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Glückskinder & Menschheitsmenschen

Michael Wolffsohn genehmigte sich zu seinem 70. Geburtstag ein neues Buch - eine Familiensaga

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Er hat sich zu seinem Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht: ein neues Buch, »Deutschjüdische Glückskinder« getitelt, »eine Weltgeschichte meiner Familie«, was - wie der Autor einräumt - vermessen klingen mag, aber keineswegs ist.

Man freut sich als Redakteurin dieser Zeitung, gleich auf den ersten Seiten einen Dank ans »neue deutschland« zu lesen. Vor dem nd-Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz 1, wo dereinst das von Karl Wolffsohn, dem Großvater des Autors, mitgegründete und in den letzten Kriegstagen zerstörte »Plaza« stand, ist 2014 eine Stele eingeweiht worden, die an das von den Nazis »arisierte« Varieté sowie den vertriebenen Mitbetreiber und dessen ermordeten Geschäftsfreund Jules Marx erinnert. »Was erinnert in Berlin-Schöneberg an die ›Scala‹? Noch nichts und niemand«, kritisiert Michael Wolffsohn.

Vergangene Woche stellte er Wolffsohn sein neues Buch im Jüdischen Museum Berlin vor. Viele, viele kamen. Kein Wunder. Der Autor ist ein interessanter, streitbarer, mitunter polemisch zuspitzender Zeitgenosse, ein gewissenhafter, nicht im Elfenbeinturm verharrender, sondern unorthodox und nachhaltig sich in aktuelle Diskussionen einbringender Wissenschaftler und ein unerschrockener Tabubrecher. Kontroversen lösten etwa vor einiger Zeit seine Rechtfertigung der US-Terrorbekämpfung aus, ebenso seine Klage über eine »Ossifizierung« der Bundeswehr, die durch überproportionalen Anteil Ostdeutscher zu einer »Unterschichtenarmee« zu werden drohe. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er eine Streitschrift wider die Appellen von Politik und Medien an die Bürger, »Zivilcourage« zu zeigen, bei Übergriffen, Anschlägen und sonstigen verdächtigen Situationen mutig einzuschreiten. Dies komme einem Aufruf zum Selbstmord gleich, meint er; die eigentlich Verantwortlichen würden sich aus der Verantwortung stehlen. Selbstredend bewundere und verehre er Menschen wie Tuğçe Albayrak und Dominik Brunner, die Bedrängten helfen wollten und dabei umkamen. Er nennt sie »Helden der Menschlichkeit« und »Opfer von Gutmenschen«. Aus deren tragischem Schicksal schlussfolgert und fordert er: »Nehmt nicht dem Kaiser ab, was des Kaisers ist, sondern verpflichtet den Staat zu dem, was des Staates ist: der Schutz seiner Bürger nach innen und außen.«

Dieser Tage ist Wolffsohn bei den Medien in Sachen Rechtsextremismus in der Bundeswehr gefragt. Über drei Jahrzehnte lehrte er an deren Universität in München. Vor Kurzem wurde er zum »Hochschullehrer des Jahres« gekürt - »fünf Jahre nach der Emeritierung«, wie sich zur Buchpremiere Museumsdirektor Peter Schäfer amüsierte, der freilich dem Geehrten nachträglich gratulierte und ihn - auf dessen 70. Ehrentag anspielend - beruhigte: »Glauben Sie mir, es tut nicht weh, ich habe es hinter mir.«

Nun also hat Wolffsohn nach langem Zögern die Geschichte seiner Familie aufgeschrieben. Er reflektiert glanzvolle und gewalttätige Geschichte in vielen kleinen Geschichten, sich vor allem auf den mütterlichen Strang der Überlieferung stützend. Der Titel ist provokant, aber ehrlich. Weil: »Dies ist keine Opfer- und Unglücks-, sondern eine Glücksgeschichte.« Oder fast Glücksgeschichte. Die Wolffsohn konnten Nazideutschland fliehen. Und verloren alles. Aber: »Während Millionen anderer Juden ermordet wurden, auch Angehörige, Geliebte, Freunde und Bekannte, ging das Alltagsleben der Wolffsohns und anderer jüdischer Flüchtlinge, die sich nach Palästina retten konnten, sozusagen normal weiter. Üppig war es nicht, meist arg karg, aber trotzdem oft sehr schön.« Seine Mutter Thea habe ihm vor Jahren gestanden, man hätte zwar gehört, »was da Schreckliches an den Juden Europas verbrochen wurde, aber so genau wollten wir es, ehrlich gesagt, gar nicht wissen. Wir waren, so grausam und unmoralisch es klingt und ist, glücklich.«

