Von Lutz Behrens

Der letzte Marathon

Unsportlich war ich nie, doch mit Laufen hatte ich so gar nichts im Sinn.

Wer wagt, gewinnt! Oder er wird Zweiter. Und das kam so. Am Anfang stand ein Ausflug. Zur Plauener Hütte, in den Tiroler Alpen, knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Nach gut vier Stunden im Nieselregen endlich angekommen, atmete er schwer, das Herz pochte heftig und der Schweiß stand ihm nicht nur auf der Stirn. Auch der Gedanke an den Rückweg löste bei ihm wenig Freude aus. So kam es auch. Am nächsten Tag hatte es geschneit. Er rutschte aus. Der Kapselriss, den seine linke Schulter erlitt, schmerzt ihn manchmal noch heute.

Es war höchste Zeit. Du musst dein Leben ändern, darunter machte er es nicht. Bewegung tat Not. Unsportlich war er nicht. Im Gegenteil. Als Jugendlicher trainierte er seit 1960 an der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) in Karl-Marx-Stadt. Als Schwimmer im dortigen Sportclub. sollte er als bester Kraulsprinter seines Jahrganges 1964 in Tokio im Endlauf über 100 m Freistil starten. Olympiakader! Doch sein »im Westen« lebender Vater war den Funktionären ein zu großes Risiko. Aus der Traum.

Nach dem Abitur studierte er Sport. Im Zweitfach Deutsch. Schuldienst. Später promovierte er und bildete Lehrer aus. Unterrichtete nur noch Deutsch. Musste seine Nase nicht mehr in stinkende Umkleideräume stecken, konnte dem Vorturnen ade sagen und dem ungeliebten Ausdauerlauf. Gepflegte Radtouren bildeten über viele Jahre den Gipfel seiner körperlichen Belastung. Ging er schon mal schwimmen, mussten das Wasser sehr warm und die Distanz sehr kurz sein. Längst hatte er zu Rauchen begonnen. Zigaretten und Pfeife wechselten sich dabei ab.

Dann, 1998, die Warnsignale nach der Bergtour. Was tun? Das Laufen, gern auch Joggen genannt, war im Schwange. Damit hatte er eigentlich nichts im Sinn. Aber es sprach ihn an, weil es schön unkompliziert war. Turnschuhe hatte er. So kam der Tag, an dem er einfach losrannte.

Unvergesslich blieb ihm sein erster Lauf, nicht mehr als ein knapper Kilometer. Die Folgen warfen ihn aufs Sofa. Decke über den Kopf. Euphemistisch nannte er das Ganze ausschwitzen, doch er war dem Ende nah.

Laufliteratur motivierte ihn. Des heute wieder korpulenten Joschka Fischers »langer Lauf zu sich selbst« oder Günter Herburgers geniale Laufbücher. Er verschlang James F. Fixx’ »komplettes Buch vom Laufen«. Diverse Laufzeitungen füllten allmonatlich seinen Briefkasten. Bücher mit Trainingsplänen ließen ihn in längst vergessene Zeiten konsequenten, systematischen Sporttreibens zurückkehren. Intervalle, Tempoläufe, der Morgenlauf auf nüchternen Magen oder lange Läufe über mehrere Stunden gehörten nun zu seinem Alltag. Mit dem Rauchen konnte er von einem Tag auf den anderen aufhören. Sein Ziel: Marathon.

2000 startete er zum ersten Marathon seines Lebens. In Leipzig. Los ging’s am Augustusplatz. Vier Zehn-Kilometer-Runden und dann der kleine Rest. Wie ein Uhrwerk lief er viermal exakt eine Stunde für je zehn Kilometer, die letzten zwei und die 195 Meter fraßen 14 Minuten. Bis 2007 lief er Marathons in Lengenfeld/Vogtland, am Rennsteig, in Hamburg, München, Dresden, Berlin, Wien, in manchen Städten auch mehrmals. Unter vier Stunden zu laufen, die magische Grenze für Freizeitläufer, verpasste er um vier Minuten.

Im Jahre 2007 wurde er 60 und erfüllte sich einen langgehegten Wunsch: New York Marathon. Er mutete sich später auch zweimal Läufe über je 24 Stunden zu, jedoch nur als Teil einer Viererstaffel. Auch an Triathlon-Wettkämpfen im Vogtland nahm er erfolgreich teil.

Als 2010 die Schlacht von Marathon Jubiläum hatte, sie fand 490 vor der Zeitrechnung statt, lief er von Marathon nach Athen ins marmorne Oval des Olympiastadions von 1896. Ein harter Wettkampf, dem er sieben Jahre lang nur noch 10-km-Strecken oder immer mal wieder einen Halbmarathon folgen ließ.

In diesem Jahr, 2017, mit 70 Jahren, sollte es als 15. und letzter der legendäre Boston-Marathon, der älteste Stadtmarathon der Welt sein. Doch er überlegte es sich anders. Warum nicht in Leipzig beenden, was dort einst begann? So startete er am 9. April 2017 in Leipzig, locker, unbelastet und die Strecke genießend.

Und siehe da: Wer wagt, gewinnt! Zumindest wurde er in der M 70 Zweiter. Klingt gut. Ist aber nicht die ganze Wahrheit. Wurde er doch auch Letzter, denn es gab in seiner Altersklasse nur noch zwei Starter.

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