Mit der besten aller Waffen in der Hand

Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover widmet dem Karikaturisten Gerhard Haderer eine große Ausstellung

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.
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Wer im 21. Jahrhundert inmitten der Europäischen Union wegen eines satirischen Buches zu einer Haftstrafe verurteilt wird, der kann sich nur um ein Thema humoristisch verdient gemacht haben: Religion. Gerhard Haderer wurde diese Ehre im Jahr 2005 zuteil. Sein Werk »Das Leben des Jesus«, in dem die Titelfigur ein zufällig in die Rolle des Heilands geratender Junkie ist, erregte die orthodoxe Kirche in Griechenland so sehr, dass sie klagte. Sie bekam recht, weil der 38 Seiten umfassende Karikaturenband die »religiösen Gefühle« der Christen verletze. Schon zwei Jahre zuvor hatte die Staatsanwaltschaft die griechische Übersetzung beschlagnahmt. In Haderers österreichischer Heimat verlangte ein Bischof, der Künstler solle öffentlich um Entschuldigung bitten.

Haderer dachte gar nicht daran, dieser Aufforderung zu folgen. Geht es ihm doch darum, dem Glaubenswahn verfallene Würdenträger abzuwatschen. Im Deutschen Museum für Karikatur & Zeichenkunst Hannover lässt sich jetzt in der umfangreichen Ausstellung »Think Big!« die Kunst des 61-Jährigen bewundern. Die Religion nimmt hier einen großen Raum ein. Da wären etwa drei Priester, die die berühmten drei Affen (Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen) nachahmen und von denen einer dem anderen grinsend in den Schritt fasst. Oder ein Porträt von Papst Franziskus in Boxhandschuhen, garniert mit dem tatsächlich vom Scheinheiligen Vater ausgesprochenen Satz: »Wer meine Mutter beleidigt, riskiert einen Faustschlag.« Wahrscheinlich, feixt einem die Grafik ungesagt entgegen, soll derjenige auch noch die andere Wange hinhalten.

Da ließe sich natürlich einwenden, der christliche Glaube sei ein wohlfeiles Ziel und Verurteilungen wegen Blasphemie kämen kaum mehr vor. Ist der politisierte Islam nicht eine ebensolche Gefahr für die Meinungs- und Kunstfreiheit? Männer, die nur müde lächeln, wenn neben ihnen eine Frau im Namen Allahs gesteinigt wird, brechen vor Schmerz zusammen, wenn sie eine Zeichnung sehen, die den Islam karikiert. Ganz zu schweigen von Attentätern, denen die imperialistische Politik des »Westens« ein gern genutzter Vorwand ist, um »Ungläubige« zu ermorden.

Aber auch davor drückt sich Haderer nicht. Seit Langem ist er Stammkarikaturist der Illustrierten »Stern«. Und für die schuf er nach dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« 2015 ein für ihn untypisches, weil gar nicht schwarzhumoriges Plakat. Zu sehen ist ein Terrorist mit Maschinengewehr. Seine Körperhaltung signalisiert Angst, denn ihn kesseln unzählige und überlebensgroße Zeichenstifte ein. Es ist eine Hommage an die humanste aller Waffen, die Gerhard Haderer beherrscht wie wenige. Selten setzt er sie brachial ein. Sein eher zärtlicher Stil besticht durch überhöhten Realismus.

Haderers Figuren bewegen sich meist knapp jenseits des Naturalistischen. Der Maestro stilisiert markante Eigenschaften und zwingt den oft vom ersten Blick sich leiten lassenden Betrachter zum Innehalten, um über den Subtext nachzudenken. Kaum ein Karikaturist hat diesen bedeutsamen Satz von Kurt Tucholsky so konsequent verinnerlicht, in dem der Schriftsteller die Satire so definiert: »Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.« Haderers Fotorealismus bedient die Sehgewohnheiten des Publikums und vermittelt den Bildern eine charmante Oberfläche, unter der sich jener Abgrund präsentiert, den beinahe jede Idylle birgt.

Dafür sind seine genau beobachteten Zeichnungen von Recep Tayyip Erdoğan, Geert Wilders oder Donald Trump schöne Beispiele, vor allem aber sind es die Darstellungen des gemeinen Volkes. Eine im Garten bei perfekt gestutztem Rasen schlemmende Familie, deren Mitglieder wohlgenährte Rundungen zur Schau stellen, lässt sich beim Blick aufs üppige Bankett vom fröhlichen Oberhaupt fragen: »Puuuh - wer soll das alles essen?« Im Hintergrund lugt eine Gruppe offensichtlich aus Afrika stammender abgemagerter Kinder durch ein Gebüsch, die meisten heben einen Zeigefinger in die Höhe.

Eine Arbeit mit dem Titel »Urlaubsgrüße aus Lampedusa« zeigt ein beleibtes Touristenpärchen auf einer in Strandnähe treibenden Luftmatratze im Stil einer einsamen Insel, derweil am Horizont schwarze Menschen zu erkennen sind, die zum Ufer schwimmen. Daneben hängt ein Bild, auf dem ein Investmentbanker den Grill anschmeißt. Auf dem Rost und in der Tüte mit der Aufschrift »Grillkohle« liegen: Geldscheine. Wo Gerhard Haderer ein Machtgefälle lokalisiert, da greift er zum Stift. Es passt, dass auch die Helden der Populärkultur vor ihm nicht sicher sind. Fußballer haben es ihm offenbar besonders angetan. Cristiano Ronaldo in typischem Breitbeingehabe in der Kabinentür: »Wer hat mein Haargel?« Im Vordergrund vier Spieler von Real Madrid, von hinten zu sehen mit ihren nur unwesentlich differierenden Bürstenschnittfrisuren. Auch Angela Merkel darf nicht fehlen: Zur WM 2006 zeigte Haderer die Kanzlerin in Arbeitskleidung auf dem Spielfeld während jenes Saltos, den Miroslav Klose damals nach jedem seiner fünf Turniertore vollführte.

In diesen Werken blitzt in Haderer eine Sanftmut durch, die ihn auch in Fernsehporträts und Interviews charakterisiert. Er versteht sich als einfacher Chronist, der zeichnet, was ihm auffällt. Am liebsten tut er das an einem Ort, an dem andere Urlaub machen - in seinem Haus in Oberösterreich, wo die frische Luft ihm die Beachtung eines weiteren Diktums des Persiflagenverstehers Tucholsky ermöglicht: »Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.«

»Gerhard Haderer: Think Big!«, bis zum 9. Juli im Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst, Georgengarten, Hannover

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