Der am 17. Mai 1947 in Tel Aviv geborene Historiker hält sich ans Faktische, selbst wenn einigen dies nicht ins gewünschte oder erwartete Bild passen mag. »Auch von guten Deutschen wird hier erzählt«, schreibt er in seinem Vorwort. Und (hier wird der Political Correctness gewöhnte oder verwöhnte Leser zusammenzucken): »Sogar von dem einen oder anderen jüdischen Schlitzohr.«

Liebevoll wie auch offen berichtet Wolffsohn von seiner Familie. Die Saga beginnt mit dem nicht-synagogalen Großvater, dem aus jüdischem Kleinbürgertum in Posen stammenden und in die Berliner Großbourgeoisie aufsteigenden Karl Wolffsohn, Pionier des Filmtheaters und der Filmpublizistik, der das Leben der in Mietskasernen gepferchten sogenannten kleinen Leute »schöner und menschlicher« gestalten wollte, wobei ihm der Klassenkampf von oben wie unten schnuppe war. Und der im Sommer 1948 in Tel Aviv mit einem Wasserschlauch unter dem empörten Ausruf »Wie in der Judenschule!« in ein Klasszimmer zielte, wo sich Lehrer laut stritten, ob sie ihren Streik fortsetzen sollten. »Streik und Streit gehörten zum guten progressiv klassenkämpferischen, weltlich-messianischen Ton der frühzionistischen Kopf- und Handarbeiter.« Der »Jecke« aus Deutschland konnte sich da im »zionistisch-sozialistisch-flapsig-emanzipatorisch geprägten jüdischen Morgenland« nicht durchsetzen.

Der »Über-Wolffsohn« Karl kehrte 1949 nach Deutschland (West) zurück. Da die Bundesrepublik von sich behauptete, ein Rechtsstaat zu sein, hoffte er auf Rückgabe des geraubten Eigentums oder zumindest Entschädigung. Die »RaubKUNST«, wie bei Michael Wolffsohn zu lesen ist, erregt seit einigen Jahren jüdische und nichtjüdische Gemüter. Doch »RaubKINOS« und andere »Arisierungen« interessieren nicht, klagt der Autor. Sie haben keine Lobby.

Dem Großvater folgt die Großmutter, »die Christjüdin«, die in Überraschungs- oder Schreckmomenten »Jesses Maria!« rief und stolz war, mit Martin Luther an einem 10. November geboren zu sein, eine Grande Dame, die ihre zwei Buben Willi und Max von einer Gouvernante erziehen ließ und auch mal mit dem Ehemann ohne die Söhne und zu deren Enttäuschung ohne Vorwarnung über den Atlantik in die USA schipperte - »wie es sich für staatstragende Juden gehörte«, so Wolffsohn, mit der »MS-Deutschland«.

Recha hieß sie, gleich der Tochter von Lessings Nathan der Weise. »Der Name war Signal«, sagt Wolffsohn im Jüdischen Museum. In seinem Buch diskutiert er ausführlicher »Toleranz und Akzeptanz, die uns Menschheitsmenschen beglückt«, jedoch von christlicher und jüdischer Orthodoxie vielfach verworfen wurde. (Und heute noch von Fundamentalisten diverser Couleur negiert wird, möchte man hinzufügen.) In seinen spannenden, informativen Reflexionen über Nachkriegsdeutschland mit allerlei bekannten, gute und ungute Erinnerungen weckenden Namen widmet sich Wolffsohn auch den verständlichen Ängsten von Juden angesichts der deutschen Vereinigung. »Von Berlin nach Israel und trotzdem zurück nach Berlin« steht auf dem Grab von Vater Max Wolffsohn.

Michael Wolffsohn ist mit seinen Eltern 1954 an die Spree übergesiedelt, begann 1966 sein Studium an der FU Berlin, unterbrochen vom Wehrdienst in der israelischen Armee, promovierte und habilitierte sich und gründete eine Familie, zu der inzwischen ein atheistischer Linkspolitiker sowie eine Katholikin gehören. »Beide sind, jiddisch gesagt, ›a Mentsch‹ und mir als Menschen lieb«, schreibt Michael Wolffsohn und fügt weise hinzu: »Unter Menschen zählt die Menschlichkeit, nicht ihre politische oder konfessionelle Verortung.«

Michael Wolffsohn: Deutschjüdische Glücksinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie. Deutscher Taschenbuchverlag dtv. 432 S., geb., 26 €. Derselbe: Zivilcourage. dtv. 96 S., br., 7,90 €.

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