Von Gunnar Decker

Ist die Wunderkammer leer?

»Traurige Zauberer« vom Staatstheater Mainz

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Wer ist das denn? Der Höhepunkt natürlich: Graham F. Valentine.

Nebel ist nicht gleich Nebel? Das hieße wahrlich, eine Utopie des Andersseins zu pflegen. Bei Thom Luz kämpfen sogar die Nebelmaschinen gegeneinander. Statt mit Worten haut man hier mit artifiziellen Nebelkringeln um sich. Aber worum geht es dabei? Um einen Zirkus der Illusionen, der nicht verbirgt, wie sehr er von gestern ist. Ja, Gegenwelt ist schöner als Welt, Traum schöner als Realität, aber wo soll sie noch herkommen, die Phantasie, die man dafür benötigt?

Thom Luz hat nicht einfach ein Theaterstück auf die Bühne gestellt, das mit der Illusionsmaschine spielt, sondern einen Essay über Theater selbst. So etwas ist immer problematisch. Die Zuschauer sitzen auf der Bühne und blicken in den riesigen leeren Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele. Eine Dame in Fremdenführerpose mit erhobenem Arm geht durch die leeren Reihen und erzählt allseits ermüdende Theatergeschichten - dreimal abgebrannt das Haus und 2030 ans Internet angeschlossen. Die großen Magier, bloß noch Erinnerung? Das Theater ein Museum?

Dann schließt sich der Vorhang, und das Lachen und Klatschen eines imaginären Publikums ist zu hören. Graham F. Valentine, ein Unikum fürwahr, steckt seinen Kopf hinter dem Vorhang hervor. Wer ist das denn? Der Höhepunkt natürlich, knurrt, nein, knarrt der kauzige Brite zurück. Aber sein Auftritt findet nicht statt, obwohl er nun ständig - vor zugezogenem Vorhang - auf der Bühne zugange ist.

Es ist ein merkwürdiges Tableau, das hier ausgebreitet wird, Melancholie pur - und dann doch einige darin eingesenkte Hoffnungssplitter. Die ständig umherkreisende Theaterführerin ist inzwischen in einem Käfig gefangen gesetzt worden (Höhepunkt des Handelns der Beteiligten!) - zu reden hört sie dennoch nicht auf. Man sitzt vor beleuchteten Schminkspiegeln, redet intensiv mit seinem Spiegelbild. Die Spiegel sind so gestellt, dass nur das Abbild für die Zuschauer sichtbar wird. Es fehlte nur noch, dass die Spiegel Sprünge hätten!

Was für eine Metaphernschlacht ist das hier, bewaffnet mit Manierismen. Über der Szenerie liegt nicht nur immer wieder dichter Nebel, sondern eine seltsam biedere Patina. Sorry, aber wieder ist es Gottfried Benn, der erwähnt werden will: Vor 65 Jahren schrieb er ein damals spektakuläres Hörspiel: »Die Stimme hinter dem Vorhang«. Das kommt mir immer noch sehr viel moderner vor als diese prätentiöse Zirkus-als-Welt-Vorstellung von Thom Luz mit dem Staatstheater Mainz. Aber vielleicht will er uns das ja gerade zeigen? Die Zukunft liegt hinter uns, und alles, was wir noch zu bieten haben, ist müde Erinnerung an die Helden von gestern?

Am Ende sind es zwei Schauspielerinnen (Ulrike Beerbaum und Antonia Labs), die das Nicht-Geschehen, dessen Teil sie waren, auf der Bühne kommentieren. »Die Musik war schön« und »Das hab ich nicht verstanden«. Die Musik spielt zweifellos die Hauptrolle in diesem grotesken Abgesang, der sich eine »stumme Komödie« nennt und wie ein ältlicher Abklatsch der Ästhetik von Herbert Fritsch oder Christoph Marthaler wirkt. Aber gegen die beiden Urgesteine sieht der noch junge Thom Luz ziemlich alt aus! Denn im Spiel mit der Zeit, ihrer Zerdehnung und all den Schleifen, die uns auf unseren Sitzen festbinden, obwohl wir fliehen möchten, vergessen jene beiden doch nie: Theater ist Unterhaltung hier und jetzt.

Bleibt also nur die Musik, von der es heißt, sie sei schön. Das Programmheft listet die gespielten Titel alle auf - doch auf dem einsamen E-Piano, das hier die heimliche Hauptrolle spielt, klingen sie alle irgendwie gleich. Nein, die barocke Wunderkammer, die hier beschworen wird, ist leer. Aber an wem liegt das?

Ganz am Ende, dem offenbar kein Anfang folgen soll, sehen wir auf einem kleinen Bildschirm am Bühnenrand die Meeresbrandung. Eine Welle rollt heran - und in der Bühnenmitte verschluckt der Nebel die kleine Gruppe der traurigen Prediger eines Theaters, das es nicht mehr gibt. Sieht man diese zähe Inszenierung, ist man darüber allerdings nicht unbedingt traurig, sondern strebt befreit in den milden Frühsommerabend draußen vor der Tür.

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