Von Werner Jung

Als Frank Zappa in der Wetterau weilte

Britta Boerdner entdeckt im Kleinen das Große

Die Provinzen haben’s derzeit literarisch besser, und ganz weit vorne an steht dabei Hessen. Autoren wie der bereits verstorbene Peter Kurzeck oder der vielfach preisgekrönte Andreas Maier haben ihrem kleinen hessischen Rayon zu einem erheblichen literarischen Ansehen verholfen. Mit Britta Boerdner kommt nun eine weitere Stimme hinzu, die sich an die Topographie und genaue Vermessung ihrer Heimat heranmacht. Und zwar ganz fulminant.

Egal, ob es nun wirklich stimmt, dass Frank Zappa im heißen Juli 1969 mit seinem Käfer just im Örtchen Randstetten in der Wetterau gestrandet ist, um einige Tage Abstand und Ruhe von seinem kalifornischen Domizil zu bekommen. Völlig egal auch, ob es wirklich der gewiss zu Recht eifersüchtige Freund der Romanprotagonistin war, der das berühmt-berüchtigte Porträt Zappas (mit heruntergelassener Hose) schoss. Die Geschichte, die Boerdner in unaufgeregtem Tonfall detail- und beobachtungsgenau erzählt, ist einfach bloß gut. Denn es gelingt ihr, auf wahrlich engstem Raum - Kneipe, Dorf und ein wenig Umland - und in der kurzen Zeit eines einzigen Wochenendes die Bundesrepublik am Ende der 60er Jahre plastisch vorzustellen.

Alles ist dabei in unreinen Mischungsverhältnissen vorhanden. Stagnation und Aufbruch, das ewige Einerlei und der Wunsch nach Veränderung finden in der Wirtschaft »Zum Grünen Baum« ihren Ort. Betrieben wird das Dorfgasthaus, in dem man auch Kleinigkeiten essen kann, von drei Frauen: der Großmutter, die als Heimatvertriebene hier irgendwie gelandet ist, der Mutter, Rosi, die, Mitte 40 und sitzengelassen, immer noch unter Fernfahrern nach dem geeigneten Partner sucht, und schließlich Evelyn (»Evi in der Schule, das Evchen im Dorf, Ev nennt sie sich selbst«). Siebzehnjährig und zur Ausbildung in einer Sprachschule, ist sie in der Kneipe als Aushilfe tätig.

Rundherum das übliche dörfliche Treiben, die Vereine, die Alkis, die Alten und Alleinstehenden. Nicht zu vergessen ist Rosis älterer Bruder Rudi, das kranke, debile, autistische Inventar der Kneipe. Von den Frauen versorgt, markiert er das ständig präsente, beiseitegestellte und unauffällige Menetekel. Und in dieses Dorf verirrt sich also der langhaarige amerikanische Musiker Frank, dessen VW schlappgemacht hat und nun repariert werden muss.

Während das Dorf noch feixt, was es mit diesem so sichtbar durchs Raster alles Gewohnten fallenden Ami auf sich hat, verliebt sich Ev Hals über Kopf in den mal wortkarg abgewandten, dann wieder überaus interessierten Musiker. Mit 17 kann man halt noch Träume haben, ganz wie der Schlager es uns vorgaukelt. Am Ende dieses langen, kurzen Wochenendes, an dem die beiden eine zärtliche Nacht miteinander verbracht haben und sogar noch eine helle Seite von Rudi entdeckt worden ist, der nächtens mit Schere, Papier und Kleber das ganze Dorf en miniature als Pappmaché nachbildet, bleibt alles so, wie es ist. Und doch ist alles ganz anders geworden.

Frank Zappa verschwindet mit seinem VW. Mutter und Großmutter beäugen sich und ihre Umwelt argwöhnisch oder lüstern. Ev geht weiter zur Schule, genießt gelegentlich Ausflüge in die Main-Metropole und wird sich ganz bestimmt von ihrer Jugendliebe Manni trennen. Wie’s weitergeht, wer weiß? Aber wer will das alles schon so genau wissen: »Wenn sie versucht, sich ihr Leben vorzustellen, stößt sie immer wieder an den gleichen Punkt. Sie kann sich nichts ausmalen, weiß nicht, wie Pläneschmieden geht, der Begriff Leben passt auch nicht auf die weiße Fläche der Jahrzehnte, die in unendlicher Streckung vor ihr liegen. Irgendwann an deren Ende ist man alt, doch das ist ebenso unvorstellbar wie alles andere, weil es nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte dauern, wahrscheinlich niemals eintreffen würde.«

Boerdner hat ein ungeheuer dichtes Buch geschrieben, das Liebes- und Entwicklungsroman in einem ist, Heimat- und Regionalliteratur im besten Sinne des Wortes, dazu noch Sozio- und Psychogramm einer Dorfgemeinschaft.

Britta Boerdner: Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 280 S., geb., 22 €.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken