Alle Macht den Rädern!

Vom Radeln leben: Der Boom der Fahrradkuriere

Von Samuela Nickel und Johanna Treblin

Sandra Thiel zieht sich ihre Klickpedalschuhe an. Der erste Auftrag ist gerade per Funk reingekommen. Thiel packt eine Wasserflasche in ihren voluminösen Rucksack und setzt den Fahrradhelm auf. Dann geht es los: zu einer Arztpraxis im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Zehn Minuten dauert die Fahrt, ein entspannter Start in den Tag. Thiel ist Kurierin in Berlin - aus Leidenschaft zum Radfahren. »Das ist der beste Job, den ich jemals gemacht habe. Ich will ihn solange machen, wie ich kann.«

Die braun-pinke Tüte steht bereits auf dem Tresen, als Alina Meier* das Burger-Restaurant betritt. Sie stellt die Tüte vorsichtig in eine pinke Box und stopft Schaumstoffplatten in die Leerräume, damit das Essen warm bleibt und nicht umkippt. Draußen spannt sie die Box auf ihren Gepäckträger. Bevor sie losfährt, tippt sie kurz auf ihr Handy: Lieferung abgeholt. Die Fahrt zum ersten Kunden dauert zehn Minuten. Vor zwei Jahren las Meier eine Ausschreibung des Essenlieferdienstes Foodora auf einem Studentenjobportal im Internet und bewarb sich sofort: »Ich fahre Fahrrad und bekomme Geld dafür - das ist einfach geil.«

Wie im Zeitraffer fährt Thiel von der Arztpraxis zunächst nach Wedding, dann weiter über Wilmersdorf nach Mitte. Sobald sie eine Lieferung abgegeben hat, meldet sie sich am Funkgerät. »204 hier. Bin frei.« Mit ihrer Kuriernummer identifiziert sich Thiel nicht nur gegenüber ihrem Auftraggeber, auch Fahrer sprechen sich mittlerweile mit ihrer Nummer an. Abbiegen, abholen, weiter. »Ich esse nicht, wenn ich Hunger habe, sondern wenn ich Pause habe.«

Als Freiberuflerin arbeitet Thiel mit der kleinen Vermittlungszentrale Ex-Bo, die Aufträge an sie weiterreicht. Die Kunden sind Arztpraxen, Kopiershops, zahntechnische Labore, Anwaltskanzleien und Immobilienfirmen. Für sie transportiert Thiel Aktenordner, Blutproben, Schlüssel, Medikamente oder Blumen. Pro Stunde erhält sie durchschnittlich neun Euro.

Meier bringt den Burger in den dritten Stock eines Altbaus. Hier war sie schon einmal. »An den klapprigen Aufzug erinnere mich.« Zurück auf der Straße, tippt sie wieder auf ihr Handy: Auftrag erledigt. Mit einem Piepton meldet die App, dass der nächste Auftrag schon auf sie wartet. Es ist Sonntag, der bestellreichste Tag der Woche. Meier war 2015 eine der ersten Fahrerinnen für Foodora. Sie arbeitet als Midi-Jobberin, pro Stunde verdient sie 9,50 plus ein oder zwei Euro Trinkgeld.

An einem Dienstagabend sitzt Meier in der ersten Reihe im Kunst- und Kulturzentrum »Zukunft am Ostkreuz«. Über Facebook hat die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) zur »Deliverunion launch night« eingeladen. Fahrer von Foodora und dem Konkurrenten Deliveroo wollen sich mit der Kampagne »Deliverunion« für bessere Arbeitsbedingungen in ihrer Branche einsetzen. Einige erzählen, ein Link zur Veranstaltung sei im internen Deliveroo-Chat gepostet und kurz darauf seitens des Unternehmens gelöscht worden. Auf Nachfrage sagt eine Sprecherin von Deliveroo: »Über das Löschen von Content ist uns derzeit nichts bekannt.«

Erreicht hat die Einladung in jedem Fall viele, der Saal ist voll: Rund 100 Menschen füllen die Stuhlreihen, stehen am Rand oder im Vorraum. Kurzes Handheben ergibt: Foodora- und Deliveroo-Fahrer sind etwa paritätisch vertreten. Rund die Hälfte ist angestellt, die andere Hälfte fährt selbstständig. Lediglich 10 bis 15 heben ihre Hand auf die Frage, ob sie tendenziell zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen sind, und ungefähr ebenso viele auf die Frage, ob sie tendenziell unzufrieden sind. Und doch sind sie hier.

Auf der Bühne zählen eine ehemalige Deliveroo-Fahrerin und eine Vertreterin der FAU auf, was ihrer Erfahrung nach schlecht läuft: Alle Arbeitsmittel - vom Fahrrad bis zum leistungsstarken Handy - müssen von den Fahrern selbst bezahlt werden. Kleidung gibt es gegen Pfand von den Unternehmen. Aber die Regenjacken seien von minderer Qualität, schnell schwitze man darin. Handys gingen häufig kaputt, fielen herunter, regneten ein. Zu viele Fahrer seien für die Lieferdienste tätig, viele kämen nicht auf die vertraglich vereinbarte Stundenzahl. Angestellten Fahrern werde zum Teil erst auf Nachfrage der bezahlte Urlaub gewährt, immer wieder fehlten gefahrene Stunden auf den Abrechnungen. Meier, in der ersten Reihe, nickt zustimmend. Absicht will sie ihrem Arbeitgeber nicht unterstellen. »Aber sagen wir mal so: Noch nie habe ich gehört, dass sich Foodora zugunsten der Fahrer verrechnet hat.«

Die Fahrer, die sich hier eingefunden haben, wollen mehr Informationen und Möglichkeiten zur Mitentscheidung. Das gilt auch für Meier. Änderungen von Regeln und Abläufen erscheinen vielen als willkürlich und wenig nachvollziehbar. Hinzu kommt eine App mit einem undurchschaubaren Algorithmus: Keiner weiß so recht, wer wann warum Aufträge bekommt oder eben nicht.

