Von Tobias Riegel

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Im Kino: »Nocturama« von Bertrand Bonello

6f631f9709a7a134.jpg
Terror kann so cool sein: die Täter nach der Tat

Sie waren jung und brauchten den Kick: Die französische Drama-Farce »Nocturama« folgt einer Gruppe hipper jugendlicher Terroristen in Paris. Wofür oder wogegen wird hier gebombt? Egal! Aber: Es war höchste Zeit! So spannend und eigenwillig dieser von der internationalen Kritik gefeierte Film stilistisch und formal auch ist, so spektakulär flach ist er inhaltlich. Der Regisseur mag andere Intentionen gehabt haben, doch am Ende steht das verheerende Fazit: Terror ist cool!

Der Anfang ist furios: ein mysteriöser, aber extrem stringenter und dadurch spannender und gewitzter Ablauf von offensichtlich minuziös geplanten kleinen Handlungen, versteckten Treffen und ausgetauschten unverständlichen Codes. Jugendliche schwärmen aus, werfen sich verstohlene Blicke in der Metro zu, deponieren Handys, checken die Uhrzeit. Hier laufen in wenigen Filmminuten die Stränge einer aufwendigen Idee zusammen. Dazwischen werden Rückblenden geschnitten, die unklar andeuten, wie sich die jugendlichen Protagonisten getroffen und verschworen haben.

Und das ist auch gleich das erste unaufgelöste Rätsel: Was könnte Vorstadtkids (Manal Issa, Hamza Meziani), eine behütete Studentin (Laure Valentinelli) und Migranten wie Rabah Nait Oufella so zusammenschweißen, wie es der Film suggeriert? Ja, das hätte man gerne gewusst, doch »Nocturama« verweigert jede echte Auskunft über diese heterogene Gruppe gut aussehender Hipster-Mörder. Man folgt nicht nur Unbekannten, sondern auch eindeutigen »Rebels without a cause«. Diese Aktivisten wissen tatsächlich überhaupt nicht, was sie tun, und vor allem nicht, warum sie es tun. Der Zuschauer weiß es auch nicht. Immerhin erfährt man, dass die Gruppe Sprengladungen im Innenministerium, an einer Bank und an einer Statue Jeanne D’Arcs angebracht hat und anschließend ausgerechnet in einem Luxuskaufhaus Zuflucht sucht, »bis die Luft rein ist«.

Heute einen in Paris spielenden Film zu drehen, der Terror nicht eindeutig ächtet, zeugt von großem Mut, wenn nicht gar von einer Sehnsucht nach kommerziellem Untergang. Erwartungsgemäß mieden die Franzosen »Nocturama« wie der Teufel das Weihwasser, und das trotz weltweit wohlwollender bis euphorischer Kritiken. Auch dass Regisseur und Autor Bertrand Bonello den Stoff bereits vor fünf Jahren (also vor dem Charlie-Hebdo-Massaker) geschrieben hat, half hier offensichtlich nicht weiter.

Es wird deutlich, dass Bonello keine realistische oder gar politisch-moralische Abhandlung über das Phänomen Terror drehen wollte. Dazu müsste auch erst einmal geklärt werden, wie »Terror« aktuell definiert wird. Denn wir leben diesbezüglich in unübersichtlichen Zeiten: Al-Qaida-Kämpfer werden über Nacht von verfehmten Teufelsboten zu einer verfolgten »Opposition« (Syrien) erklärt. Schlagen diese dschihadistischen »Rebellen« jedoch im Westen zu, sind sie wieder die Teufel. Schlagen allerdings nicht-muslimische Terroristen im Westen zu, hat dies wiederum oft nicht als Terror zu gelten. Um bei diesen Umdeutungen am Ball zu bleiben, müssen die »Terrorexperten« von ARD oder »Spiegel« ganz schön auf Zack sein.

Die Anschläge geraten in »Nocturama« schnell in den Hintergrund und sind offensichtlich für Bonello vor allem Anlass, die Kids unter möglichst fatalen Vorzeichen in dem verlassenen Konsumtempel zu versammeln. Dort führen sie ihren finalen (Toten-)Tanz auf. Und der Regisseur kann den etwas naheliegenden Kniff anwenden, die (mutmaßlichen) Konsumgegner als ordinäre Konsum-Opfer zu entlarven, die den Versuchungen des Kaufhauses erliegen, kaum dass sie die Schwelle übertreten haben. In einem Interview sagt Bonello über Shopping-Center: »Sie sind wie eine Welt ohne Fenster. Eine perfekte Welt in einer unperfekten.« In dieser Welt spielt ein quälend langer Teil des Films, während dem nichts passiert, außer dass sich die Protagonisten teils intensiv und gut gespielt, teils pubertär und theatralisch entblättern. Politik spielt auch hier keine Rolle. Das Gespräch über die Nachrichtenbilder von ihren Taten schwenkt sofort über zu einer Diskussion über Popmusik.

»Nocturama« ist nicht nur das Areal im Zoo, in dem die nachtaktiven Tiere leben. Es ist auch der Titel eines düsteren und rätselhaften Albums von Nick Cave and the Bad Seeds von 2003. Wäre Bonello doch ebenso konsequent wie diese Platte in der Sphäre des Rätselhaften und Unklaren verharrt. Tatsächlich verweigert er über weite Strecken Anklage und Erklärung. Doch in einem Moment zerstört er fatalerweise diese Distanz, indem er eine Passantin sagen lässt: »Es musste passieren. Wir wussten, es würde passieren.« Es ist dies die einzige Szene, in der die Taten moralisch bewertet werden, und zwar positiv. Das ist so zynisch und so kindlich-naiv, dass man dem Regisseur gerne eine Broschüre über die »Strategie der Spannung« und zur Instrumentalisierung von Terrorakten durch Staat und Kapital in die Hand drücken würde.

Das inhaltliche Versagen ist schade, denn dramaturgisch ist »Nocturama« hochinteressant und ungewöhnlich, sperrig und experimentell. Die Darsteller entfachen kein Feuerwerk, doch keiner fällt unangenehm auf. Der Schnitt und der gesamte verwirrende Aufbau sind streckenweise faszinierend und hypnotisch. Vielleicht ist der zu lange Film in seiner inhaltlichen Flachheit aber auch gerade realistisch, indem er den beschränkten Horizont von instrumentalisierten Terroristen spiegelt?

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken