Von Antje Rößler

Im Zickzackkurs

Zur Eröffnung des Berliner Klavierfestivals sprang Yevgeny Sudbin kreuz und quer durch die Musikgeschichte

Einen solchen Grad an Extravaganz leistet sich wohl nur ein Engländer. 2012 stampfte Barnaby Weiler das Berliner Klavierfestival aus dem Boden - allein deshalb, weil andere Veranstalter nicht seine Lieblingspianisten in die Stadt holten.

Seiner Musikleidenschaft war Weiler zuvor in verschiedenen Bereichen nachgegangen: Er arbeitete in London im Musikalienhandel, gründete ein eigenes Label und war britischer Verkaufsmanager für ein französisches Label - bis ihn schließlich die Liebe nach Berlin verschlug.

Das Festival gründete er ohne öffentliche Förderung. Er denkt da angelsächsisch und will die Privatwirtschaft dazu bewegen, Kultur zu finanzieren. In der Praxis funktionierte das anfangs kaum; große Firmen winkten ab. Nun gehören Zahnärzte und Steuerberater zur Sponsorenriege - alles, was der Klassikhörer so braucht …

Weiler mietet den Kleinen Saal unterm Dach des Konzerthauses, der sich bestens für Klavierabende eignet. Angenehm ist es, dass bei den Konzerten die Beleuchtung gedimmt wird. Das Halbdunkel fördert die Konzentration auf die Musik. Die Besucher blättern weder im Programmheft, noch suchen sie nach Hustenbonbons.

Zur Eröffnung am Dienstag spielte der in England lebende Russe Yevgeny Sudbin. Dass Barnaby Weiler diesen Pianisten schon zum dritten Mal einlädt, ist verständlich. Sudbin bot, souverän und spieltechnisch makellos, ein äußerst vielfältiges Programm - von Scarlatti bis Skrjabin.

Der 1980 Geborene, der aussieht wie Al Pacino in jungen Jahren, geht gleich zu Beginn in die Vollen mit Alexander Skrjabins später Tondichtung »Vers la flamme«. Die halsbrecherischen Tremoli legt er mit spielerischer Leichtigkeit hin, obwohl der Yamaha-Flügel recht hart und trocken klingt. Skrjabins an den Rändern der Tonalität zerrender Harmonien lassen die schlichten Monatsstücke aus Peter Tschaikowskis »Jahreszeiten« jedoch blass aussehen; eine unglückliche Kombination. Es folgt vor der Pause die akrobatischste aus Franz Liszts »Transzendentalen Etüden«, deren weitgriffige, bewegte Akkordfolgen Sudbin glasklar ausbreitet.

An den Fähigkeiten des Pianisten gibt es nichts zu beanstanden, wohl aber an der Programmgestaltung. Die Kompositionen seiner Kraut-und-Rüben-Folge passen schlicht nicht zusammen. Warum bloß unterbricht er die spätromantische Linie mit Domenico Scarlatti? Soll das in erster Linie den Verkauf seines Scarlatti-Albums ankurbeln?

Von den Erkenntnissen historischer Aufführungspraxis gänzlich unbeleckt, färbt Sudbin die Barocksonaten so romantisch ein, als stammten sie von Chopin. Originell und spannend ist das durchaus. Aber es festigt zugleich den Eindruck, dass es Sudbin weniger um die Werke, sondern um die Zurschaustellung seiner pianistischen Persönlichkeit geht.

Mit einem weiteren kuriosen Kontrast geht es von Scarlatti zu Nikolai Medtner, der offenbar zu Recht weniger bekannt ist als seine Zeitgenossen Rachmaninow und Skrjabin. Die virtuosen Raffinessen seiner »Sonata tragica«, die Sudbin furios zur Schau stellt, sind reiner Selbstzweck. Der Klaviersatz der bombastisch hallenden Musik wirkt derart dick und kompakt, als gelte es vor allem, sämtliche Finger stets zu beschäftigen.

Wohldurchdacht ist hingegen das Programm von Christian Zacharias, der am Freitag beim Klavierfestival auftritt. Er stellt Beethovens und Schuberts unterschiedlichen Umgang mit der Sonatenform einander gegenüber. Wie ein roter Faden zieht sich zudem die feierliche Tonart E-Dur durch den Abend. Ein Besuch sei empfohlen, denn der ausgezeichnete Musiker kommt nur selten nach Berlin. Weitere Gäste sind die Georgierin Elisso Virsaladze und der Schweizer Wahlberliner Francesco Piemontesi. Den Abschluss macht am 31. Mai die 24-jährige Italienerin Beatrice Rana mit Bachs Goldberg-Variationen.

2018 muss das Klavierfestival ausfallen, da Barnaby Weiler und seine Lieblingspianisten terminlich nicht zueinanderfinden. In zwei Jahren, das steht schon fest, ist Yevgeny Sudbin wieder dabei. Vielleicht lässt er sich dann von einer besseren Programmauswahl überzeugen.

www.berliner-klavierfestival.de

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