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Mit Hirn, Charme und Ambitionen

Dercons Volksbühne: Spielplan 17/18 vorgestellt

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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All die das hölzerne Formulieren zum Handwerk verklärenden Journalistenausbildungsbücher lehren bekanntlich, ein Bericht beginne im besten Fall mit der wichtigsten Neuigkeit. Nun denn: Die versammelte Presse hat am Dienstagnachmittag im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof bei der Vorstellung des Programms für die Spielzeit 2017/18 den baldigen Intendanten der Volksbühne nicht gelyncht.

Bei dem Ton, den die meisten Medien während der Debatte um die Neubesetzung des Postens seit März 2015 anschlugen, wäre eine feindselige Atmosphäre nicht überraschend gewesen. Stattdessen verströmte ein perfekt vorbereiteter Chris Dercon so viel Charme in den alten Gemäuern, dass selbst mancher der im Dauerwutzustand schreibenden Kollegen dem frei gehaltenen Vortrag des belgischen Kulturmanagers mit sympathisierendem Lächeln folgte. Warme Worte fand er für die Arbeit des vom deutschen Feuilleton gottgleich verehrten Frank Castorf, der die Volksbühnenleitung nach 25 Jahren abgeben muss. Der Nachfolger kommentierte die Arbeit des Vorgängers mit einem »Wow!« und teilte mit, er wisse gar nicht, wie er mit dieser »großartigen Kunst« mithalten solle.

Ein devoter Einstieg, der selbst den weltbesten Businesscoaches ein anerkennendes Kopfnicken entlocken würde. Wer aber ist das Team hinter Dercon? Ein festes Ensemble stellte er nicht vor, denn das solle erst im Laufe der Zeit aufgebaut werden. Dafür fielen aber sehr viele Namen von Theaterleuten und Kreativen anderer Kunstformen wie Tanz, Performance oder bildender Kunst, die als Gäste im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wirken werden. Sie sollen »Theater als Ort zum Mitdenken« begreifen - Hirn statt Hass. Neben dem Big Boss saßen auf dem Podium auch die Online-Beauftragte Mercedes Bunz, der Choreograf Boris Charmatz, die Regisseurin Susanne Kennedy und die Programmdirektorin Marietta Piekenbrock.

Letztere übernimmt offenbar die unbequeme Rolle als Dercons Rottweiler, denn in ihrem komplett vom Blatt abgelesenen Vortrag schlug sie eher kämpferische denn diplomatische Töne an. In der Debatte der jüngeren Zeit sei befürchtet worden, die geschichtsträchtige Institution könne sich zur »Eventbude« entwickeln und verlöre jede Tradition. Piekenbrock behauptete, das Gegenteil könne der Fall sein. Clever nutzte sie die im Hartz-Germany unter der rot-grünen Bundesregierung ab 1998 entwickelte Sprachverwirrung und deutete Kritik an einer postmodern vernebelten Kunstauffassung als altbacken, traditionalistisch und strukturkonservativ.

Man verstehe sich als pro-europäisch (gemeint sein dürfte EU-freundlich) und weltoffen. Unterscheidungen wie die zwischen Schauspiel und Performance, Tanz und Schauspiel oder bildender Kunst und Musik werden künftig an der Volksbühne nicht mehr existieren. Außerdem bedankte sie sich bei all jenen, die vorab ein vernichtendes Urteil über den mutmaßlich neoliberalen Dercon und sein Team gefällt haben. Gerade das habe zu einem Gefühl des »Jetzt erst recht« geführt, das dem Programm seinen letzten Schliff verpassen konnte.

Bevor Dercon und Piekenbrock ihre Programmperlen präsentierten, gab der Chef noch schnell das neue Corporate Design bekannt. Ab September lautet der korrekte Name des Hauses »Volksbühne Berlin«, weil neben dem Stammhaus in Mitte auch das Kino Babylon, der Flughafen Tempelhof und der virtuelle Raum als Spielstätten gelten. Rasch wirbelte der 58-Jährige noch einmal seinen grünen Textmarker in der Luft umher und verkündete, er wolle ein »Theater ohne Grenzen«. Dann wurde es konkret.

Bis Ende Januar wird es 16 Premieren geben, davon 13 Eigenproduktionen. Zum Auftakt am 10. September will Boris Charmatz die Zuschauer unter dem Motto »Fous de danse - Ganz Berlin tanzt« in Tempelhof zum Mitmachen animieren. Mohammad al Attar und Omar Abusaada zeigen am selben Ort am 30. September die Uraufführung von »Iphigenie« nach Euripides mit 15 aus Syrien geflüchteten Frauen. In der Volksbühne gibt es am 30. November die Uraufführung von »Women in Trouble« von Susanne Kennedy. In »Fever Room« (ab 7. Dezember) vermischt wiederum der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul Kino und Theater. Im digitalen »Fullscreen« erhält Alexander Kluge einen festen Sendeplatz. Mette Ingvartsen zeigt im Dezember als deutsche Erstaufführung die Performance »Red Pieces«. Ab Februar sollen an der Volksbühne auch der Film- und Theaterregisseur Albert Serra und der französische Theatermacher Claude Régy arbeiten.

Der Plan ist ambitioniert und verdient jene »faire Chance«, die Dercon einfordert. Ob das reicht, um die Fans der Castorf-Volksbühne zu gewinnen, bleibt abzuwarten. Seit Monaten inszeniert sich die dortige Mannschaft elegisch dem Ende entgegen - mit einer Ausprägung des berlintypischen Stolzes auf die eigene Einzigartigkeit, gegen den der berühmte Lokalpatriotismus der Kölner der reinste Selbsthass ist. Da muss sich der feine Herr Dercon weiter anstrengen. Oder, um es in der Managementsprache auszudrücken: Er muss liefern.

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