Von Tomas Morgenstern

Die Glühwürmchen sollen raus

Friedrichshainer Kinderladen soll Wohnung weichen - Eltern sind ratlos

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Belagerungszustand im Spielzimmer: Erzieherin Ulrike Volkmann wird von »Glühwürmchen« umringt.

Vormittags, zehn Uhr im ersten Stock des Vorderhauses in der Wühlischstraße 57 in Friedrichshain: Auf der einen Seite eine Arztpraxis, auf der anderen hört man Kindergeplapper und das Trappeln kleiner Füße hinter der Tür. Bunte Lettern weisen hier den Weg in die Kita »Glühwürmchen« . Vor achteinhalb Jahren hat die Kindertagespflegestelle die früher als Büro genutzten Räume gemietet. Karola Langner und Ulrike Volkmann, die beiden Betreiberinnen, können sich vor der enorm großen Nachfrage junger Familien nach Betreuungsplätzen kaum retten.

»Bis zu vier Anfragen erreichen uns täglich«, sagt Karola Langner dem »nd«. Dennoch sieht sich die »Glühwürmchen«-Kita in ihrer Existenz bedroht. Mit Schreiben vom 5. Januar 2017 hat die HKL Hausverwaltung das Mietverhältnis fristgemäß zum 31. Juli gekündigt. »Als wir aus den Weihnachtsferien kamen und das Schreiben vorfanden, sind wir aus allen Wolken gefallen«, so die 55-Jährige. Sie ist gelernte Krippenerzieherin mit DDR-Abschluss und eigentlich Kummer gewöhnt. Man habe mit HKL-Inhaber Hilmar Schönberg das Gespräch gesucht. »Herr Schönberg hat uns zugesagt, uns bei der Suche nach alternativen Räumlichkeiten zu unterstützen. Doch dann ist der Besichtigungstermin, zu dem wir auch die betroffenen Eltern eingeladen hatten, kurzfristig abgesagt worden. Und seitdem haben wir den Eindruck, dass Herr Schönberg für uns nicht mehr zu erreichen ist.«

Hinter der Gesellschaft steht laut Langner eine Familie in Lübeck, die die Räume künftig als Wohnung anbieten will. Der Wohnraummangel ist in Friedrichshain-Kreuzberg, einem der angesagtesten Stadtbezirke, besonders groß. Wer Gewerberäume in Wohnungen umwandelt, stößt angesichts fehlender Wohnungen, zumal mit sozialverträglichen Mieten, weithin auf Akzeptanz. Darauf weist auch Hilmar Schönberg hin. Er versteht die Aufregung nicht. »Mir ist wichtig, dass es uns darum geht, Wohnraum zu schaffen«, sagt er. »Dem Bezirksamt haben wir mitgeteilt, dass wir die Gewerberäume im 1. Stock in Wohnungen umwandeln und nur noch im Erdgeschoss Gewerbenutzung anbieten. Wir haben da offene Türen eingerannt.« Er habe auch einen Sohn und verstehe ja die Sorgen der jetzt betroffenen Eltern. »Aber mehr, als mich zu bemühen, die Kita bei der Suche nach Räumen zu unterstützen, kann ich nicht tun.« Dort sollte man sich nicht allein darauf verlassen.

Karola Langner wohnt in Prenzlauer Berg und weiß, wie sich ein »Szenekiez« entwickelt. 2008 hätten sie in der Wühlischstraße noch einen guten Vertrag für ihre Kita ausgehandelt. Die beiden Erzieherinnen betreuen dort von 8 bis 17 Uhr zehn Kinder im Alter zwischen acht Monaten und sechs Jahren. Der Schlafraum liegt auf der ruhigen Hofseite, das Haus hat einen Fahrstuhl. »Drei Zimmer, Küche, Bad. 73 Quadratmeter warm für 730 Euro. So was gibt es heute nicht mehr«, sagt sie. Seit Monaten suchen sie mit Unterstützung der Eltern nach einem Ersatzobjekt. »Es sollte fußläufig erreichbar sein, und wir würden auch wegen der vielen Spielplätze rundum gern hier im Boxhagener Kiez bleiben.«

Berlin kann den Bedarf an Kitaplätzen vor allem in der Tagesbetreuung nicht befriedigen. Vor allem innerhalb des S-Bahnrings werden immer wieder auch bestehende Einrichtungen aus Gewerbe- und Wohnräumen verdrängt. Das bestätigen sowohl die Behörden als auch der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es 32 Tagespflegen, sagt Sylvia Hörhann-Bock, im Bezirksamt für diesen Bereich zuständig. Mehr als 200 Positionen umfasse die Warteliste. Hörhann-Bock hält Kontakt mit Schönberg. Sollte sich die Suche hinziehen, wäre für die »Glühwürmchen« immerhin eine Fristverlängerung drin, bestätigen beide.

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