und zwar im Zwickfeld aller nur möglichen Zauber und Entzauberungen. Nun ist Roland Gräf im Alter von 82 Jahren in Potsdam gestorben.

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