Sprecher beider Unternehmen sagen auf Anfrage, sie hätten neben je einer eigenen Reparaturwerkstatt Kooperationen mit Fahrradgeschäften abgeschlossen, in denen die Kuriere Rabatte erhielten. Dass einige Fahrer nicht auf ihre vereinbarte Stundenzahl kommen, bestreiten sie. Ein Sprecher von Foodora sagt: »Jeder Fahrer bekommt seine vertragliche Mindeststundenzahl zugewiesen.« Ein Sprecher von Deliveroo in London erklärt, die interne Statistik widerspreche dieser Wahrnehmung. Dass weiter eingestellt wird, habe einen Grund: »Wir gehen davon aus, dass sich die Zahl unserer Lieferungen weiter erhöhen wird.« Mögliche Fehler bei Abrechnungen seien »keine Firmenpolitik. Wir wollen auf keinen Fall, dass sich Fahrer übervorteilt fühlen.« Wer Probleme habe, könne sich jederzeit an die Firma wenden. Was die FAU angehe, ziehe das Unternehmen den direkten Kontakt mit den Fahrern vor. Einer internen Umfrage zufolge seien die meisten Fahrer zufrieden, sowohl mit dem Kommunikationsniveau als auch mit ihrer Arbeit insgesamt.

Einige dieser zufriedenen Fahrer sitzen beim Kampagnenstart in der hintersten Reihe im »Zukunft am Ostkreuz«. Sie arbeiten auf eigene Rechnung und verstehen sich nicht als Essenslieferanten, sondern als Fahrradkuriere. Sie tragen Leggins, kurze Hosen darüber und Sporthemden. Für sie ist Deliveroo ein Schlaraffenland, in dem sie das tun, was ihnen am meisten Spaß macht - das Fahrradfahren - und wofür sie auch noch Geld bekommen. Und nebenbei ist die Arbeit ein sozialer Treffpunkt von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Sie können ihre Schichten frei einteilen und verdienen an guten Tagen schon einmal 25 Euro pro Stunde inklusive Trinkgeld. Ob manche der Freien scheinselbstständig arbeiten, klärt derzeit der Zoll.

Angestellten sollte das Unternehmen mehr unter die Arme greifen, finden viele. Ein selbstständiger Fahrer sagt: »Ich denke schon, dass es angebracht wäre, den Angestellten die Verschleißteile zu ersetzen.« Ein Firmenhandy hält er hingegen für nicht notwendig. Deliveroo habe gerade günstige Handyverträge mit einem Anbieter ausgehandelt, Versicherung inklusive. Andere Fahrer meinen auch, die Firma müsse den Angestellten ein Fahrrad stellen: Es sei das Hauptarbeitsmittel, vergleichbar mit dem Computer für Mitarbeiter in Büros.

Auch ein paar klassische Radkuriere haben sich im »Zukunft am Ostkreuz« eingefunden. »Ich hoffe, dass die Kampagne auch uns nutzen kann«, sagt John Tribble.* Seit rund 15 Jahren habe sich der Stundenlohn für Fahrradkuriere kaum verändert, während die Lebenskosten gestiegen sind. Weil die Boten selbstständig fahren, zahlen sie zudem eine Gebühr an die Vermittlungszentralen, die für sie die Aufträge annehmen und weitergeben - entweder als Pauschale oder anteilig vom Verdienst. Übrig bleiben umgerechnet meist nicht mehr als sieben bis zehn Euro pro Stunde brutto. Dass jetzt plötzlich zwei Player auf dem Markt sind, die für Kurierdienste teils mehr zahlen, könnte die Preise insgesamt erhöhen, hofft Tribble. »Die Preise und die Auftragslage müssen steigen. Wir lieben unsere Arbeit. Aber wir sind nicht umsonst.«

Klassische Fahrradkuriere, die Arzneimittel und Aktenordner transportieren, gibt es schon seit vielen Jahren. Im Durchschnitt verdienen diese selbstständigen Boten um die acht Euro pro Stunde.
Klassische Fahrradkuriere, die Arzneimittel und Aktenordner transportieren, gibt es schon seit vielen Jahren. Im Durchschnitt verdienen diese selbstständigen Boten um die acht Euro pro Stunde.

Dabei hat die höhere Zahl an Berufsfahrern vermutlich auch dazu geführt, dass die monatlichen Ausgaben für Radkuriere gestiegen sind. Im Januar hat die Berufsgenossenschaft Verkehr (BGV), in der sich selbstständige Boten gegen Unfälle versichern müssen, Fahrradkuriere in eine andere Gefahrenklasse eingestuft. Dadurch sind die Beiträge drastisch gestiegen. Statt rund 100 Euro im Jahr zahlen sie nun 600 bis 1000 Euro. Die Berufsgenossenschaft begründet das damit, dass die Entschädigungsleistungen für Fahrradboten in den vergangenen Jahren stark gestiegen seien. Mit anderen Worten: Die Unfälle haben deutlich zugenommen. Ob die gewachsene Zahl der Essenlieferkuriere der Grund ist, sei aus der Statistik nicht ersichtlich, so die BGV. Zeitlich fällt beides zusammen.

Viele Kuriere beunruhigt die Erhöhung. Sandra Thiel sagt: »Wo willst du das hernehmen? Wenn dir dann gar nichts mehr zum Leben bleibt?«

*Namen von der Redaktion geändert